04.09.14 | 21:55 Uhr

Share Economy: Das Märchen vom selbstlosen Teilen

von Tina Soliman

Jeder sollte sich Gedanken um die Zukunft machen, denn wir werden den Rest unseres Lebens dort verbringen. Deshalb betrifft es alle, wie die Ideen der Share Economy unser Leben verändern. Die Grundidee basiert auf dem "Sharing", also Teilen - das Bett, das Zimmer, das Auto. Wer hat, gibt denen, die nicht haben. Das klingt brüderlich, fast christlich. Die Utopie der schönen neuen Sharing-Welt: kollektivierter Konsum. Die ganze Welt als eine WG, die sich gegenseitig hilft. Doch etwas hat die Share Economy dabei übersehen: Teilen bedeutet "abgeben" - und zwar selbstlos, nicht zweckgebunden.

Auf einem Smartphone ist die App des Fahrdienstvermittlers Uber zu sehen © dpa Fotograf: Britta Pedersen

Share Economy: Das Märchen vom selbstlosen Teilen
Die Welt der Share Economy präsentiert sich gerne nachhaltig und selbstlos: Doch hinter Unternehmen wie Uber und Airbnb stehen Geldgeber wie Google und Goldman Sachs.

In der Welt der Share Economy wird die eigentlich gute Meins-ist-Deins-Philosophie unter der Maske der Nachhaltigkeit verkauft; aber gleichzeitig mit dem Mangel an Wohnungen und Zeit ein Riesengeschäft gemacht. Mit gemeinsamer Ressourcennutzung oder Altruismus hat das oft  wenig zu tun, weder seitens der Unternehmen noch seitens der privaten Anbieter. Wer sich auf den "Sharing"-Plattformen registriert, der will mit seinem Besitz, sei es mit dem eigenen Auto oder der Immobilie, Geld verdienen. Oder sogar mit dem Besitz anderer: Denn häufig werden zum Beispiel Wohnungen untervermietet, die der "Vermieter" selbst nur gemietet hat - auch, wenn das eigentlich nicht erlaubt ist.

Gesund geschrumpft?

Unternehmen wie Uber und Airbnb halten sich selbst für einen Bestandteil einer neuen nachhaltigen Denkweise. Alles soll gewissermaßen gesundgeschrumpft werden, getreu dem englischen Schlagwort vom "Downsizing", das auch für Automotoren und Häuser angewendet wird: Weniger Energieverbrauch und ein schonenderer Umgang mit natürlichen und wirtschaftlichen Ressourcen - so lauten die angeblich hehren Ziele einer neuen Gesellschaftsordnung, in der alle durch Teilen reicher werden - und gleichzeitig die Umwelt weniger belasten sollen.

Doch hinter vielen Plattformen stehen Geldgeber und große Investoren, die kaum für ihren Altruismus bekannt sind. Bei Uber heißen die Geldgeber zum Beispiel Google und Goldman Sachs. Wer also profitiert am Ende wirklich von der Vermittlung von Fahrdiensten, Übernachtungsmöglichkeiten oder Gefälligkeiten? Eröffnen Plattformen wie Airbnb, die jedes Zuhause in ein Hotel verwandeln, tatsächlich neue Möglichkeiten echter Begegnungen? Wird der Kapitalismus mit Fantasie und Kreativität umgebaut oder erliegen die Anhänger der Share Economy komplett dessen Verlockungen? Ist die Share Economy am Ende nur die totale Dienstleistungsgesellschaft?

  • Fragen an Uber

    Panorama hat Uber zu seinem Geschäftsmodell befragt. Lesen Sie hier die Antworten von Neil Gordon-Henderson, einem Sprecher von Uber.

  • Uber behauptet Teil der Sharing Economy zu sein, aber missbraucht Uber nicht nur die Idee des Teilens, um Profite zu machen?

