16.10.14 | 21:45 Uhr

Verhütungspillen: Weniger Pickel, höheres Risiko

von Edith Heitkämper & Elena Kuch

Der Thrombosestrumpf und die Blutverdünner erinnern Julia Meiners aus dem niedersächsischen Brettorf jeden Tag an den Zusammenbruch im vergangenen Jahr, den sie nur knapp überlebt hat. "Die Ärzte haben mir gesagt, dass ich Glück habe, weil ich ein starkes Herz hatte", sagt sie.

Ansonsten hätte sie die beidseitige Lungenembolie, ausgelöst durch eine Thrombose, wohl nicht überlebt. Die ersten Symptome für die Krankheit zeigten sich, als sie abends von ihrem Kellnerjob nach Hause ging. Sie hatte lange gearbeitet, weil sie Geld sparen wollte für einen Auslandsaufenthalt als Au-Pair in Neuseeland. Doch dann war da diese Kurzatmigkeit, der Husten, die Rückenschmerzen. "Am Ende konnte ich nur noch gekrümmt gehen. So schlimme Schmerzen hatte ich noch nie in meinem Leben", erzählt Julia.

Pille als einziger Risikofaktor

Sie war zu dem Zeitpunkt 19 Jahre alt. Die Ärzte haben die Thrombose erst beim dritten Krankenhausaufenthalt überhaupt erkannt. Sie haben viele Tests durchgeführt, um herauszufinden, was die Thrombose, die ihre Venen verstopft hat, ausgelöst haben könnte. Julia war gesund, Nichtraucherin, hat Sport gemacht. Die Ärzte kommen zu dem Schluss, dass der "einzige Risikofaktor die Einnahme der Antibaby-Pille" war.

Wie knapp sieben Millionen Frauen in Deutschland hat Julia zur Verhütung die Pille genommen. Sie hatte die Packungsbeilage zwar gelesen und wusste, dass die Pille das Risiko für eine Thrombose erhöht. Was sie nicht wusste: Die modernen Mikro-Pillen mit dem Wirkstoff Drospirenon haben im Vergleich zu älteren Pillen ein doppelt so hohes Thromboserisiko. Zweieinhalb Jahre hat sie die Pille Yasminelle von Bayer/Jenapharm genommen. Statistisch bekommen laut Europäischer Arzneimittelagentur, die für Risikobewertungsverfahren zuständig ist, zwischen neun und zwölf von 10.000 Frauen eine Thrombose, ausgelöst durch die modernen Pillen mit dem Wirkstoff Drospirenon. Das sind hochgerechnet auf die fast 7 Millionen Anwenderinnen jährlich mehrere tausend Frauen.

Zwei Todesfälle pro Jahr

Seit Einführung der Drospirenon-haltigen Pillen im Jahr 2000 sind 28 Todesfälle beim Bundesinstitut für Arzneimittel gemeldet worden, die in Zusammenhang mit den Pillen gebracht werden. Bayer betont, auf das bekannte Risiko so schnell wie möglich hingewiesen zu haben, bewertet das Nutzen-Risiko-Verhältnis seiner Pillen aber immer noch positiv.

Die Unterschiede der Pillen Generationen

Bei älteren Mikro-Pillen mit dem Wirkstoff Levonorgestrel, die bereits seit den 80er Jahren auf dem Markt sind, besteht ein geringeres Risiko: Bei fünf bis sieben von 10.000 Frauen kann eine Thrombose auftreten. Deshalb rät das Bundesinstitut für Arzneimittel Gynäkologen, zunächst die Pille mit dem niedrigeren Risiko zu verschreiben und gut über Thrombose-Erkrankungen aufzuklären. Erst wenn sich bei einer Patientin herausstellen sollte, dass sie die Pille mit Levonorgestrel nicht verträgt, sollten Frauenärzte neuere Pillen verschreiben, wenn das Thromboserisiko bei der Frau gering ist.

Die Generationen der Antibabypille
GenerationenGestagenÖstrogen
1. GenerationNorethisteron, LynestrenolEthinylestradiol
2. GenerationLevonorgestrelEthinylestradiol
3. GenerationDesogestrel, Norgestimat, Gestoden, EthonogestrelEthinylestradiol
4. GenerationDrospirenon, Chlormadinonazetat, Dienogest, NomegestrolacetatEthinylestradiol, Estradiolvalerat

Andere Länder haben strengere Regeln

In anderen europäischen Ländern wie Frankreich werden die neueren Pillen von der Krankenkasse nicht mehr bezahlt. In Großbritannien, den Benelux-Ländern, Dänemark und Norwegen warnen die Gesundheitsbehörden vor Drospirenon-haltigen Pillen.

Prof. Bettina Toth von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sagt im Panorama-Interview, dass das Thema "im Verhältnis zu den Risiken überbewertet wird".

Sie fügt erklärend hinzu, dass sich der Begriff "Überbewertung" darauf beziehe, dass die Zahlen zum Thrombose-Risiko, die von der Europäischen Medizinischen Agentur (EMA) und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angegeben werden, möglicherweise deutlich geringer seien, wenn man im Einzelfall die Checkliste zur Verordnung oraler hormonaler Kontrazeptiva (EMA/BfArM) berücksichtige. Der Begriff "Überbewertung" beziehe sich auf das relative Risiko, nicht auf die Wertigkeit von Thrombosen und Thromboembolien unter hormonalen Kontrazeptiva. Außerdem betont die DGGG: "Das Thromboserisiko setzt sich aus einer Vielzahl an Einzelfaktoren wie Gerinnungsstörungen, Übergewicht, Bewegungsarmut, Rauchen, usw. zusammen. Die Pille bzw. die in ihr enthaltenen Hormone sind ein weiterer zusätzlicher Risikofaktor, weshalb eine individuelle Risiken-/ Nutzen Abwägung vor einer Pillenverordnung erfolgen muss. Die DGGG hat die Dringlichkeit erkannt und entwickelt derzeit eine S3-Leitlinie."

Werbung richtet sich an junge Frauen

In Deutschland werden die neueren Pillen von den Pharma-Herstellern besonders beworben: Pubertätspickel verschwinden schneller, es gebe nur eine geringe Gewichtszunahme, die Haare sollen schöner werden. Dass deutsche Frauenärzte immer noch vor allem moderne Pillen verschreiben, ist für den Gesunheitsökonomen und Pharmakologen Prof. Gerd Glaeske schlicht "skandalös". "Da es Pillen mit geringerem Risiko gibt, sollten diese auch verschrieben werden“, so Glaeske. Schließlich bekämen meist junge, gesunde Frauen dieses Medikament.

Top Ten der meistverkauften Mikro Pillen 2013 (Quelle: IMS Health)
PilleHersteller
Maxim (Dienogest)Jenapharm
Yasmin, Yasminelle, Yaz (Drospirenon)Bayer/Jenapharm
Lamuna (Desogestrel)Hexal
Belara (Chlormadinon)Gedeon Richter
Valette (Dienogest)Jenapharm
Maitalon (Drospirenon)Gedeon Richter
Aida (Drospirenon)Jenapharm
Minisiton (Levonorgestrel)Jenapharm
Belissima (Chlormadinon)Rottapharm
Chariva (Chlormadinon)Gedeon Richter
Yasminelle (Drospirenon)Bayer

Stand: 16.10.14 17:00 Uhr