08.01.15 | 22:00 Uhr

"Das Silicon Valley hat ein Arschlochproblem"

von Jonas Rest
Schöne neue Welt? Die Share Economy und das Versprechen des Teiles. © NDR/ARD

Hält nicht viel von den Versprechen der Unternehmen: Blogger Sascha Lobo.

Die Umwälzung ganzer Branchen durch die sogenannte Share Economy hat gerade erst begonnen. Ausgestattet mit Milliarden von Dollar von Risikokapitalgebern breiten sich Konzerne wie der Fahrtenvermittler Uber oder die Wohnungsvermittler Airbnb in rasanter Geschwindigkeit global aus. Vordergründig stellen sie das Teilen vor das Anhäufen von Besitztümern - das ist das Motto der neuen Ökonomie des Teilens. Doch tatsächlich drohe mit ihnen ein Rückfall in den späten Manchester-Kapitalismus, warnt der Autor Sascha Lobo, Deutschlands bekanntester Digitalexperte. Die Plattformen veränderten fundamental, wie wir arbeiten.

Herr Lobo, der Fahrtenvermittler Uber und die Wohnungsplattform Airbnb sehen sich als Teil der Share Economy, die das Teilen über das Anhäufen von Besitztümern stellt. Wenden sich die Menschen vom Eigentum ab?

Der Begriff Share Economy ist ein sehr cleverer PR-Begriff, weil er etwas sehr gutes und freundliches, das Teilen, mit der Wirtschaft verbindet. Man hat den Eindruck, da würde eine Art Menschenfreundlichkeit verarbeitet. Tatsächlich geht es aber um einer sehr viel größeren Veränderung der ganzen Ökonomie. Ich nenne das Plattformkapitalismus, weil ich glaube, dass dieser Begriff der Entwicklung gerechter wird - mit Teilen hat sie nur eingeschränkt zu tun.

Sascha Lobo

Sascha Lobo ist Deutschlands bekanntester Digitalexperte. Er wurde im Mai 1975 in Berlin geboren und als Buchautor bekannt, vor allem durch das zusammen mit Holm Friebe 2006 veröffentlichte Buch "Wir nennen es Arbeit". Es folgten weitere Buchveröffentlichungen, u.a. "Internet - Segen oder Fluch" oder "Dinge geregelt kriegen", jeweils gemeinsam mit Kathrin Passig. Zuletzt erschien gemeinsam mit Christoph Lauer "Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei".

Lobo studierte Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin. Nach dem Studium arbeitete er bei verschiedenen Werbeagenturen und gründete selbst eine Werbeagentur und eine Blogvermarktungsagentur mit und entwickelte freiberuflich Werbekampagnen. Seit 2007 ist Lobo Mitglied im Online-Beirat der SPD und berät zudem zahlreiche Unternehmen und Organisationen in ihrer Kommunikationsstrategie.

Wie kommen Sie auf den Begriff Plattformkapitalismus?

Es bilden sich neue Marktplätze auf Speed heraus. Diese Plattformen haben viele größere Potenziale als gewöhnliche Marktplätze: Sie funktionieren fast immer nach dem Muster, dass es nicht darum, geht der Beste in einem Spiel zu sein, sondern der Einzige. Das heißt: den Markt selbst kontrollieren zu können, um genau festlegen zu können, wer kriegt wann wo was. Airbnb und Uber mögen da die Vorzeige-Start-ups sein - tatsächlich ist es keine neue Entwicklung.

An welche Plattformen denken Sie da?

Schon Google hat mit der Suchmaschine zugleich eine Plattform geschaffen, und zwar für Werbung im Internet. Da Google den Standard für eine bestimmte Form der Internet-Werbung geschaffen hat, ist es sehr, sehr schwer neben Google zu bestehen. Man braucht ein Quasi-Monopol oder eine sehr marktbeherrschende Stellung, um einen solchen Standard zu schaffen. Davon profitiert in der Regel das Marktplatz-Unternehmen am meisten. Eine ganze Reihe anderer Leute profitieren auch. Aber die Plattform kontrolliert, wie die Geschäfte auf dem Marktplatz stattfinden und kann am meisten Honig daraus saugen.

Die schöne neue Welt der Share Economy

Neue Plattformen wie Uber verändern auch, wie wir arbeiten. Ehemalige Angestellte werden zu Mikro-Unternehmern, Plattformen wie Uber nennen sie ihre "Partner"

Das ist für mich die zentrale Entwicklung, der Kern der sogenannten Share Economy. Die Plattformen haben die Angebotsabgabe extrem vereinfacht. Uber ist ein sehr gutes Beispiel. Bislang konnten nur Taxiunternehmen Transportdienstleistungen anbieten. Nun habe ich eine Plattform, bei der jeder, der zufällig irgendwo lang fährt, mit einem Knopfdruck auf seinem Smartphone ein Angebot abgeben kann. Das führt zu einer Flut von Angeboten. Plötzlich strömen Leute auf den Markt, die keinen wirtschaftlichen Druck haben. Menschen, die einfach zufällig von A nach B fahren und sagen, ob ich da jetzt fünf Euro nehme für jemanden, der mitfährt, oder sieben oder drei ist eigentlich gar nicht so wichtig. Doch wenn die in Massen auf den Markt strömen, dann drücken sie die Preise auch für diejenigen, die unter Druck stehen zu fahren, da sie das Fahren für Uber als ihren Beruf begreifen.

  • Teil 1: Herr Lobo, der Fahrtenvermittler Uber und die Wohnungsplattform Airbnb sehen sich als Teil der Share Economy, die das Teilen über das Anhäufen von Besitztümern stellt. Wenden sich die Menschen vom Eigentum ab?
  • Teil 2: Wie könnte die Politik eingreifen?

Stand: 05.01.15 06:00 Uhr