02.09.10 | 21:45 Uhr

Tod in der Zelle: Abschiebung um jeden Preis

Der 58-jährige Slawik C. erhängt sich Anfang Juli in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt Langenhagen bei Hannover - während der  Abschiebehaft.  Es ist das tragische Ende eines Schicksals, wie es nicht selten in Deutschland passiert.

Ein Aufseher schließt Tür einer Geschlossenen Unterbringung auf. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Fotograf: Maurizio Gambarini

Die Verbissenheit der Behörden, das hilflose Ausgeliefertsein des Asylbewerbers, das allgemeine Rätselraten um den Sinn solcher Abschiebungen - in der Chronik des Falls Slawik C. zeigt sich all das exemplarisch.

Vor elf Jahren kam die Familie C. nach Niedersachsen. Ein Mann, seine Frau und der gemeinsame Sohn. Sie behaupten, aus Aserbaidschan gekommen zu sein. Sie seien geflohen, weil sie armenischer Volkszugehörigkeit seien und Angst hätten. Ein weiterer gemeinsamer Sohn sei in Aserbaidschan zum Militär eingezogen und dort ermordet worden. Nun hätten sie Angst, dass dem zweiten Sohn das gleiche Schicksal drohe. Sie haben keinerlei Papiere, nichts, was die Geschichte belegen könnte. Nicht ungewöhnlich für Flüchtlinge aus diesen Ländern.

Ein Asylantrag wird abgelehnt, aber sie können nicht abgeschoben werden, weil ihre Identität nicht feststeht. Sie werden einer von vielen Fällen der Ausländerbehörde Winsen an der Luhe. Die Familie zieht ins niedersächsische Jesteburg. Sie lebt sich schnell ein, ist beliebt bei den Nachbarn. Slawik C. versucht sich nützlich zu machen, wo er kann. Er hilft in der Kleiderkammer, im Sommer pflegt er die Gemeindegrünanlagen, hilft im Freibad, im Winter räumt er Schnee auf den öffentlichen Plätzen. Die Nachbarn, hauptsächlich Deutsche, lieben ihn, weil er immer fröhlich ist, gastfreundlich, allen zur Hand geht. In seinem Garten weht eine Deutschlandfahne, er lernt die Sprache. Wenn er sich nur so gut wie möglich integriert, werde man ihm das hoffentlich anrechnen, so hofft er.  Er würde gerne selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen, aber als sogenannter "Geduldeter" darf er nicht arbeiten.

Alle sechs Monate fährt er zur Ausländerbehörde, um seine Duldung zu verlängern. Er weiß nicht, dass die Ausländerbehörde in Winsen an der Luhe in all den Jahren fieberhaft daran arbeitet, seine Identität festzustellen, um ihn abschieben zu können. So will es das Gesetz.

Die Mitarbeiter der Behörde fragen in Aserbaidschan nach, dort ist er nicht bekannt. Damit steht für sie fest, Slawik C. hat gelogen, er kommt nicht aus Aserbaidschan. Sie schicken Interpol los, um herauszufinden, ob man ihn vielleicht in Armenien findet. Und tatsächlich, Interpol liefert - einen Mann mit gleichem Nachnamen. Aber weder Geburtstag, noch Geburtsort oder Foto stimmen überein. Trotzdem beantragt die Behörde Passersatzpapiere bei der armenischen Botschaft in Berlin - und bekommt sie. Damit ist der Fall für die Ausländerbehörde geklärt: Slawik C. ist Armenier und kann abgeschoben werden. Dass die neuen Papiere nur sehr dürftige Angaben enthalten (Geburtsort: Republic of Armenia) und den falschen Zusatznamen aus dem Interpol-Papier, stört offenbar niemanden. 

Bei seinem nächsten Besuch in der Ausländerbehörde wird Slawik C. in Haft genommen. In der Zelle wird ihm vermutlich klar, dass seine Zeit in Deutschland zu Ende ist, dass er seine Frau, seinen Sohn und sein Enkelkind wohl nie wieder sehen wird. Er erhängt sich.  Panorama zeigt, wie Deutschland mit Flüchtlingen umgeht - am Fall des toten Slawik C.