Hintermänner und Hinterbänkler - Die Gefolgsleute des Ronald Schill

von Bericht: Nicola von Hollander

Von Null auf fast zwanzig Prozent in zwölf Monaten - Ronald Schill hat es geschafft, er ist drin in der Hamburger Bürgerschaft und wird vermutlich der neue Innensenator. Damit dürfte er, wenn man seinen eigenen düsteren Darstellungen über die Hamburger Kriminalität glaubt, genug zu tun haben. Wer macht also den Rest? Wer organisiert die Fraktion, wer macht Parteiarbeit, wer setzt sich in die Gremien? Und vor allem: Wer bezahlt das Ganze? Der Sieg der Schill-Partei ist nur auf eins zurückzuführen: auf die Person Schill.

Ronald Schill © picture-alliance / Sven Simon Fotograf: Sven Simon

Hintermänner und Hinterbänkler - Die Gefolgsleute des Ronald Schill
Mit populistischen Parolen schaffte der beurlaubte Richter Ronald Schill in Hamburg auf Anhieb einen beispiellosen Wahlerfolg: fast 20 Prozent. Dabei stimmten die Wähler offenbar mehr für das Zugpferd Schill, weniger für seine Partei - eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die keiner kennt.

Beim Einzug der Law and Order-Fraktion in die Hamburger Bürgerschaft betreten die meisten zum ersten Mal parlamentarisches Parkett. Der Chef: Ronald Barnabas Schill, ein beurlaubter Richter. Mit populistischen Parolen traf der Polit-Neuling im Wahlkampf den Nerv der Zeit. Das Thema Innere Sicherheit hievte die Ein-Programmpunkt-Partei ins Parlament.

Ronald Schill, Vorsitzender der Schill-Partei: "Wir werden einiges verändern in dieser Stadt für die Bürger." Schill im Rampenlicht. Diesen Mann kennen viele, auch bundesweit. Seine Hintermänner und -frauen sind unbekannt. Sie halten sich zurück, scheuen noch die Öffentlichkeit.

Frage an Ilona Kaspedke, ein Parteimitglied: "Was haben Sie sich für die Legislaturperiode vorgenommen?" Ilona Kaspedke ist von Beruf Kauffrau: "Wissen Sie, ich bin nicht geschaffen für ...., ich fühle mich halt noch sehr unsicher, können Sie das nicht verstehen?" Frage: "Was bringen Sie in die Parlamentsarbeit mit ein?" Kaspedke antwortet nach längerer Pause: "Ich verstehe die Frage nicht."

Hamburg, Schanzenviertel, Erika's Eck. Eine Kneipe für die Schlachter vom benachbarten Fleischgroßmarkt. Der Hausherr, Peter Paul Müller ist einer der neuen Schill-Abgeordneten. An den Stammtischen kennt er sich bestens aus, in parlamentarischer Arbeit überhaupt nicht: "Ich bereite mich auf das politische Amt vor, indem ich mich erst mal freue, festzustellen als Neuling: wie ist es überhaupt im Rathaus. Um jetzt zu sagen, ich hab' hier ein fertiges Konzept, das ich also Simsalabim umzusetzen versuche, das, glauben Sie, so vermessen halte ich mich nun wirklich nicht."

Auch eine andere betritt zum ersten Mal die politische Bühne: Karina Weber, die Pressesprecherin der Schill-Partei. Sie war Moderatorin bei einem Hamburger Unterhaltungsradio. Aber mit Politik und deren Procedere hatte das offensichtlich nicht viel zu tun. Auch sie nimmt Nachhilfe: "Wir haben ja dieses kleine Buch von der Bürgerschaft, da steht alles drinne, so die ganzen Ordnungen und Redezeiten und diese ganzen kleinen Gesetze so innerhalb der Bürgerschaft", meint die Journalistin Karin Weber. "Und dann kriegen wir auch noch mal so 'ne kleine Information von Bürgerschaftsabgeordneten, die uns sagen, wie das alles funktioniert."

In der Kneipe fühlt sich der Gastronom und ehemalige Bauleiter Peter Paul Müller direkt am Ohr des Volkes. Seine Erfahrungen würde er gern in die politischen Gremien einbringen: "Ich war also mehr als 25 Jahre Vorsitzender eines Sportvereins und bin von daher aus natürlich mit dieser Sache so behaftet, dass ich also Sport und Verkehr, Bau, Städtebau als mein Gebiet, in dem ich besonders mich engagieren werde, zu nennen."

