Wie wirkt "Scripted Reality"?

Ein Jugendlicher holt  mit der geballten Faust zum Schlag aus. © picture-alliance / dpa Fotograf: Polfoto

Gibt es immer mehr Gewalt an deutschen Schulen? "Scripted Reality"-Formate wie "Die Schulermittler" (RTL) könnten scheinbar dafür sorgen, dass dieses Bild vermittelt wird.

"Dicke fette Melissa", singen die fünf Jungs im Chor und rempeln ein junges Mädchen in ihrer Mitte. Sie humpelt, trägt eine Beinschiene. Ein Pädagoge geht dazwischen, die Kamera immer dabei: "Hey Strumpfhose, fönst Du Dich mit 'nem Hammer?" "Findest Du das witzig jemand mit 'ner Behinderung zu verarschen?." So zeigt RTL den Alltag an der Gesamtschule Wildbeck, hier kommt es immer wieder zu Gewaltausbrüchen, erklärt eine Stimme aus dem Off.

Dazu im Bild: streitende Jugendliche, eine Hand greift in die Kamera. Der engagierte Pädagoge heißt Thorsten Heck, ist ein sogenannter Schulermittler und unterwegs im Auftrag der Polizei, um an unseren Schulen für Ordnung zu sorgen. Und: Er ist erfunden. Wie die ganze Geschichte. "Alle handelnden Personen sind frei erfunden" kann der aufmerksame Zuschauer im Vorspann lesen. Wenige Sekunden wird das vor und nach der Sendung eingeblendet

Alles wirkt echt - alles ist erfunden

Scripted-Reality heißen solche Sendungen - Geschriebene Realität. Reportagen, die aussehen als wären sie echt, mit wackelnder Kamera und abgesetzten Interviews. Manchmal werden sogar Personen oder Nummernschilder unkenntlich gemacht, als müssten die Persönlichkeitsrechte von irgendjemand geschützt werden. Nur: Alle handelnden Personen sind Schauspieler, die Geschichten erfunden, sie folgen einem Drehbuch. Die Mischung aus realer Darstellung und perfekter Dramaturgie beschert dem Privatfernsehen derzeit beste Quoten im Nachmittagsprogramm. "Verdachtsfälle" (RTL) oder "Familien im Brennpunkt" (RTL) heißen solche Formate oder eben "Die Schulermittler" (RTL).

Der Fernsehproduzent Günter Stampf sagt, man könne fast alles scripten. © NDR

Der Fernsehproduzent Günter Stampf sagt, man könne fast alles scripten.

Die Macher von Scripted-Reality behaupten, der Zuschauer erkenne, was echt ist und was nicht. Die Hinweistafeln am Anfang und Ende solcher Sendungen würden ausreichend aufklären. "Man sollte den Zuschauer nicht unterschätzen", meint Günter Stampf, erfolgreicher Produzent von "Die Schulermittler". Reichen die wenige Sekunden lang eingeblendeten Hinweise wirklich? Was ist, wenn Zuschauer in solche Formate hinein zappen? Erkennen alle Zuschauer die Formate als gespielt? Und welche Auswirkungen hat das?

Forschungsinstitut befragt 1000 Zuschauer

Kritiker halten solche Formate für problematisch. Der Zuschauer werde getäuscht. In einer repräsentativen Online-Umfrage hat das Marktforschungsinstitut Ipsos für Panorama insgesamt 1000 Zuschauer einen Ausschnitt aus der Scripted-Reality-Sendung "Die Schulermittler" gezeigt - ohne zu kennzeichnen, dass die Handlung darin gespielt ist. Die Probanden sahen die Sequenz, so als würden sie am Nachmittag in die Sendung hinein schalten. Im Anschluss wurden dazu fünf Statements abgefragt. Die Probanden konnten auf einer Skala von 1 ("Ich stimme voll und ganz zu") bis 7 ("Ich stimme überhaupt nicht zu") antworten.

Das erste Ergebnis: Der gezeigte Ausschnitt scheint zumindest realistisch. 49 Prozent stimmten der Aussage "Situationen, wie im Beitrag gezeigt werden, passieren fast jeden Tag an deutschen Schulen" zu. 35 Prozent finden die Schulermittler "verhalten sich glaubwürdig". Erstaunlich: Obwohl es Schulermittler, wie sie in der RTL-Serie gezeigt werden, gar nicht gibt, stimmten über 48 Prozent der Aussage "Man weiß doch, dass solche Schulermittler sinnvoll sind! Es sollte mehr davon geben" deutlich zu. Als letzte Frage, wollten wir wissen, ob der Ausschnitt für echt gehalten wird: Nur 16 Prozent der Befragten glaubten der gezeigte Ausschnitt sei wirklich echt und nicht für die Kamera gespielt. 45 Prozent erkannten die Szene als gespielt.

Ganze 39 Prozent blieben unentschieden. Allerdings sei es methodisch schwierig, die Frage, ob eine Sendung wirklich echt ist zu stellen, meint der Kommunikationswissenschaftler Prof. Hans-Jürgen Weiß: "In dem Moment, wo sie fragen: Ist das echt? Ahnen die meisten, dass es eben nicht echt ist."

"Glaubwürdig", "Realistisch", "alltäglich"?

Prof. Weiß vom Medienforschungsinstitut GöfaK - es analysiert im Auftrag der Landesmedienanstalten die Privatsender - hat die Zahlen der Studie für Panorama näher analysiert. Er hat die Ergebnisse in einen kausalen Zusammenhang gebracht. Wie wirkt sich also die Einschätzung der Sequenz als "echt" oder "glaubwürdig" auf Vorstellungen und Einstellungen der Zuschauer aus? "Die Ergebnisse sind zum Teil sehr deutlich", so Weiß. Wer den Ausschnitt für echt hält, neigt sehr stark zur Vorstellung, dass solche Situationen "fast jeden Tag an deutschen Schulen" passieren und noch stärker zur Einstellung, dass "es mehr solcher Schulermittler geben sollte".

Sehr stark ist der Zusammenhang zwischen Sehgewohnheiten und Einstellungen: Sieht jemand "gerne" solche Sendungen und hält sie für "glaubwürdig", so neigt er sehr stark dazu, mehr solche Schulermittler zu fordern. Das Fazit von Prof. Weiß: "Die Einschätzung der in einer Sendung gezeigten Handlung als echt (und nicht gespielt), fördert demnach die Tendenz, die Welt aus der Perspektive der Fernsehrealität wahrzunehmen und zu beurteilen."