10.05.01 | 21:00 Uhr

Holocaust - Die Lüge von den ahnungslosen Deutschen

von Bericht: Volker Steinhoff

Es gibt einen Ort, der in Deutschland sofort Kontroversen auslöst, sofort Ablehnung oder Schuldgefühle weckt, einen Ort, von dem man annehmen könnte, dass alle ihn kennen: Auschwitz. Doch jeder fünfte Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren hat davon noch nichts gehört. Das ist der eine Teil der Wirklichkeit. Der andere: Viele von denjenigen, die mit Sicherheit etwas über die Vernichtung der rund sechs Millionen Juden und über den tödlichen Terror gegen andere Minderheiten wussten, behaupten bis heute, davon damals nichts gehört zu haben. Auschwitz war weit weg, irgendwo im Osten. Die Wirklichkeit ist aber auch hier noch eine andere. Die meisten Menschen wurden nicht in Auschwitz, sondern in einem der vielen anderen Lager umgebracht. Tausende davon gab es auch in Deutschland. Der Mord geschah also auch in der Nachbarschaft.

Luftaufnahme des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme.

Holocaust - Die Lüge von den ahnungslosen Deutschen
"Vom Holocaust haben wir nichts gewusst". Die Nachkriegs-Ausrede vieler Deutscher: eine Lebenslüge. Das weist der US-Historiker Robert Gellately in seiner neuen Studie "Backing Hitler" nach.

Das KZ in Neuengamme bei Hamburg, vor knapp sechzig Jahren Ort eines bestialischen Verbrechens. Die Nazis ermordeten hier über 50.000 Menschen, direkt neben dem Dorf. Wladimir Ostapenko, ein Überlebender des KZ Neuengamme erinnnert sich: "Jede Wolke aus dem Krematorium ein Menschenleben. Rund um die Uhr kam der Rauch da raus, 24 Stunden. Natürlich hat die Bevölkerung von Neuengamme das gesehen. Es kam ja immer ein Bauer, der die Asche aus dem Krematorium abholte, als Dünger."

Das Dorf am KZ, immer noch sehr ländlich, wie damals. Direkt hinter den Gärten geschah der Massenmord. Wir teffen auf eine Anwohnerin, die sich nur schwerlich erinnern kann: "Ja, als Kind, das hat man verdrängt, als Kind vergisst man das wieder."

Das ehemalige KZ heute: ein Teil Gedenkstätte, der Rest weiter genutzt als Gefängnis. Auch die alten KZ-Pfähle finden die Neuengammer Bauern ganz praktisch. Was früher hier geschah, wollen viele nicht wissen. Dabei gibt es Fotos, wie die Neuengammer sonntags am KZ spazieren gingen, auch mit Kinderwagen. Sie konnten also sehen, was nach dem Krieg für alle Welt offenbar wurde. Doch das Grauen war nicht nur auf das KZ begrenzt. Jeden Tag liefen Häftlinge durch das Dort Neuengamme zur Zwangsarbeit an der Elbe. Abends kamen nicht alle lebend zurück.

Herbert Schemmel, ein weiterer Überlebender des KZ Neuengamme berichtet: "Die Bevölkerung von Neuengamme wusste ganz genau, wenn abends Elbe 1 einrückte, auf Schubkarren, wieviel Leichen sie reingebracht haben, oder vorne an den Händen und hinten an den Füßen, zwei Mann trugen den nächsten Toten dann rein da, in der Kolonne da. Das haben die doch gesehen, diese enge Durchgangsstraße durch Neuengamme da, diese lange Straße."

Doch bis heute hält sich die Verdrängung. Viele wollen weiter schweigen. So wie einige Anwohner, die wir befragten.

Verdrängen auch in Hersbruck bei Nürnberg. Direkt hinter dem Freibadzaun stand das Konzentrationslager. Alfred Nerlich, ein Überlebender des KZ Hersbruck erzählt: "Ich war im KZ Hersbruck auf Block 20. Wenn man rübergeschaut hat, an den Zaun gegangen ist, hat man sie gesehen, reingehen, baden. Die Umkleidekabinen waren hier."

Während die Hersbrucker plantschten, mordeten die Nazis hinter den Umkleidekabinen, manchmal fünfzig Menschen an einem Tag. Insgesamt töteten sie über 4.000 Menschen.

Während der Dreharbeiten am KZ interessiert sich ein älterer Hersbrucker für unsere Recherchen:

Anwohner: "Was haben Sie denn hier vor? Bestimmt nichts Gutes, wie ich Sie so betrachte."

Interviewer: "Wieso?"

Anwohner: "Ja, wenn ich Sie so beurteilen soll, die ganze Frage und die Formulierung der ganzen Angelegenheit."

