09.08.01 | 20:25 Uhr

Sinnlos sammeln und sortieren - Das Märchen von der Mülltrennung

von Bericht: Christian Rohde, Volker Steinhoff, Stephan Stuchlik
Farbige Mülltonnen zur Abfalltrennung © dpa Fotograf: Frank Rumpenhorst

Unser Joghurtbecher ist aus Plastik, sein Deckel aus Alu - oh Gott. Also Kampf gegen das schlechte Umweltgewissen: Becher auswaschen, Papieretikett ablösen, Aludeckel abreißen, abwaschen. Dann sortieren: Becher in den gelben Sack, Etikett in die Papiersammlung und Deckel in die Extratonne. Aber wehe, Sie verwechseln Alu und Weißblech! Was sind wir stolz, denn wir sind umweltfreundlich. Nicht etwa wie die im Ausland. Wissen Sie was? Der Franzose schmeißt sogar seine Plastikflaschen in den normalen Müll. Aber jetzt kommt's: Er hat Recht. Mülltrennung ist Quatsch! Das sagen zumindest Experten.

Mülltrennung in Heidelberg, zum Beispiel zu Hause bei Ilke Wilhelm. Sie zeigt ihre Müllschätze. Die Trennung verlangt besondere Konzentration, sonst kann man schon mal durcheinander kommen.

"Gelber Sack, Restmüll, Kompost, Papier, Alu, Glas, Korken und Sondermüll, acht so ungefähr", zählt Ilke Wilhelm auf. Auf die Frage "Meinen Sie, das ist alles nötig?" schaut sie nur überrascht: "Was heißt nötig, das gibt's halt."

Auch die Mülltrennung in Stade ist genau geregelt. Wer dort nicht richtig trennt, hat keine Chance! Denn kleinste Spuren im Müll reichen zur Ermittlung der Sünder. Bianca Scheller wurde erwischt und bekam Post:

"Ich habe den Brief gelesen, und habe so gedacht, die sind wohl ein bisschen verrückt, da ich so viel bezahlen soll. 150 Mark!" Wie kam man ihr auf die Schliche? "Da steht drin: ‚Sehr geehrte Frau Scheller, in den gelben Säcken befanden sich Ausschnitte mit Ihrer Anschrift'."

Mülltrennung - eine Wissenschaft für sich. Allein zuständig dafür sind in Deutschland die Landkreise und kreisfreien Städte. Über 400 gibt es davon, und fast jeder hat ein anderes System.

In Sinsheim etwa ist die grüne Tonne für Wertstoffe da. Anders in Tübingen: Da steht "grün" für Biomüll. In Kassel wäre beides falsch: Dort kommt Altpapier in die grüne Tonne.

Alles harmlos im Vergleich zu Ludwigsburg: Es gibt gleich zwei grüne Tonnen, aber mit unterschiedlichem Inhalt. Holger Meise-Fischer vom Landkreis Ludwigsburg erläutert: "Im Landkreis Ludwigsburg hat der Bürger die Möglichkeit, mit der grünen Tonne zwei verschiedene Wertstofffraktionen zu sammeln. An einem Tag stellt er mit der grünen Tonne die Fraktion ‚flach' zur Verfügung, die im wesentlichen aus Papier und Kartonnagen besteht. Am darauffolgenden Werktag kann er mit der gleichen Tonne die Wertstofffraktion ‚rund' bereitstellen, das sind im Wesentlichen die DSD-Materialien."

"Flach" an einem Tag, "rund" am anderen, je nach Müllabfuhr. Und was ist "rund"? Holger Meise-Fischer erklärt weiter: "Bei der Fraktion ‚rund' stand der Gedanke dahinter, dass die Grundformen der Materialien zum großen Teil rund sind, wie zum Beispiel bei der Flasche, bei der Dose." Aber der Reporter sieht in der Tonne noch anderes: "Das Tetrapak ist doch flach." Die Antwort: "Das Tetrapak ist flach, aber es gehört von der Materialzusammensetzung trotzdem zur Fraktion ‚rund'.

Das Duale System setzt vier Milliarden Mark mit Verpackungsrecycling um. Wieviel Prozent des Grünen-Punkt-Mülls wird eigentlich wiederverwertet? Heike Schiffler vom Duales System: "Verpackungen mit dem grünen Punkt werden vollständig verwertet, soweit sie in unsere Behältnisse gegeben werden."

Zum Beispiel in Hamburg: Dort gehen die Verpackungen zu SKP, einer Partnerfirma des grünen Punkts. Auch dort beteuert man: Alles wird verwertet. So etwa Frank Rosenboom von der Sortieranlage SKP: "Im Grunde genommen ist die Wiederverwertungsquote annähernd 100 Prozent, also bis auf die Fehlbefüllung des gelben Sackes, also das, was nicht hineingehört. Alle Materialien, die Leichtverpackung sind, werden auch recycelt."

"Kommt es denn trotzdem vor, dass DSD-Müll in Verbrennungsanlagen gefahren wird", fragt der Reporter. "Also definitiv nicht."

