25.09.14 | 21:45 Uhr

Afghanistan: das tödliche Erbe der NATO

von Niklas Schenck & Ronja von Wurmb-Seibel

Am 25. Februar 2014 spielen die Brüder Sher Mohamad und Abdel Hadi mit ihrem Cousin Mir Hamza auf einem Feld - irgendwo nördlich von Kabul, Afghanistan. Sie finden einen Blindgänger und spielen damit, er detoniert. Die beiden Brüder, neun und 14 Jahre alt, sterben bei der Explosion; ihr Cousin überlebt verletzt.

Den Blindgänger hatten NATO-Truppen beim Training in Afghanistan zurückgelassen. Sie entschädigten die Eltern mit 2.500 Dollar pro Kind. Es gibt Dutzende solcher Geschichten. Die ISAF-Truppen, die unter Führung der NATO operieren, ziehen ab und hinterlassen ein tödliches Erbe.

Die Rauchsäule der Sprengung eines Blindgängers in Afghanistan. © NDR

Afghanistan: das tödliche Erbe der NATO
Die ISAF-Truppen hinterlassen in Afghanistan ein tödliches Erbe: Blindgänger. Überall, wo gekämpft wurde, wo es Luftangriffe gab - und auch dort, wo sie trainiert haben.

Mehr als 30 Tote

Laut UN sind in den letzten Jahren über 30 Menschen durch Blindgänger getötet und über 80 verletzt worden. Vier von fünf Opfern sind Kinder und Jugendliche. Der Großteil der Unfälle geschieht auf früheren Trainingsgeländen des US-Militärs. Unstrittig ist, dass NATO-Truppen Trainingsgelände räumen müssen, die nicht mehr genutzt werden. Eine NATO-Richtlinie schreibt vor, in einem dreistufigen Verfahren zunächst die Oberfläche abzusuchen, dann oberflächlich Munition aufzuräumen und zu prüfen, ob und welche Teile der Schießbahn auch im Untergrund geräumt werden müssen.

Blindgänger in Afghanistan

Auch Bundeswehr-Gelände betroffen

Nach Recherchen von Panorama wurden auch stillgelegte Trainingsgelände der Bundeswehr beim Abzug aus Afghanistan nicht tiefgründig geräumt. Auf einer früheren Schießbahnen namens "Wadi" in der Nähe von Kundus fanden Gutachter rund 100 Blindgänger an der Oberfläche und stellten zudem fest, dass sie dringend im Untergrund geräumt werden muss.

Die Bundeswehr kannte den Bericht über das Gelände "Wadi" bis zu der Anfrage von Panorama nicht. Inzwischen hat sie den Bericht angefordert und erhalten, will dazu aber derzeit noch nicht Stellung nehmen. Ein Sprecher erklärte, der Berichte müsse zunächst fachlich geprüft werden.

"Wadi" ist nur eine von insgesamt 32 Schießbahnen, die die Bundeswehr genutzt hat oder noch nutzt. 20 davon standen oder stehen unter ihrem Befehl. Die Bundeswehr schreibt, sie habe die Schießbahn "Wadi" an der Oberfläche abgesucht, für die weitere Räumung sei das ISAF Joint Command in Kabul zuständig. Dort widerspricht man auf Anfrage: Allein die Betreibernationen seien für die Räumung zuständig. Sie müssten selbst komplett räumen - oder eine private Firma damit beauftragen.

Flächen werden ungeräumt an Afghanen übergeben

Ein Teil der Schießbahnen wird der afghanischen Armee übergeben, und ISAF hat entschieden, dass diese Schießbahnen nicht geräumt werden müssen. Kritiker, wie die afghanische UNO-Mission UNAMA bemängeln, dass einige Trainingsgelände so riesig seien, dass die afghanischen Militärs nur einen Bruchteil der Fläche nutzen würden. Die NATO-Truppen müssten laut UNAMA auch diese Flächen räumen, die von den Afghanen nicht weiter genutzt werden.

Mohammed Sediq. © NDR

Mohammed Sediq kämpft seit 30 Jahren gegen Blindgänger in Afghanistan.

Der ISAF-Sprecher der NATO sagt dazu, alle ISAF-Trainingsgelände würden geräumt oder an afghanische Truppen übergeben. Die Informationen über zu früheren Zeitpunkten verlassene Trainingsgelände, geräumt oder nicht geräumt, würden nach und nach an das afghanische Minenräumzentrum übergeben. Mohammed Sediq, der Chef des Minenräumzentrums sagt dazu: "Der ganze Einsatz hat doch zum Ziel, der Bevölkerung hier zu helfen. Wie will die NATO da rechtfertigen, dass sie jetzt beim Abzug Tausende Blindgänger zurücklässt?"

Stand: 25.09.14 13:34 Uhr