08.05.14 | 21:45 Uhr

Hitlers Helfer: wie Nationalisten die Ukraine weiter spalten

von Johannes Edelhoff, John Goetz, Johannes Jolmes, Jan Liebold & Andrej Reisin

Die Lage im Osten der Ukraine ist eskaliert: Prorussische Separatisten kontrollieren Ortschaften und Städte, setzen sich über Gesetze hinweg. Sie stürmen die Staatsanwaltschaft von Donezk, schlagen ukrainische Polizisten zusammen, grenzenloser Hass. Dieser Hass kann das Land spalten. Denn das Land ist auch in der Erinnerungskultur tief gespalten: Im Zweiten Weltkrieg stand die Ostukraine nach Meinung vieler auf der einen, die Westukraine auf der anderen Seite.

Ukraine

Hitlers Helfer: wie Nationalisten die Ukraine weiter spalten
Die Lage in der Ukraine ist eskaliert, das Land erscheint tief gespalten. Das liegt auch an der geteilten Erinnerungskultur: Im 2. Weltkrieg standen Ost- und Westukrainer nach Meinung vieler auf verschiedenen Seiten.

Nichts macht das deutlicher als das große Vorbild im Westen: Stepan Bandera. Sein Bild prangt nahe der großen Bühne auf dem Maidan. Immer wieder einte die Protestierer eine Parole aus der Bandera-Zeit: "Ehre der Ukraine - Ehre den Helden!" Doch Stepan Bandera war ein radikaler Nationalist. Sein Kampf für eine unabhängige Ukraine war auch ein Kampf gegen Juden, Polen und Russen. Dafür verbündete er sich mit Hitler.

Verklärtes Bandera-Bild

Per Anders Rudling

"Man kann Bandera durchaus als faschistisch bezeichnen." Der schwedische Historiker Dr. Per Anders Rudling hat sich ausführlich mit der Geschichte Osteuropas während des Zweiten Weltkriegs beschäftigt.

Der schwedische Historiker Dr. Per Anders Rudling hat sich ausführlich mit der Geschichte Osteuropas während des Zweiten Weltkriegs beschäftigt. Für ihn ist das Bandera-Bild in der Ukraine verklärt: "Nach meiner Bewertung und der von den meisten Forschern kann man Bandera und seine Bewegung durchaus als eine faschistische bezeichnen, die stark am Holocaust beteiligt war", so Rudling. Im Osten hassen Bandera daher viele als Nazi-Kollaborateur. Im westukrainischen Lemberg dagegen erinnert man lieber seinen Kampf für die ukrainische Unabhängigkeit. Hier hat man Bandera sogar Denkmäler gebaut, Bandera ist Teil der Popkultur: auf Bierkrügen, Bildern und T-Shirts prangt sein Konterfei in der "Banderastadt" - so wirbt man hier.

Kritik gilt als russische Propaganda

Stepan Bandera

Kritik am Nationalhelden Stepan Bandera - auch in der neuen Regierung gilt das als russische Propaganda.

Kritik am Nationalhelden - auch in der neuen Regierung gilt das als russische Propaganda. Das Thema habe in Zeiten des Krieges zu ruhen, so der aktuelle Bildungsminister der Ukraine, Serhiy Kvit. Auch er betont Banderas Vorbildstatus: "Ich denke, dass Bandera als Symbol des ukrainischen Freiheitskampfs gelten kann. Aber das muss man strikt trennen von der aktuellen politischen Krise in der Ukraine und dem Einfluss der russischen Propagandamaschinerie." Banderas Nazi-Connection nur Putin-Propaganda?

Stepan Bandera war Anführer der Ukrainischen Nationalisten. Im Juni 1941 wurden Hitlers Soldaten in Lemberg von Banderas Truppen freudig empfangen. Ukrainer und Deutsche stürzten sich gemeinsam auf die Juden - am Ende ermorden sie in mehreren Pogromen Tausende Menschen: "Sie haben sich der Vernichtung von nationalen Minderheiten verschrieben. Die Organisation hat im April einen Plan geschrieben. Das war quasi eine Blaupause für den Massenmord an den Juden. Die Idee: Je mehr Juden beim Einmarsch der Deutschen getötet werden, desto besser", berichtet der Historiker Rudling.

Mythos Bandera

Stepan Bandera

Der Mythos Bandera ist in der heutigen Ukraine vor allem ein politisches Instrument: Der "Freiheitskämpfer" Bandera soll dem kulturell geteilten Land eine Identität geben.

Der Mythos Bandera ist in der heutigen Ukraine vor allem ein politisches Instrument: Der "Freiheitskämpfer" Bandera soll dem kulturell geteilten Land eine Identität geben. Dass Bandera und die ukrainischen Nationalisten auch mit den Nazis kollaborierten, ist dagegen kaum ein Thema. Was Banderas Geschichte besonders kompliziert macht: Nachdem er zunächst mit den Nazis zusammengearbeitet hatte, wurde er 1941 von den Deutschen verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin gebracht. Der Grund: Seine Männer hatten eine freie Ukraine ausgerufen - das war den Nazis dann doch zu viel. Doch Bandera kam nicht in eine normale KZ-Baracke, sondern in den Zellenbau für Sonderhäftlinge, denn die Nazis hielten ihn weiterhin für nützlich.

"Ehrenhäftling" in Sachsenhausen

Prof. Günter Morsch leitet die Gedenkstätte in Sachsenhausen. Er berichtet über die Haftbedingungen: "Der Zellenbau ist ein Sonderbereich im Konzentrationslager gewesen. Man riss Wände zwischen Zellen nieder und richtete mit Möbeln ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer ein, man hängte an die Wände sogar Bilder und auf dem Boden war ein Teppich. Das änderte zwar nichts an der Situation, dass man gefangen war, aber für diese Ehrenhäftlinge wurden Sonderbedingungen hergestellt."

Knapp drei Jahre war Bandera in deutscher Gefangenschaft. Für seine Anhänger dient diese Zeit als Beweis, dass er vor allem Freiheitskämpfer und kein Nazi-Kollaborateur war. Doch 1944 wurde er - äußerst unüblich für ein Konzentrationslager - wieder entlassen: "Er hat mit den Nationalsozialisten verhandelt und man kam zum Ergebnis, dass er ein ukrainisches Nationalkomitee gründet im November 1944 und danach militärisch bewaffnet an der Seite der Nationalsozialisten gegen die Rote Armee zieht", erzählt Prof. Morsch.

Am Ende des Krieges gab es sogar eine ukrainische Waffen-SS-Division, der in Lemberg bis heute von Neonazis gedacht wird. Für den Historiker Rudling handelt es sich insgesamt um eine große Mystifizierung: "Im Westen feiern sie Bandera nicht für die Verstrickungen in den Holocaust. Sie erinnern sich ausschließlich daran, dass er Stalin bekämpft hat. In der Ostukraine gibt es die vielen Stalin-Statuen. Dort erinnern sie Stalin nicht für die Hungersnöte und für den Terror, sondern sie erinnern nur den Großen Sieg und seinen Kampf gegen den Faschismus." Bandera, Hitler, Stalin - West gegen Ost. Für alle ist jetzt an der Zeit aus der Geschichte zu lernen.