Interviewer: "Wissen Sie, dass hier viele tausend Menschen gestorben sind?"

Anwohner: "Woanders sind die Menschen auch gestorben, nicht bloß hier. Fragen Sie mal welche, die in Russland waren, die werden Ihnen erzählen, wo die Menschen gestorben sind und wo die sind. Nicht bloß hier."

Jeden Tag mussten die Hersbrucker KZ-Häftlinge in die Stollen. Oft starben sie bei dieser Arbeit - an Erschöpfung. Die Überlebenden mussten dann die Leichen tragen. Der Fußweg zurück zum KZ führte mitten durch den Ort Hersbruck. So auch Alfred Nerlich, der außerdem der Meinung ist, dass das damals auch die Hersbrucker Bürger gesehen haben müßten.

Wir fragen nach - entlang der Todesroute von damals. Wieder will niemand etwas gewußt haben. Verdrängung, nicht nur in Hersbruck. Dreißig KZs und Vernichtungslager gab es in Deutschland, dazu 1.300 Außenlager. Weitere 2.300 Lager, etwa Arbeitserziehungslager und Vernichtungslager für Behinderte. Nicht auf dieser Karte sind die Lager für Zwangsarbeiter: weitere 20.000. Insgesamt fast 24.000 Lager. Viele Deutsche waren also Nachbarn und sagen heute: Wir wussten von nichts.

Der amerikanische Professor Prof. Robert Gellately hat jetzt die Lüge von den ahnungslosen Deutschen widerlegt. Nach jahrelanger Forschung in deutschen Archiven hat er ein Buch veröffentlicht: "Backing Hitler", auf Deutsch etwa: Unterstützung für Hitler. Der Buchautor: "Die Deutschen sollten von den KZs wissen. Das Regime erhoffte sich Zustimmung nicht trotz der KZs, sondern gerade wegen der KZs."

Gellately hat auch die Presse von damals ausgewertet. Hier wurden die KZs nicht etwa versteckt, sondern in Fotoreportagen dargestellt. In Dachau gab es sogar einen Tag der offenen Tür.

Gellately erklärt: "Die Anwohner der KZs, etwa in Dachau, waren stolz auf ihr KZ. In der Überschrift einer Lokalzeitung heißt es etwa, das KZ sei der Wendepunkt für die Dachauer Geschäftswelt."

Und immer wieder damals: Berichte über Konzentrationslager. Sie waren äußerst populär - zur Bekämpfung angeblicher Verbrecher. Massentötungen haben die Nazis in den dreißiger Jahren keineswegs verheimlicht. Oft fanden Hinrichtungen sogar mitten im Ort statt wie in Köln, damit mehr Leute zusehen konnten. Und manche Deutsche verlangten nach noch mehr Toten - egal aus welchen Gründen.

Gellately weiß: "Es gab Forderungen nach der Todesstrafe. Einige boten sich sogar als ehrenamtliche Henker an. Im Krieg etwa ging es oft darum: Was tun mit Frauen, die Sex mit Polen hatten? Die Einheimischen wollten sie gleich mit hängen. Aber Hitler und Himmler wollten davon nichts hören."

Auch die Judenverfolgung wurde nicht nur von oben angeordnet. Henny Brenner, eine Holocaust-Überlebende, wuchs in Dresden auf und musste damals den Judenstern tragen. Ihr Albtraum waren nicht nur die Nazis, sondern ganz normale Deutsche: "Es sind hinterhergelaufen ganze Schulklassen: Judenschwein, Judensau, guckt mal. Es hat eine Frau in der Bosbergstraße - ich kann Ihnen die Ecke zeigen - immer auf mich gewartet, regelmäßig, und mich angespuckt: Runter vom Bürgersteig." Wie ihr ging es vielen anderen. Die meisten überlebten die Niedertracht ihrer Mitbürger nicht.

Würzburg. Der Kanadier Gellately forschte auch dort, in einem der letzten erhaltenen Archive der Gestapo, des zentralen Unterdrückungsapparats der Nazis. Herbert Schott vom Staatsarchiv Würzburg berichtet: "Vor dem Kanadier Gellately war kein deutscher Wissenschaftler hier, der konkret nach Denunzianten oder Ähnlichem gesucht hat in den Gestapo-Akten."

Warum das Interesse bei den Deutschen so gering sei, wollen wir von ihm wissen. Schott: "Man ist ja davon ausgegangen, dass es eine geringe Täterschicht war, die im Dritten Reich für die Verbrechen verantwortlich war. Aber die Zuträgerschaft, die wollte man wohl auch nicht sehen. Damit hätte man sich, sein Volk, seine Vorfahren, seine Familien vielleicht auch selbst in eine Mitschuld gebracht."

