30.08.01 | 21:00 Uhr

Mies in Mathe, schlecht im Schreiben - Schulabgänger beim Einstellungstest

von Bericht: Anja Reschke
Bewerbungsmappe © picture alliance / dpa Themendie Fotograf: Jens Schierenbeck

Wer wird Millionär? Zehn Millionen Zuschauer sehen das im Schnitt und raten mit. Eigentlich müssten wir angesichts der Masse von Ratesendungen immer schlauer werden. Aber wenn Quizshows wirklich bilden, dann sollten auch Schulabgänger häufiger einschalten, denn bei der Frage: Wer wird Lehrling? gehen den Betrieben langsam die Kandidaten aus.

Viele Schulabgänger scheitern an den einfachsten Einstellungstests. Und wenn Johannes Rau mal wieder über den Lehrstellenmangel schimpft, können viele Personalchefs nur noch müde lächeln. Sie haben ein anderes Problem: den mangelhaften Bewerber.

"Im Schnitt bilden wir zwischen vier und sechs Lehrlinge im Jahr aus", so Dirk Lausen, Ausbildungsleiter der Debeka. "Dieses Jahr hätten wir die gleiche Anzahl einstellen können. Wir haben aber uns für einen nur entscheiden können, weil in dem Moment doch die Qualität der Bewerbungen deutlich zurückgegangen ist."

Mangelnde Qualität von Bewerbern. Das kennt auch die Firma "Waldrich Siegen" in Nordrhein-Westfalen. Dort werden millionenteure Werkzeugmaschinen gefertigt, computergesteuert. Das lernt man in der Ausbildung. Dafür erwartet die Firma von den zukünftigen Lehrlingen, dass sie zumindest ordentlich rechnen und schreiben können.

Alexander Bley von der Firma "Waldrich Siegen": "Die Tests sind 1975 so konzipiert worden, dass sie ein Hauptschüler im Schnitt mit der Note 2-3 eigentlich schaffen musste. Heutzutage sind wir froh, wenn uns das ein Abiturient macht."

Ein Beispiel aus dem Eignungstest der Firma, einfachste Aufgaben: Doch dass 1/3 mal 1/3 immer noch 1/9 ist, wussten nur wenige. Oder die Aufgabe: Zeichne ohne Zirkel und Lineal ein regelmäßiges Sechseck - ein Desaster. Nicht nur das frustriert den Ausbildungsleiter Torsten Tockhorn von "Waldrich Siegen":

"Das ist eben diese Bruchrechnung, dieses Denken, wo man sich was vorstellen kann. Eine Dose, die vielleicht 10 Zentimeter hoch ist, kann keinen Inhalt von 1.000 Litern haben. Das sind ganz, ganz einfache Sachen. Dieses abstrakte Denken fehlt den jungen Leuten heute."

Kein Verhältnis zu Zahlen, einfachste Rechnung - Fehlanzeige. Die Schulabgänger werden immer schlechter. Das wissen auch die Handelskammern(IHK). In Siegen, Bielefeld und Koblenz haben sie einen Test mit Schülern in ganz Nordrhein-Westfalen gemacht.

"Es war in Deutsch zum Teil niederschmetternd", fasst Klaus Bräbener von der IHK Siegen zusammen. "Von 3.500 getesteten jungen Leuten waren eben 34 Prozent nicht in der Lage, einen Satz mit zehn Worten und einem Satzzeichen fehlerfrei zu schreiben. Es waren zum Teil katastrophale Leistungen in Mathematik, in der Flächenberechnung, in der Volumenberechnung."

Gleiche Erfahrung bei der Hamburger Sparkasse. Fototermin für die 155 neuen HASPA-Lehrlinge. Alle wurden vorher getestet.

"Weißt du noch 'ne Frage aus dem Test", fragt die Interviewerin in die Runde.

"Was war der Versailler Vertrag, weiter kann ich mich nicht erinnern."

"Und wusstest du das?"

"Nee, ehrlich gesagt nicht."

Ein anderer Azubi: "Allgemeinwissen so, wann der Erste Weltkrieg war. Und dann - ja, weiß ich nicht, ob ich die richtig beantwortet hab'. 49 war dann die Antwort."

Vierzig Auszubildende mehr hätte die HASPA dieses Jahr einstellen können. Aber dafür gab es keinen geeigneten Kandidaten. Denn die scheitern schon beim Bewerbungsschreiben, so Matthias Saecker von der HASPA:

"Da wird geschrieben: Ich bewerbe mich um eine Leerstelle oder: Ich bewerbe mich als Bangkaufmann, mit g geschrieben. Ja, aber das ist nicht einfach nur ein Flüchtigkeitsfehler."

