16.10.14 | 21:45 Uhr

Deutschland lässt afghanische Helfer im Stich

von Thomas Berbner, Christoph Heinzle, Volkmar Kabisch Volkmar Kabisch © NDR / Ulla Brauer Fotograf: Ulla Brauer

Sie haben für Deutschland ihr Leben riskiert - tausende afghanische Helfer von Bundeswehr und deutscher Entwicklungshilfe. Dafür gab die Bundesregierung ihnen ein einfaches Versprechen: Deutschland ist ein Land, das Dankbarkeit kennt. Ein Land, das auch in Zukunft für ihre Sicherheit sorgt. "Für den Fall, dass Sie bedroht sind - latent oder offen - bieten wir Ihnen auch Schutz in Deutschland. Darauf können sich alle verlassen", sagt der Bundesinnen- und frühere Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) in einem Video seines Ministeriums.

Ein Bundeswehrsoldat und ein Dolmetscher in Bundeswehruniform sprechen nahe Kundus im Distrikt von Char Darreh mit Bewohnern. © dpa Fotograf:  Maurizio Gambarini

Deutschland lässt afghanische Helfer im Stich
Afghanische Ortskräfte waren unsere Helfer - zum Beispiel als Dolmetscher. Jetzt drohen ihnen die Taliban mit dem Tod. Trotzdem wird ihnen die Ausreise nach Deutschland oft verweigert.

Todesdrohungen per Brief und Video

Auch Amruddin Muradi hat das lange geglaubt. Auf die Straßen von Kundus traut er sich nur noch verhüllt. Er fürchtet um sein Leben. Der Grund: Muradi hat jahrelang für die alliierten Truppen gearbeitet, von 2009 bis 2013 als Übersetzer bei der Bundeswehr. Den Taliban blieb das nicht verborgen. In einem Drohbrief, den Muradi erhalten hat, steht: "Amruddin, Du hast für die Ungläubigen gearbeitet. Du bist ein Spion der ausländischen Truppen in Kundus.  Wenn wir Dich erwischen, werden wir Dich töten. Du bist zum Tod verurteilt worden."

Eine Hand zeigt auf ein Videobild, das auf einem Laptop zu sehen ist.

"Spion" steht an dem roten Pfeil, der in dem Droh-Video auf Amruddin Muradi zeigt.

Bei dem Brief blieb es nicht, auch ein Video mit einer Todesdrohung lag eines Tages vor der Haustür. Darauf sind neben Szenen von Anschlägen der Aufständischen auf die ausländischen Truppen in Afghanistan auch Bilder seiner Einsätze mit der Bundeswehr zu sehen. Muradi wurde mit einem roten Pfeil markiert, daneben ist das Wort Spion zu lesen.

Trotz der Drohungen darf Muradi nicht nach Deutschland. Im März und im Juli 2014 wurden seine Anträge abgelehnt. Es gebe "keine Anhaltspunkte dafür, dass Sie aufgrund Ihrer Tätigkeit für die Bundesrepublik Deutschland einer besonderen Gefährdung ausgesetzt sind“, heißt es im Ablehnungsbescheid. Für seine Arbeit bekam Amruddin regelmäßig Lob und Anerkennung - doch jetzt, wo er um sein Leben fürchtet, darf er trotz seiner Verdienste nicht nach Deutschland. Das versteht Amruddin nicht. "Sie haben doch die Verantwortung, mich hier rauszuholen - aus all den Problemen, dem Leid und der Gefahr", sagt er.

60 Prozent der Aufnahmeanträge abgelehnt

Für afghanische Ortskräfte wurde in Berlin bereits vor einem Jahr ein einheitliches Verfahren eingeführt. Die Zwischenbilanz fällt ernüchternd aus: 1.105 sogenannte Gefährdungsanzeigen wurden bisher bearbeitet, 60 Prozent dieser Anträge afghanischer Mitarbeiter wurden abgelehnt, weil eine "besondere" Gefährdung nicht vorliege. Bei Fällen im Bereich der Bundeswehr sind Entscheidungen gegen eine Ausreise oftmals nicht nachvollziehbar.

Victor Pfaff © NDR

Pro-Asyl-Mitbegründer Victor Pfaff erschließen sich die Gründe für die Ablehnungen oft nicht.

So wurden nach Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" Anträge trotz konkreter Drohungen abgelehnt. Und das, obwohl die Afghanen in Taliban-Gebieten für die Deutschen tätig waren. "Oft erschließen sich für mich die Ablehnungen nicht", sagt Pro-Asyl-Anwalt Victor Pfaff. Vor allem, wenn es sich um Dolmetscher handle, "wo also jeder hingehen und zuschauen kann und die betreffende Person erkennen kann". Konkrete Gründe für die Ablehnung werden meist nicht mitgeteilt, die Entscheidungen sind rechtlich kaum anfechtbar.

"Hier trifft deutsche Bürokratie auf afghanische Wirklichkeit", sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Gerold Reichenbach dazu und warnt: "Wenn sich herumspricht, dass man noch eine zweite Lebensversicherung braucht, wenn man bei den Deutschen arbeitet, weil die sich anschließend zu wenig um die Mitarbeiter kümmern, dann ist das auch eine Gefährdung für unsere Einsatzkräfte in der Zukunft." Der ehemalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) hält den Umgang mit afghanischen Helfern für skandalös. "Wir stehen ganz einfach in der Pflicht, diese Menschen, die sich in jeder Hinsicht für Deutschland eingesetzt haben - für die Soldaten, für die Entwicklungshelfer - jetzt ganz unbürokratisch und schnell aufzunehmen."