Gellately hat viele Mitschuldige gefunden: zahllose Denunzianten aus der Bevölkerung. Angestellte denunzierten ihre Chefs, Ehemänner ihre Frauen. Und Nachbarn denunzierten alle, die nicht spießig genug waren. Nur zwölf Prozent ihrer Opfer hat die Gestapo selbst ermittelt.

Schott: "Die Gestapo hatte relativ wenige Mitarbeiter und keine informellen Mitarbeiter wie die Stasi später in der DDR, das heißt: ohne Zuträger von außen wäre sie völlig machtlos gewesen, hätte sie nichts machen können."

Ein Fall von vielen: Ilse Sonja Totzke, eine Musikstudentin. Gleich 15 mal wurde sie von Nachbarn denunziert - bei der Geheimen Staatspolizei. Sie sei ".... spionage-verdächtig .....", weil sie gut französisch spreche. Ein anderer moniert, sie habe "....... keine normale Veranlagung (und sei) männerfeindlich". Noch ein Nachbar bemängelt, dass sie "..... bis in die Mittagsstunden schläft".

Totzke wird von der Gestapo vorgeladen und verwarnt. Aber noch kein Arrest. Da denkt sich eine liebe Nachbarin etwas Neues aus: "Vorausschicken will ich, dass die Totzke den deutschen Gruß niemals erwidert. Dagegen hat sie immer für Frankreich und auch für Juden sympathisiert."

Schott zitiert: "'Die Genannte ist mir aufgefallen, weil sie einen jüdischen Einschlag hat.' Oder etwas später: ‚Ab und zu kommt eine Dame im Alter von etwa 36 Jahren, die das Aussehen einer Jüdin hat.' Solche Vorwürfe wurden auch gemacht, völlig haltloser Art. Frau Totzke war nämlich keine Jüdin." Aber am Ende wurde auch sie umgebracht, weil sie Juden geholfen hat.

Gellately: "Manchmal war die Bevölkerung radikaler als die Nazis. Es gab so viele Denunziationen, dass die Gestapo am Ende nicht mehr hinterherkam."

Hitlers willige Helfer handelten nicht nur aus politischen Motiven. Viele Deutsche förderten die Vernichtung der Juden aus selbstsüchtigen Interessen. So auch in Hamburg. Tag für Tag liefen hier Schiffe mit sogenannten "Judenkisten" ein, dem geraubten Hausrat der deportierten Juden. Am Hafen brach ein wahrer Kaufrausch aus. Über 100.000 Hamburger beteiligten sich so an dem Raubmord. Jeder hatte Angst, bei der Schnäppchenjagd zu kurz zu kommen. Ein Hamburger schreibt nach einer Deportationswelle an die Gestapo: "Ich möchte hiermit anfragen, ob man von den Möbeln einige Stücke käuflich erwerben kann."

Gertrud Seydelmann, eine Zeitzeugin erinnert sich: "Wenn ich sie etwas besser kannte und wusste, welche Gesinnung sie hatten, habe ich Ihnen gesagt: Hören Sie mal, ich gehe da nicht hin. ‚Das ist Blutgeld, das ist Hausrat von abtransportierten Juden, das ist blanker Diebstahl, unter Gewaltanwendung.' Und dann guckten sie etwas verdutzt, aber die Mäntel haben sie weiter getragen."

Rassenwahn und Massenmord. Viele beteuern noch heute: Wir wussten von nichts. Die Wahrheit ist eine andere weiß Gellately: "Die Deutschen wussten sehr viel, die wussten es sehr früh, und die haben sehr viel mehr erfahren können, als wir vielleicht manchmal denken."

Es gibt also kein Ausweichen mehr - eine für manche schmerzvolle Erkenntnis. Die Deutsche Ausgabe von Robert Gellatelys Buch ist ab Anfang kommenden Jahres bei der Deutschen Verlagsanstalt erhältlich. Es wird vielen eine schwierige Diskussion aufzwingen.

Literatur zum Thema:

Robert Gellately: Backing Hitler

Oxford University Press, 2001

deutsche Ausgabe:

Februar 2002 bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA)

Kontakt: markus.desaga@dva.de

Robert Gellately: Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassenpolitik 1933-1945

Paderborn 1993

Henny Brenner: "Das Lied ist aus" - Ein jüdisches Schicksal in Dresden

Pendo, Zürich, 2001

Frank Bajohr: 'Arisierung' in Hamburg

Christians Verlag, Hamburg 1997

Wolfgang Dreßen: Betrifft: 'Aktion 3' - Deutsche verwerten jüdische Nachbarn

Aufbau-Verlag, Berlin 1998