    "Uber ist an vorderster Front der Share Economy in Deutschland. Wir ermöglichen den Nutzern von Uber Pop, einen Teil der Unterhaltskosten für ihre Privatfahrzeuge dadurch wieder reinzuholen, dass sie andere Leute mitfahren lassen. Uber glaubt daran, dass Deutschland ein zukunftsorientiertes, fortschrittliches Land ist - und als solches eine Führungsrolle im Herzen unserer Geschäftstätigkeit in Europa einnimmt. Wir werden für sicherere, intelligentere und umweltfreundlichere Transportmöglichkeiten sorgen, die für die smarten Städte der Zukunft charakteristisch sein werden. Viele dieser Städte nehmen die Dienstleistung von Uber dankbar an - und Deutschland sollte da nicht zurückbleiben."

  • Aber zerstört Uber nicht reguläre Jobs und ersetzt diese durch prekäre Beschäftigung und Schwarzarbeit?

    "Wir bieten in Deutschland zwei Produkte an: UberBLACK und UberPOP. UberBLACK ist ein Limousinenservice mit professionellen Fahrern und voller Transparenz: Der Preis berechnet sich nach: Basispreis, Fahrzeit und Distanz. Alle Informationen sind via der App und auf unserer Webseite einsehbar. UberPOP ist ein innovatives Mitfahr-Angebot, das den bestehenden Platz in bereits zugelassenen Autos auf der Straße besser nutzt. Fahrer werden miteinander vernetzt, so dass sie ihre freien Sitzplätze mit anderen teilen können und so die Kosten reduzieren können, die man als Fahrzeugeigentümer hat. Das ist nicht nur kosteneffektiv, sondern schont auch die Umwelt. Die Mitfahrer bezahlen am Ende einen freiwilligen Beitrag."

  • Aber bürdet Uber den Fahrern nicht das alleinige unternehmerische Risiko auf, profitiert aber selbst maßgeblich vom Gewinn?

    "Bei UberBLACK, unserem professionellen Limousinenservice, bekommt Uber 20 Prozent des Endpreises. Uber stärkt Hunderttausenden Fahrern weltweit den Rücken, indem wir Flexibilität und selbstbestimmte Arbeitszeiten in einen Arbeitsmarkt bringen, der normalerweise mit festen Schichten operiert. Die Fahrer sind komplett frei in ihrer Entscheidung, ob und wann sie fahren wollen. Darüber hinaus handelt es sich bei Uber um ein komplett bargeldloses System. Fahrer und Fahrgäste sagen uns, sie können es kaum erwarten, bis es Uber deutschlandweit gibt."

  • Taxifahrer müssen sich an Regeln halten, einen "Personenbeförderungsschein" besitzen, jährlich zum TÜV, eine Sonderversicherung bezahlen usw. Uber-Fahrer müssen dies nicht. Ist das nicht unfairer Wettbewerb?

    "Die Uber-Generation ist gegenüber neuen Technologien und Angeboten sehr aufgeschlossen. Auch in Deutschland wird Uber in einen Dialog mit der Politik und dem Gesetzgeber treten, um ihnen unser Anliegen besser verständlich zu machen. Sie müssen verstehen, welche Vorteile das Teilen von Mitfahrgelegenheiten in Privatfahrzeugen hat. UberPOP ist ein frischer, neuer innovativer Service, der Sicherheit und Flexibilität vereint, indem er Autobesitzern dazu verhilft, mehr Nutzen aus ihrem Auto zu ziehen. Das hilft der Umwelt und den Fahrern, den sie können so ihre Kosten reduzieren."

  • Wie kommentiert Uber das Urteil des Landgerichts Frankfurt, dass die Dienstleistung in Deutschland vorerst verbietet?

    "Das Urteil bezieht sich auf Uber Pop. Wir werden in Berufung gehen. Deutschland ist einer der am schnellsten wachsenden Märkte für Uber in Europa. Wir werden unseren Service auch weiterhin in Deutschland anbieten und gegen das Urteil vorgehen, das der Taxiverband erwirkt hat. Wir glauben daran, dass Innovation und Wettbewerb für alle Beteiligten gut sind, für Fahrer und Fahrgäste, jeder gewinnt. Man kann den Fortschritt nicht ausbremsen. Uber wird weitermachen und seine Dienstleistung via App weiterhin in ganz Deutschland anbieten."

