10.10.13 | 22:00 Uhr

"Ich will den Blick der Menschen ändern"

von Johannes Jolmes
Matthew VanDyke zusammen mit Nour Kelze in Aleppo.

Matthew VanDyke (re.) zusammen mit Nour Kelze in Aleppo.

Matthew VanDyke ist ein US-amerikanischer Journalist, Dokumentarfilmer und Aktivist. Er reiste von 2007 bis 2011 auf seinem Motorrad durch Nordafrika und den Nahen Osten. Als der Bürgerkrieg in Libyien ausbrach, entschloss er sich nach Gesprächen mit libyschen Freunden dazu, auf Seiten der Rebellen zu kämpfen, wobei er in Kriegsgefangenschaft geriet. Als Fotograf und Dokumentarfilmer will er auf den verzweifelten Kampf der syrischen Rebellen aufmerksam machen, die seiner Meinung nach nicht genügend Unterstützung aus dem Westen erhalten. Das Interview führte Johannes Jolmes, Panorama.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Film?

Matthew VanDyke: Ich hoffe der Welt, besonders in Amerika und Europa, zu zeigen wer die syrischen Rebellen wirklich sind und warum sie gegen Assad kämpfen. Mit diesem Film möchte ich die Sicht der Menschen auf die Revolution ändern. In den Medien sind viele falsche Informationen und Übertreibungen über den Kern der Revolution im Umlauf.

Sie waren im vergangenen Herbst und zuletzt im März in Syrien. Als sie diesen Film in Aleppo gedreht haben, wie waren die Bedingungen für sie?

VanDyke: Es war sehr gefährlich. Flugzeuge haben die Stadt bombardiert, Mörsergranaten sind explodiert und über die Straße musste ich immer kreuz und quer wegen der Scharfschützen laufen. Im Staatsfernsehen hat die Regierung Videos und Bilder von mir gezeigt und gesagt, dass ich ein Terrorist sei. In Aleppo haben mich die Menschen auf der Straße wiedererkannt und gesagt: 'Das ist doch der Terrorist.'  Die Gefahr entführt zu werden war für mich sehr hoch.

Sie haben im Krieg in Libyen auf Seiten der Rebellen gegen Gaddafi gekämpft und waren einige Monate als Kriegsgefangener in Libyen eingesperrt. Haben Sie sich auch in Syrien an den Kämpfen beteiligt?

VanDyke: Der Grund warum ich Libyen gekämpft habe war zu einem großen Teil persönlicher Natur, ein wenig aber auch ideologisch motiviert. Ich wurde von einigen Rebellen in Syrien gefragt, ob ich nicht auch kämpfen wolle und sie haben versucht mich zu rekrutieren, aber ich habe mir vorher gesagt, dass ich mich nicht beteilige und in meiner Rolle als Filmemacher bleibe.

Eine Hauptrolle in ihrem Film übernimmt Nour Kelze. Sie hat vor dem Krieg in Syrien als Englisch-Lehrerin gearbeitet und arbeitet heute als Fotografin. Wie haben Sie Nour Kelze in Syrien gefunden?

Matthew VanDyke zusammen mit Nour Kelze in Aleppo.

Matthew VanDyke zusammen mit Nour Kelze in Aleppo.

VanDyke: Ich habe mit einem Syrer zusammengearbeitet der für mich übersetzt hat und er hat mich mit Nour bekanntgemacht. Später hat auch sie angefangen für mich als Übersetzerin zu arbeiten. Sie hat mich außerdem dabei unterstützt mit Rebellen in Kontakt zu kommen und sie zu interviewen. Bei der Zusammenarbeit habe ich irgendwann gemerkt, dass ihre Rolle extrem spannend ist und so habe ich einfach nur die Kamera auf sie gerichtet und sie war genau die Person die ich für meinen Film brauchte.

Es gibt immer wieder Berichte darüber, dass die Rebellen in Teilen von extremistischen Organisationen wie Al Qaida finanziert werden. Wie war ihre Erfahrung?

Matthew VanDyke fotografiert einen syrischen Rebellen in Aleppo.

Matthew VanDyke fotografiert einen syrischen Rebellen in Aleppo.

VanDyke: Ich hatte vor allem mit Freien Syrischen Armee zu tun. Das ist aus meiner Sicht keine extremistische Organisation, sie sind moderat und säkular. Sie sind das pulsierende Herz der Revolution. Es gibt islamistische Organisation dort, ich hatte kurzen Kontakt zu der Al Nusra Front. Einige dieser Kämpfer sind gekommen, aber so lange wie sie in Richtung der Assad-Soldaten schießen, solange interessiert mich das erstmal nicht. Jetzt muss der Fokus erstmal darauf liegen, ein Regime zu stürzen. Wenn der Krieg zu Ende ist, können die Syrer dann die Probleme mit den ausländischen Kämpfern klären.

Was kann aus ihrer Sicht eine Lösung des Bürgerkriegs in Syrien sein?

VanDyke: Vielleicht wird es in Zukunft zwei Syriens geben. Die Frage ist nur, wie groß ist Teil der Freien Syrischen Armee und wie viel bleibt unter der Kontrolle des Assad-Regime. Ein Ziel der Rebellen muss sein, Assad aus Damaskus zu vertreiben.

In ihrem Film gibt es eine Szene in der eine Panzergranate in der Nähe eines singenden Kindes explodiert. Was ist mit dem Kind passiert?

VanDyke: Ihr geht's gut. Sie sing weiterhin ihre Protestlieder. Sie möchte irgendwann gerne mal Journalistin werden. So wie es auch Nour geworden ist. Ich habe Nasma, so heißt das Mädchen, zuletzt im März gesehen und ich habe ihr eine Barbie-Puppe geschenkt. Sie hat sich gefreut.

Stand: 10.10.13 12:00 Uhr