14.10.10 | 22:00 Uhr

Gesundheitsreform: Großes Geschäft mit chronisch Kranken

Deutschland scheint plötzlich ein Land voller Kranker zu sein – jedenfalls wenn man sich die Daten des Bundesversicherungsamtes genauer anschaut. Ob bei Arterienverkalkung, bestimmten Formen der Diabetes oder psychischen Störungen: die Zahl der Erkrankungen ist teilweise um 20 Prozent innerhalb eines einzigen Jahres gestiegen.

Ein Stethoskop liegt auf mehreren Geldscheinen. © dpa - Bildfunk Fotograf: Jan Woitas

Medizinisch ist die sprunghafte Zunahme chronisch-kranker Patienten kaum zu erklären. Der Grund für die auffälligen Anstiege scheint denn auch ein anderer: Die neue Kostenverteilung aus dem Gesundheitsfonds von 2008, in deren Zentrum der so genannte "morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich" steht. Die Idee des "Morbi-RSA": Zwar bekommen die Kassen aus dem Gesundheitsfonds bloß einen Einheitsbetrag pro Versichterm, wenn sie aber überdurchschnittlich viele chronisch Kranke unter ihren Versicherten haben, erhalten sie dafür zusätzliches Geld. Seit der Einführung des Morbi-RSA vor zwei Jahren bemühen sich die Kassen daher darum, möglichst viele chronisch kranke Mitglieder in den Akten zu haben – denn je mehr Morbi-RSA-Fälle sie in ihren Karteien codiert haben, desto mehr Geld wird ihnen zugewiesen.

Wird einer dieser Patienten gesund gemeldet, kann das für die Kasse einen finanziellen Verlust bedeuten. Darum haben die Kassen von Anfang an Druck auf Ärzte gemacht, sich ihre Diagnosen doch noch einmal genau zu überlegen. Und auch für Ärzte ist die "richtige" Diagnose finanziell attraktiv: Sie erhalten für jeden entsprechend "richtig" codierten Kranken ebenfalls mehr Geld. Panorama über ein milliardenschweres Spiel mit Diagnosen – mit unangenehmen Nebenwirkungen für die Patienten.