01.08.13 | 21:45 Uhr

Gewalt hinter Gittern

von Malika Friedrichs, Christoph Lütgert & Nils Naber, Christian Deker Christian Deker  Fotograf: Mandy Mülling
Ralf Witte

Ralf Witte stand in der Knasthierarchie ganz unten. Erst später konnte er beweisen, dass er vollkommen unschuldig war.

Die Gefängnistore hatten sich kaum hinter ihm geschlossen, als Ralf Witte schon die brutale Welt hinter Gittern kennenlernen musste. Der Familienvater aus Garbsen war wegen Vergewaltigung verurteilt worden und stand damit in der Knasthierarchie ganz unten. Erst später konnte er beweisen, dass er vollkommen unschuldig war.

Doch jetzt half ihm das nichts: In der JVA Hannover hatte ein Bediensteter sein angebliches Delikt verpfiffen - und seine Mitgefangenen standen bereit: "Da waren draußen auf dem Flur geschätzt 100, 150 Leute. Und die wussten, der Witte geht jetzt duschen und kriegt jetzt richtig was auf die Ohren." In der JVA will man heute von dem Vorgang nichts mehr wissen.

Gewalt gehört zum Alltag

Was Witte wie ein falscher Theaterbesucher erleben musste, ist Alltag in deutschen Gefängnissen: Druck, Drohungen und Schläge, immer wieder auch Vergewaltigungen und sogar Folter durch Mitgefangene. Es ist, als ob eine Stadt in Gewalt versinken würde - Rund 70 000 Menschen leben in Deutschland derzeit hinter Gittern.

Was viele Gefangene ganz offen und selbstverständlich beschreiben, bestätigen zwei neue Studien: Gewalt gehört in vielen deutschen Gefängnissen zum Alltag. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat 4500 Inhaftierte in 48 Strafvollzugsanstalten befragt. Fast jeder Fünfte gab an, in den vier Wochen vor der Befragung teilweise brutale physische Gewalt erfahren zu haben. In manchen Anstalten lag die Quote deutlich darunter, in anderen aber deutlich darüber.

Tritte, Schläge, Vergewaltigungen

Kriminologe Prof. Frank Neubacher

Laut Kriminologe Prof. Frank Neubacher gehört Gewalt, auch in Jugendgefängnissen, zum Alltag.

Noch schlimmer sieht es im Jugendstrafvollzug aus. Der Kriminologen Prof. Frank Neubacher von der Universität Köln befragte rund 900 Inhaftierte in drei deutschen Jugendgefängnissen. Sein Ergebnis ist eindeutig: "Gewalt in all ihren Facetten gehört zum Alltag im Jugendstrafvollzug dazu. Fast jeder Zweite Gefangene räumt ein, in jüngerer Zeit Körperverletzungen begangen zu haben."

Fast nicht überlebt

Michael B.

Michael B. hätte seine Zeit im Gefängnis fast nicht überlebt.

Wie dramatisch sich die alltägliche Gewalt zuspitzen kann, hat Michael B. in der JVA Essen erlebt. Der ehemalige Gefangene, der wegen kleinerer Delikte einsaß, wurde eines Tages von seinen Mitgefangenen aufgefordert, sich die Haare abzurasieren und auf dem Klo zu schlafen. Es folgten Tritte und Schläge und schließlich Vergewaltigungen. Erst als bereits ein Strick für ihn am Fensterkreuz hing, bemerkte ein Wärter die Pein des jungen Mannes. "Ich hätte diesen Tag sonst nicht überlebt. Meine Mitgefangenen wollten mich wegmachen." Die JVA Essen und das nordrhein-westfälische Justizministerium haben heute keine Kenntnis mehr von diesem Fall.

"Ich finde Sie immer"

Doch Gewalt im Gefängnis ist nicht nur das Ergebnis von Langeweile und den sadistischen Neigungen einzelner Inhaftierter. Für den ehemaligen Inhaftierten Martin W. gehörte Gewalt im Gefängnis offenbar zu seinem Geschäftsmodell. Er verkaufte im Gefängnis Drogen. Wer dafür nicht pünktlich bezahlen wollte, bekam Schläge bis hin zu Knochenbrüchen. Martin W. sagt von sich selbst, dass er am Ende einen ganzen Gefängnistrakt kontrollierte. Gab es unter den Gefangenen in seiner Abteilung Probleme, kamen Sie zu ihm. W. war mit seinen Geschäften nicht alleine, sondern Teil eines straff durchorganisierten Netzwerks von Gefangenen.

Deren Verbindungen reichen offenbar auch von einem Gefängnis zum anderen. Sollte ein anderer Häftling auf die Idee kommen und W. bei den Bediensteten verpfeifen, drohten Strafen. "Egal, wo Sie hinkommen, egal, wo Sie sind, ich erreiche Sie immer." Das nordrhein-westfälische Justizministerium teilt Panorama schriftlich mit: "Ein System organisierter Kriminalität mit Drogenhandel, Schutzgelderpressungen und Körperverletzungen gibt es im nordrhein-westfälischen Justizvollzug nicht."

Gewalt eine Ausnahme? Experten widersprechen

Burghard Neumann, Abteilungsleiter in der JVA Brandenburg an der Havel

Burghard Neumann, Abteilungsleiter in der JVA Brandenburg an der Havel: " Mehr Personal könnte helfen, dieses Problem zu lösen."

Aber wo sind die Wärter? Wo ist der Staat, der gerade hier ausnahmslos für die Sicherheit zuständig ist und seine Stärke beweisen könnte? Burghard Neumann ist Abteilungsleiter in der JVA Brandenburg an der Havel und spricht ungewohnt offen über den Gefängnisalltag. Dass Gewalt dazu gehört, stellt er klipp und klar fest.

Oft finde diese Gewalt aber versteckt statt, hinter dem Rücken der Vollzugsbediensteten. "Ich würde sogar sagen, wir kriegen relativ wenig davon mit." Mehr Personal könnte helfen, dieses Problem zu lösen. Doch kein Bundesland will im Justizvollzug neue Stellen schaffen, einige wollen sogar streichen.

Die Justizminister der Länder, die für die Gefängnisse zuständig sind, räumen ein, dass Gewalt in Gefängnissen ein Problem sei. Man mache viel, um sie zu verhindern, baue neue Haftanstalten, schaffe mehr Einzelzellen. Gewalt in Gefängnissen sei aber auch eine Ausnahme. Studien, Experten und zahlreiche Gefangene widersprechen diesem Befund.

Stand: 31.07.13 13:45 Uhr