Gerade de Maizière, der jetzige Innen- und frühere Verteidigungsminister, könne hier schnell handeln - wenn er wirklich wolle. "Aber offensichtlich fehlt hier auch der Wille", meint Robbe. Die Bundesregierung dagegen erklärt im Namen aller Ministerien, sie komme ihrer Verantwortung für die Ortskräfte nach - eine Gleichbehandlung sei durch einheitliche Kriterien gewährleistet.

Mitarbeiter von Entwicklungshilfeprojekten besonders betroffen

Besonders drastisch ist die Situation für afghanische Ortskräfte, die für Entwicklungshilfeorganisationen der Bundesregierung arbeiten. Sie wurden in vielen Fällen nicht einmal ausreichend informiert. "Es gab einmal ein Treffen mit einem deutschen Vertreter der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). Er sagte uns, das Aufnahmeprogramm in Deutschland gebe es nur für Mitarbeiter der Bundeswehr, nicht für uns, weil wir mit Zivilisten arbeiten", erzählt einer von ihnen, der aus Angst vor den Konsequenzen anonym bleiben möchte. In einer Reihe von Fällen wurde GIZ-Mitarbeitern ein Informationsblatt der Bundesregierung gar nicht erst ausgehändigt.

Schriftlich erklärt das Entwicklungshilfeministerium, es kenne solche Äußerungen gegenüber afghanischen Mitarbeitern nicht und hielte sie auch für sachlich falsch. Zudem sei die Situation der Entwicklungshelfer nicht vergleichbar mit der von Dolmetschern der Bundeswehr, schließlich würden die Projekte in Afghanistan fortgesetzt. Pro-Asyl-Mitbegründer Victor Pfaff hält das für wenig überzeugend. "Dass die GIZ nicht abzieht, ist überhaupt keine plausible Erklärung. Entweder ich bin gefährdet, dann muss ich möglicherweise abhauen - oder ich bin nicht gefährdet."

Wichtige Kriterien sind Glück und Zufall

Zwei ehemalige Dolmetscher der Bundeswehr aus Afgahnistan stehen an einem See in Bayern © NDR

Abdul Saboor (li.) und Abdullah Arian haben in Afghanistan als Dolmetscher für die Bundeswehr gearbeitet. Saboor durfte ohne Probleme nach Deutschland, Arian musste fliehen.

Die verantwortlichen Minister versichern in schriftlichen Stellungnahmen, bei akuter Gefahr könne jeder afghanische Mitarbeiter schnell und unbürokratisch nach Deutschland kommen. Für den ehemaligen Wehrbeauftragen Robbe ist das wenig glaubwürdig. Er kennt die Vielzahl bürokratischer Fallstricke, in denen sich die Helfer verfangen. "Es wurde immer wieder unterstrichen und auch versichert, dass die Ortskräfte, die nach Deutschland wollen auch kommen können. Dieses Versprechen ist ganz einfach nicht eingelöst worden. Es warten nach wie vor Hunderte auf ihre Erlaubnis. Und diejenigen, die bereits in Deutschland sind, haben mit bürokratischen Schwierigkeiten zu tun, die man sich überhaupt nicht vorstellen kann."

Oft entscheidet offenbar der Zufall über das Schicksal bedrohter Ortskräfte. Wie nahe Glück und Pech beieinander liegen, zeigt das Beispiel von Abdul Saboor und Abdullah Arian, beide ehemalige Dolmetscher der Bundeswehr in Kundus. Saboor kam ohne Probleme mit Unterstützung der Bundeswehr nach Deutschland, obwohl er nie direkt bedroht wurde. Sein Kollege Arian wurde abgelehnt, obwohl sein Vorgesetzter ihm nach einem Drohanruf der Taliban geraten hatte, Kundus zu verlassen.

Die Bundeswehr bewilligte aber nicht einmal eine Versetzung an einen weniger gefährlichen Ort. "Sie sagten: 'Du musst die Gefahr beweisen, der Du ausgesetzt bist'", erzählt Arian. "Ich sagte: 'Das kann ich nicht beweisen. Und ich will nicht erst getötet werden, damit ihr einen Beweis habt.'" Arian floh dann über den Iran, die Türkei und den Balkan nach Deutschland, weil die Bundeswehr ihm nicht half. Den Schleppern musste er dafür 20.000 Dollar zahlen - alles, was er von seinem Job bei der Bundeswehr übrig hatte. Seit fast einem Jahr lebt er nun mit anderen Asylbewerbern in einer Wohnung im bayerischen Starnberg und wartet auf eine Entscheidung, ob er bleiben darf und seine Familie nachholen darf.

"Dankbarkeit sieht deutlich anders aus"

Arians ehemaliger Vorgesetzter, Björn Schreiber, versteht nicht, warum Deutschland einen Mann wie Arian so behandelt, nachdem er die Bundeswehr auch in gefährlichen Missionen begleitet habe. "Ich finde das beschämend", sagt er. "Unsere Unterstützer haben zu uns gestanden, wir haben Verantwortung für sie übernommen und jetzt lassen wir sie im Stich. In meinen Augen sieht Dankbarkeit deutlich anders aus."

Stand: 15.10.14 19:00 Uhr