Wirklich nicht? Besuch bei einer Hamburger Müllverbrennungsanlage. Mitten unter den Müllwagen tauchen auf einmal die Buchstaben SKP auf, ein grüner Laster direkt von der Wertstofffirma.

Dann die Überraschung: Auf dem Boden der Müllverbrennungsanlage landet, was die Hamburger vorher sorgsam getrennt und sortiert haben - Wertstoffe von SKP, die angeblich recycelt werden. Karl Lüder von der Müllverbrennung Hamburg bestätigt: "Das sind Verpackungsreste, also Verpackungsmaterialien vom grünen Punkt: eine Suppendose, Pflegebad oder ähnliches." Auf den Verpackungen: der grüne Punkt!

"Ist das jetzt eine Ausnahme, haben wir uns das jetzt rausgegriffen, oder ist das alles hier grüner Punkt", will der Reporter wissen. Karl Lüder: "Nein, die Ladung, die wir hier jetzt angeliefert bekommen haben, ist Verpackungsmüll vom grünen Punkt, die aus der Sortieranlage kommt. Das wird schlicht und ergreifend verbrannt. Hier in der Müllverbrennungsanlage wird das jetzt im Ofen verbrannt."

Nochmals die Nachfrage beim grünen Punkt: Kann das sein - Verbrennung statt Verwertung? Heike Schiffler vom Dualen System antwortet: "Wir geben grundsätzlich überhaupt keine Verpackungen in die Müllverbrennung, weil wir sie viel effizienter, viel hochwertigen auch verwerten können und damit einen viel größeren Nutzen erzielen als in der Müllverbrennung."

Die Wahrheit ist eine anders: Grüne-Punkt-Verpackungen in der Müllverbrennungsanlage - Alltag.

Das bestätigt auch Reinhard Kaulbarsch von der Müllverbrennung Hamburg: "Es gelangt eine große Menge vom grünen Punkt in die Müllverbrennungsanlagen." Das heißt, ein großer Teil der Müllmenge mit dem grünen Punkt wird eigentlich verbrannt? Und nicht stofflich wiederverwertet also recycelt? Reinhard Kaulbarsch: "Das ist richtig."

Und so landen die Wertstoffe mit dem grünen Punkt auf den Schlackehalden der Verbrennungsanlage. Das jämmerliche Ende der mühsamen Mülltrennung.

Hamburg ist kein Einzelfall, das weiß auch Gunnar Sohn, ein Insider. Jahrelang war er Sprecher beim Dualen System. "Ein großer Anteil der Kunststoffverpackungen, die immer so nett als Mischkunststoffe ausgewiesen werden, wird auch vernichtet. Das geht in den Hochofen."

Daraufhin die Frage des Reportres an den Vertreter der Müllverbrennungsanlage Hamburg: "Glauben Sie denn, dass es einfach zu erklären ist, wenn hier wieder alles zusammengeworfen wird?" Die Antwort von Karl Lüder: "Nein, das ist nicht einfach zu erklären. Also ich halte es für Unsinnig, um es deutlich zu sagen. Ich mache es auch zu Hause nicht mehr so fleißig wie früher, seitdem ich das weiß."

Der Mann hat Recht, denn Kunststoffverpackungen sammeln und wiederverwerten macht eh wenig Sinn, so der ehemalige Sprecher des Duales Systems Gunnar Sohn: "Um wirklich was Vernünftiges da rauszukriegen, ist, glaube ich, der Einsatz, den man an Energie bringen muss, so hoch, dass es ökologisch völliger Schwachsinn ist, daraus wieder was Sinnvolles zu machen."

Auch Biomüll ist ein sorgsam getrennter Wertstoff. Irgendwann soll einmal kostbarer Kompost daraus werden. Panorama ist mit einem echten Biomüll-Experten unterwegs. Frank Doss jagt in der Stadt Berlin Schädlinge aller Art. Und der weiß beim Blick in die Tonne, für wen Biomüll wirklich ein Wertstoff ist: "Fliegen, viele Fliegen. Dann haben wir hier zum Beispiel Schimmel. Die Vermehrung der Bakterien, der Mikroben findet praktisch alle Naselang statt. Und hier sehen Sie Maden, die an der Zersetzung des Abfalls schon beteiligt sind." Das alles findet der Schädlingsbekämpfer in einer Tonne. "Hier spielen Kinder - es ist eine Schweinerei, einfach eine Schweinerei. Es ist zwar ein Deckel drauf, aber Kinder sind neugierig, die können daran gehen. Schädlinge, Ratten fühlen sich angezogen. Und es ist einfach eine riesige Sauerei."

Der Schädlingsbekämpfer ist mittlerweile rund um die Uhr unterwegs und wird seit ein paar Jahren auch in die sogenannten besseren Wohngegenden gerufen - seit es eben die Mülltrennung gibt. "Es gibt Gegenden, da mussten wir früher kaum hin. Und heute müssen wir oft hin. Früher standen ja dort auch Mülltonnen, aber seit die Biotonne hinzugekommen ist, haben wir dieses Phänomen, dass Mieter anrufen und sagen: Wir haben eine Ratte auf dem Hof gesehen. Und das ist schon ganz schön verstärkt."