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Lediglich eine Vermittlungsplattform?

Share Economy

Taxiunternehmen müssen ihre Fahrer und Autos versichern, auch dann, wenn diese gerade keinen Fahrgast haben.

Wenn jeder Taxifahrer oder Hotelier sein kann, werden verkrustete Strukturen und starre Hierarchien aufgebrochen, andererseits aber Verordnungen und Gesetze der Hotel- oder Taxibranche geschickt umgangen. Uber zum Beispiel entzieht sich ganz bewusst staatlicher Kontrolle und stellt staatliche Regelungskompetenzen und -befugnisse offensiv und aggressiv in Frage.

Denn die Firmen umgehen de facto zahlreiche Regeln und Sicherheitsbestimmungen: Taxiunternehmen müssen ihre Fahrer und Autos versichern, auch dann, wenn diese gerade keinen Fahrgast haben. Hotels müssen Hygiene- und Brandschutzvorschriften beachten und alle Gewerbe müssen sich an geltendes Arbeitsrecht halten - und häufig auch Tariflöhne bezahlen. Uber hingegen sieht sich nur als Vermittlungsplattform. So wird jeder Fahrer sein eigener Unternehmer, der sich selbst um Versicherungen, Arbeitszeiten und Gesundheit kümmern muss.

Deutsche Gerichte sehen den Sachverhalt im Fall Uber bislang jedoch anders: Uber sei zwar kein Beförderungsunternehmen, trete aber "als Teilnehmerin an einem von dem jeweiligen Fahrer begangenen Verstoß" gegen das Personenbeförderungsgesetz durchaus als Dienstleister auf, heißt es in einem aktuellen Urteil des Landgerichts Frankfurt am Main. Dieses verbot Uber kurzerhand, seine Leistungen in Deutschland weiter anzubieten. Uber kündigte an, gegen das Verbot vorgehen zu wollen: "Wir werden die Entscheidung angreifen und unsere Rechte mit Nachdruck und aufs Äußerste verteidigen", teilte das Unternehmen mit. Fortschritt und Innovation dürften nicht ausgebremst werden.

Wie wollen wir in Zukunft leben?

Share Economy

Die Share Economy scheint das ursprünglich altruistische Motive des Teilens in sein genaues Gegenteil zu verkehren.

Doch jenseits rechtlicher Fragen geht es vor allem darum, wie wir in Zukunft leben wollen: In Zeiten der ShareCommunity müssen sich Begegnungen lohnen - und zwar finanziell. Nachbarschaftsdienste wie Blumengießen und Katzenfüttern werden zur handelbaren Ware, während die Anhänger der Share Economy so tun, als gehe es um echte Beziehungen und Kontakte. So verkehrt die Share Economy das ursprünglich altruistische Motive des Teilens in sein genaues Gegenteil: Denn je mehr für Geld zu haben ist, desto schwerer fällt Besitz - oder sein Fehlen - ins Gewicht. Wer nichts zu teilen oder zu kaufen hat, bleibt ausgeschlossen von der schönen neuen Welt des Co-Konsums.

Welche politischen Antworten müsste es geben, wenn Gesetze aus einer Zeit stammen, in der es noch kein Internet gab? Gibt es überhaupt eine demokratische Kontrolle, und wie müsste diese aussehen, wenn Arbeits- oder Personenschutz, Versicherungs- oder Steuerpflicht von den Vermittlungsplattformen der Share Economy ganz beiläufig ausgehebelt werden? Wird durch Internet-Portale wie Uber und Airbnb also tatsächlich mehr Gemeinschaft erreicht oder nicht eher unter dem Namen des Altruismus viel Geld verdient? Verkaufen Uber, Airbnb und Co uns etwas, was es vorher umsonst gab, nämlich Freundschaftsdienste, als Handelsware? Und wollen wir eine Share Economy, die alle Aspekte menschlicher Beziehungen zur verwertbaren Ressource macht?

Stand: 04.09.14 10:54 Uhr