Leben im LKW: Wie Trucker ausgebeutet werden

von Philipp Hennig & Johannes Jolmes

Es ist ein kalter Sonntagmittag im Hamburger Hafen. Auf der Ladefläche eines LKW sitzen fünf Männer und kochen Suppe. Seit fünf Tagen leben die Fahrer aus Weißrussland zwischen Kabine und Ladefläche, warten auf ihre Fracht. Eine Ecke weiter verbringen polnische LKW-Fahrer ihr Wochenende. 600 Euro verdienen sie im Monat - zu wenig, um sich einen Stellplatz auf einem Autohof leisten zu können. Denn dort kostet das Parken Geld. Zwei Dixi-Klos auf der Straße sind die einzigen sanitären Anlagen hier.

Ein Leben auf der Ladefläche: LKW-Fahrer aus Weißrussland warten auf ihre Fracht.

Leben im LKW: Wie Trucker ausgebeutet werden
Schlafen, kochen, leben auf wenigen Quadratmetern - so sieht der Alltag osteuropäischer LKW-Fahrer aus. Das wollte die EU durch eine Verordnung eindämmen, doch die Umsetzung scheitert an mangelnden Kontrollen.

Günstige Fahrer, niedrige Preise

Kaum Hygiene, wenig Möglichkeit zur Erholung: Das ist die andere Seite von Europa- Grenzenlos. Denn durch den offenen Markt stehen europaweit Speditionen in Konkurrenz zueinander. Wer bei seinen Fahrern spart, kann die niedrigsten Preise anbieten. Treu dem Motto: Die günstigste Spedition bekommt den Zuschlag. "In Osteuropa haben wir andere Sozialstandards, wir haben andere Lebensbedingungen und da haben wir einfach eine ganz andere Kostensituation, Lohnsituation", erklärt der  Spediteur Bernd Kreutz. "Die Lohnkosten sind in der Spedition neben den Dieselkosten natürlich die Hauptkostenfaktoren." Und da wird dann gespart.

Spediteur Bernd Kreutz

Spediteur Bernd Kreutz fordert mehr Kontrollen der wöchentlichen Ruhezeiten.

Und so sind es vor allem osteuropäische Fahrer, die dieses Elend auf der Straße ertragen müssen. Dabei wollte die Europäische Union das durch eine Verordnung eindämmen: Alle zwei Wochen müssen die Fahrer eigentlich außerhalb ihrer Kabinen übernachten. Doch diese Regelung existiert in Deutschland wohl eher auf dem Papier. Es gibt kaum Kontrollen. "Wir werden zwar von den Behörden überprüft, aber die interessiert es nicht, wie oder wo wir uns erholt haben", erklärt einer der polnischen Fahrer. "Die Behörden, die uns kontrollieren, schauen sich normal nur die Lenkzeiten an und ob wir überhaupt Pausen gemacht haben."

230 Kontrolleure für 12.000 Kilometer Autobahn

Zuständig für die Überwachung dieser Ruhezeit ist das Bundesamt für Güterverkehr (BAG). Doch das hat laut Mario Märgner von der Gewerkschaft GdP viel zu viel zu tun. Die Aufgaben reichen von der Lenkzeitenkontrolle bis zu überladenen LKWs, lediglich 230 Kontrolleure überwachen 12.000 Kilometer Autobahn. "Die Aufgaben sind über die letzten Jahre stets angewachsen und die Personalentwicklung hat dem nicht Schritt gehalten. So dass wir heute also schlicht und einfach ein Defizit an der Stelle haben." Zudem tut sich das BAG tut sich schwer, Fahrer während der Ruhezeiten zu kontrollieren.

Hans-Gerhard Pernutz vom BAG

Ruhezeiten stören oder kontrollieren? Für Hans-Gerhard Pernutz vom BAG keine einfache Entscheidung.

Denn nur die "regelmäßigen wöchentlichen Ruhezeiten" müssen Fahrer außerhalb des LKW verbringen. Das stellt die Kontrolleure vor ein Problem. "Wir können nicht erkennen, ob der Fahrer eine tägliche oder eine verkürzte Ruhezeit einlegt, ohne dass wir diesen Fahrer während dieser Ruhezeit stören", sagt Hans-Gerhard Pernutz vom BAG. "Das würde natürlich der Verkehrssicherheit widersprechen. Uns ist sehr daran gelegen, dass die Fahrer ihre Ruhezeit ungestört einhalten können."

Doch gerade solche Kontrollen wären laut Spediteur Kreutz angebracht: "Es müssten ganz einfach am Wochenende mehr Kontrollen stattfinden, es geht nicht an, dass ein Fahrer seine regelmäßigen Wochenruhezeiten im Fahrzeug macht, das ist einfach nicht ok."

Belgien kontrolliert konsequent

Raymond Lausberg, belgischer Verkehrspolizist

Raymond Lausberg, belgischer Verkehrspolizist, kontrolliert konsequent.

In Belgien ist man da rigoroser: Verkehrspolizist Raymond Lausberg kontrolliert ohne Gnade - und hat damit die größten Erfolge. Ein ungarischer Fahrer beispielsweise war seit vier Monaten nicht zu Hause - geschlafen, gekocht, gelebt hat er die ganze Zeit in seinem LKW, auf etwa drei Quadratmetern. Das lässt sich leicht überprüfen anhand der Fahrerkarte, denn hier lassen sich die Fahr- und Ruhezeiten der vergangenen Monate auslesen.

Maut- oder Ruhezeitenkontrolle?

In Deutschland wurde dieser Fahrer übrigens auch kontrolliert. Auf die Anfrage von Panorama teilt das BAG mit: "Bei der angesprochenen Kontrolle handelte es sich um eine Mautkontrolle. [...] Bei Mautkontrollen dürfen jedoch aufgrund der Beschränkung [...] keine fahrpersonalrechtlichen Vorschiften kontrolliert werden."

Ungarischer Fahrer

Seit vier Monaten war dieser Fahrer aus Ungarn nicht zu Hause. Gekocht, geschlafen und gelebt hat er diese ganze Zeit in seinem LKW.

Auch was die Kontrolle der Ruhezeiten angeht sieht man beim BAG kein Handlungsbedarf. So würden "gerade die Kontrollen aus dem Bereich des Fahrpersonalrechts einen Schwerpunkt des Straßenkontrolldienstes bilden. Im Rahmen dieser Kontrollen wird auch die Einhaltung der wöchentlichen Ruhezeiten überprüft."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 03.04.2014 | 21:45 Uhr