Ratten durch Biomüll? Panorama fragt bei den Berliner Wasserwerkern nach. In ihrem Kanalnetz bewegen sich die Nager. Dag Palm von den Wasserbetrieben: "Das Problem ist, vorher wurden ja diese Essensreste in den Hausmüll entsorgt, und heute ist das eben getrennt, wie man so schön sagt. Das ist ja wie ein Restaurant für die Ratte hier."

Denn, so sagen die Wasserwerker, wo oben der sorgsam getrennte Biomüll mit den Essensresten steht, sammeln sich unten die ungebetenen Gäste - Nutznießer der Mülltrennung.

In Wetzlar im Lahn-Dill kommt schön längst alles in eine Tonne. Der Landrat Karl Ihmels kämpft gegen die Mülltrennung in der Küche: "Naja, das Material muss natürlich getrennt werden, damit es hinterher eine vernünftige Verwertung findet. Nur - das muss nicht im Haus geschehen, dass man also im Haus das noch trennt. Das ist ökologisch nicht sinnvoll, ökonomisch sowieso nicht, und auch seuchenhygienisch ist es ziemlich bedenklich. Das kann man mittlerweile mit der Maschine machen, die ist dafür natürlich besser."

Aller Müll kommt in eine Tonne, denn eine Maschine sortiert alles auseinander. Im hessischen Wetzlar gibt es diese hochmoderne Anlage seit langem. Hier kann alles aussortiert werden, ohne den häuslichen Sammelwahn. Bis auf Kunststoff, dessen Wiederverwertung lohnt ohnehin nicht. Per Infrarottechnik holen die Maschinen sogar Glas aus dem Hausmüll. Vollständig überflüssig also der Gang zum Glascontainer. Sortenreines Weißglas - auch das kann die Maschine.

"Wir haben ein derartig kompliziertes Geflecht von zusätzlichem Aufwand für die Familien, von zusätzlichem Aufwand für die Entsorgungswirtschaft. Und all das wäre nicht nötig, wenn man sich der modernen Techniken bedienen würde", findet Landrat Ihmels.

Doch genau dagegen stemmt sich das Duale System vor Gericht. Denn das Modell aus Hessen würde das Ende der häuslichen Mülltrennung bedeuten.

Stattdessen geht der Sortierwahn weiter. Trennung macht zwar keinen Sinn, ist aber längst ein Selbstzweck. Im Landkreis Tübingen ist deshalb der sogenannte "elektronische Müllsheriff" im Einsatz. Kontrolliert wird der Biomüll. Metall etwa darf da nicht rein.

Der "Müllsheriff" ist ein elektronisches Messgerät hinten am Wagen. Er schlägt Alarm und meldet: Metall in der Tonne. Dann setzt es eine rote Karte. Das heißt in Klartext: die Tonne wird nicht geleert.

"Es kommt selten vor, dass sich das wiederholt", erzählt Andrea Riedinger vom Landkreis Tübingen, "dass die Leute hintereinander rote Karten kriegen, weil das so unangenehm ist. Zum einen fällt man schon mal auf, die Tonne steht da als einzige in der Straße, mit roter Karte, jeder sieht es vielleicht. Man will ja da nicht auffallen." Das heißt, der Müllsheriff hat auch eine erzieherische Wirkung? "In erster Linie hat er die, natürlich", sagt Andrea Riedinger.

Hauptsache, das Volk wird erzogen. Die meisten wollen das ja auch so, ganz egal, ob die Mülltrennung Sinn macht oder auch nicht. "Mülltrennung in der jetzigen Form, ist die ökologisch und ökonomisch sinnvoll?", so die Frage an Klaudia Martini, Umweltministerin in Rheinland-Pfalz. "In dieser differenzierten Form ist sie nicht ökologisch und ökonomisch schon gleich gar nicht sinnvoll", so die Ministerin. Die Frage des Reporters: "Warum machen wir sie trotzdem?" "Wir fürchten wohl alle, dass das Umweltbewusstsein der Bevölkerung einen Knacks bekommt, weil wir ja lang genug erzählt haben, wie wichtig es ist, zu trennen und zu sortieren."

Die Einschätzung von Karl Ihmels, Landrat im Lahn-Dill-Kreis: "Das hat eine spezifische deutsche Geschichte, aber die ist mittlerweile ideologisch bis zum Gehtnichtmehr."

Gunnar Sohn, der ehemalige Sprecher vom Duales System sieht es ganz ähnlich: "Das ist die Beruhigung des ökologischen Gewissens. Das scheint eine deutsche Krankheit zu sein, denn in keinem einzigen Land außerhalb Deutschlands wird so ein Mülltrennungsterror betrieben, wie wir ihn hier praktizieren."