Das gleiche Problem bei der BASF. 800 Lehrlinge werden dort jedes Jahr ausgebildet - zum Laboranten, zum Mechaniker oder zum Chemikanten. Rund 9.000 Bewerber gibt es pro Jahr, und fast alle werden auch zum Eignungstest eingeladen. Die Bilanz: desaströs. Beispiel Rechnen. Eigentlich leichte Aufgaben: Zusammenzählen, Abziehen, Malnehmen oder Teilen. Dabei wird die Arbeitswelt ohnehin viel komplizierter, so Ingo Schönherr von der BASF-Peronalabteilung:

"Und dann müssen wir uns einfach darauf verlassen können, dass bestimmte Grundfertigkeiten wie Rechnen und Rechtschreibung routiniert beherrscht werden. Und da ist es leider so, dass da die Defizite immer größer werden."

Beispiel Rechtschreibung. Da schreiben die Schulabgänger Ventil mit w und ie, oder die Werkstatt mit Doppel-a, Pulver wird mit f für richtig gehalten, beim Passagier fehlt ein s, bei der Theke ist dafür ein e zu viel. Und auch die schlichte Notiz ist für die Schulabgänger viel zu kompliziert.

Ingo Schönherr: "Ja, das ist deutlich schlechter geworden, wobei - man muss da eine kleine Unterscheidung treffen: Die Auszubildenden an sich oder die Bewerber an sich sind nicht dümmer geworden, also das Begabungsniveau ist nach wie vor das gleiche wie vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren, kann man beliebig ansetzen. Aber diese Begabung wird nicht mehr in dem Maße benutzt, um eben diese Grundfertigkeiten zu trainieren und dann auch sicher zu beherrschen."

Ortswechsel: eine von vielen Schulen in Bremen. Nicht dort kann man den Vorwurf der Betriebe über die "dummen Schüler" verstehen.

Schulleiter Gernot Fleddermann: "Das ist auch eine Aussage die nicht nur von Leuten aus der Wirtschaft getroffen wird, sondern das hört man hier in diesem Raum auch öfter von Kollegen, dass sie beklagen, dass in der Realschule nicht mehr das Niveau ist, das mal vor zehn, fünfzehn Jahren war, Gymnasium, Hauptschule."

Die Ursachenforschung ist sicher nicht einfach, denn es gibt sie nicht, die Erklärung, aber zumindest Erkenntnisse, so Fleddermann: "Da muss irgendetwas grundsätzlich falsch laufen. Und meine Theorie ist die, dass der Begriff des Lernens, was Lernen ist und wie Lernen ablaufen muss, wie er uns vermittelt wurde vor dreißig Jahren, der ist objektiv falsch. Da wurde sich das Kind noch als die Black Box vorgestellt, in die wir nur Wissen reinfüttern müssen Und das Kind hatte dabei oder der Jugendliche eine total passive Rolle."

Und genau das hat sich verändert. Es fehlt sicherlich an Fortbildung, häufig auch am Engagement. Doch die Lehrer weisen zu Recht darauf hin, dass sie häufig neben der Wissensvermittlung auch noch das Versagen der Eltern auffangen müssen.

Lehrerin Ute Friehe: "Da kommt einer zu spät, kommt nach fünf Minuten. Ein anderer kommt nach zehn Minuten. Es ist Störung da. Ich muss drauf achten, dass die Arbeitsmittel da sind, einige haben keine Arbeitsmittel da. Und solche Dinge, die jetzt dazu kommen, die den ganzen Unterricht auch stören. Vor allem in großen Klassen, in Klassen, wo die Struktur so ist, dass sehr viele Schüler drin sind, die von den Eltern nicht betreut werden, die auch nicht zur Schule geschickt werden, wo nicht drauf geachtet wird: sind die Hausaufgaben gemacht, habt ihr ein Heft dabei. Es gibt Extremfälle, dass Schüler ohne Schultasche zur Schule kommen."

Dass häufig auch die Eltern versagen, weiß Jochen Schweitzer. Er vertritt die Kultusminister bei der OECD. Er kennt die Nöte der Lehrer, entlässt sie aber dennoch nicht aus ihrer Verantwortung:

"Das kann nicht länger hingenommen werden, wenn wir Mängel wissen, dass es immer so weitergeht. Das Beamtenrecht ist kein Schutzrecht, dass schlechte Leistungen gemacht werden. Aber man kann nicht sagen, dass das ein generelles Problem ist. Viele strengen sich sehr an. Es darf nicht zu einer allgemeinen Lehrerschelte kommen, weil das die Sache überhaupt nicht löst."

Und so bleibt es, wie es ist. Denn egal, ob Lehrer, Politiker oder Eltern - verantwortlich sein will keiner. Die mühsame Suche nach qualifizierten Lehrlingen geht also weiter.

Die Interviewerin fragt eine Gruppe auf dem Schulhof: "Fühlt ihr euch fit durch die Schule für den Beruf?"

Ein Schüler: "So lala."

"Könnt ihr zum Beispiel rechnen 1/3 mal 1/3?"

"1/6, 2/6", wird geraten.

"1/9", weiß einer.

Nächste Frage: "Okay, gut. Zum Beispiel: Wisst ihr, wer Johannes Rau ist?"

"Johannes Rau ist der - alte - Kanzler, glaub' ich."