"Was befähigt Sie dann zum kulturpolitischen Sprecher der Schill-Partei?" Müller: "Wissen Sie, wir hatten damals die Gebiete zusammengelegt, Sport und Kultur. Und insofern bin ich damals zu diesem kulturpolitischen Sprecher gekommen. Ich gestehe freimütig, das war nicht das Gebiet, das mich vor Begeisterung vom Hocker gehauen hat."

Umgeben von Amateuren muss Schill um so mehr glänzen. Parteimitglieder und Gönner fühlen sich von seiner Ausstrahlung angezogen, sind beeindruckt, wie er mit Schlagworten auf Wählerfang ging. Der Populist wird in allen gesellschaftlichen Kreisen unterstützt - mit Geld oder Gunst.

Für den Wahlwerbespot stellte ein Geschäftsmann Schill sein Büro in einer Hamburger Nobelgegend zur Verfügung. Sein Name: Ian Karan, Chef einer Leasing-Firma. Einer von vielen, die Schill förderten, aber darüber nicht reden wollen. Frage: "Sie haben ihn also auch finanziell unterstützt, in welcher Höhe?" Karan von "Capital Lease": "Das kann man nicht sagen, es ist auch, ich glaube, nicht angebracht." "Fünfstellig?" "Ich möchte da gar nichts dazu sagen, kein Kommentar", beendet Karan das Gespräch.

Auch diese Herren unterstützen Schill. Aber im Bistro der Firma Delta Fleisch ist man diskret und schweigsam. Die Fleischermeister reden nicht gern über Parteispenden. Über ihre Sympathien für Schill und dessen Ideologie machen sie indessen keinen Hehl. Die Fleischermeister prosten sich zu: "Dann trinken wir auf die Schill-Partei." "Was wünschen Sie sich von Herrn Schill als Innensenator", fragt die Interviewerin. Hinrich Achner will: "Eine harte Hand, nicht aussitzen, sondern 'ne harte Hand. Angreifen und machen, Entscheidung und nicht hinschieben."

Weniger Kriminalität, weg mit dem Filz - das sind hier gewiss nicht die einzigen Gründe, mit Schill zu sympathisieren. Hans-Heinrich Höpner, Geschäftsführer von Delta Fleisch: "An Herrn Schill gefällt mir, dass er gerne gut isst und des öfteren Gast in meinem Restaurant ist." Auch ein anderer steht Schill mit Spenden und Ratschlägen zur Seite: Henry Randmark, US-amerikanischer Oberst, Vietnamkriegsvetaran und Unternehmer. Der Unternehmer Henry Randmark meint: "Ich habe ihn beraten in Fragen von Drogenbekämpfung, weil ich auf dem Gebiet - sagen wir - ziemlich gute Erfahrung habe." "Warum?" "Weil ich drei Jahre lang in Vietnam der Chef der Drogenbekämpfung innerhalb der Truppe war", erzählt Randmark.

So eint er Hintermänner wie Hinterbänkler, Ehrenhafte und Zwielichtige unter dem Motto: "Mit Sicherheit Schill" - die Abgeordneten sind fast Staffage, doch für die Hamburger Bürger werden sie Entscheidungen treffen. "Ich wünsche mir für die nächsten Jahre, dass wir die tiefgreifende gesellschaftliche Fehlentwicklung in unserem Lande zumindest ansatzweise stoppen", sagt Karl-Heinz Winkler, Studienrat a. D. "Welche wäre das", will die Interviewerin wissen. Winkler zählt auf: "Das wäre unter die Überschrift zu setzen: Leistungsverweigerung, linke Leistungsverweigerung, Sozialromantik, gesellschaftspolitische Permissivität in allen Bereichen."

Und die Journalistin Karina Weber beteuert: "Ich sehe mich gar nicht irgendwie als was ganz besonders Intellektuelles und will nicht besonders problematisch diese ganzen politischen Sachen erklären. Das hört man doch immer, man hört doch immer: Das ist alles nicht so einfach, das müssen wir erst mal so machen. Ich finde, wir müssen den Bürgern sagen, was geht und was nicht, und nicht die Bürger für dumm verkaufen."

"Das Volk hat immer die Abgeordneten, die es wählt und die es dann kriegt, und die hat es dann auch verdient", meint der Rechtsanwalt Norbert Frühauff. "Und ich glaub', die sind hier auch sehr gut vom Volk aus gewählt worden, vom Wähler."

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Das Erste | Panorama | 11.10.2001 | 20:15 Uhr