Häme, Spott, Intrigen - Was Frauen in der Politik erleben

von Bericht: Nicola Graef, Anja Reschke

Politik ist nichts für Frauen, das hat Napoleon gesagt, vor gut 200 Jahren. Eine Frau als Kanzlerkandidatin, in Kriegszeiten, unmöglich. Das haben Unionspolitiker über Angela Merkel gesagt, vor drei Wochen. Von 201 CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten sind gerade mal 44 weiblich. Das sind 20 Prozent - so wenig wie in keiner anderen Partei, mal abgesehen von der FDP. Im politischen Alltag war und ist der Umgang zwischen Männern und Frauen rüde, vor allem, wenn es um Macht und die obersten Posten geht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel. © dpa bildfunk Fotograf: Michael Kappeler

Häme, Spott, Intrigen - Was Frauen in der Politik erleben
Politik ist nichts für Frauen, das hat Napoleon gesagt, vor gut 200 Jahren. Eine Frau als Kanzlerkandidatin, in Kriegszeiten, unmöglich. Das haben Unionspolitiker über Angela Merkel gesagt, vor drei Wochen. Von 201 CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten sind gerade mal 44 weiblich.

Sie galt als das Mädchen von Helmut Kohl und attackierte ihn doch als Erste. Sie wurde zur Parteivorsitzenden gewählt, weil alle anderen kniffen. Jetzt kämpft sie an der Spitze in einer Männerwelt. Angela Merkel, die erste Frau, die in der Union ganz nach oben kam. Doch jetzt wird sie ausgebremst, jetzt, wo es um die Kanzlerkandidatur geht.

Die Thüringische Ministerin Dagmar Schipanski (CDU): "Sie wird nicht von Freunden dabei begleitet, sondern sie wird begleitet von Misstrauen, von Neid vielleicht auch von Argwohn."

Claudia Roth, Bundesvorsitzende der Grünen: "Das ist jetzt nicht Mitleid, das ich empfinde, aber ich denke mir oder ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie es deutlich schwieriger hat als andere, zumal in dieser Partei, wo es ja ungewöhnlicher ist als bei uns, dass Frauen vorne dran stehen."

Kerstin Müller, Fraktionsvorsitzende B90/Grüne: "An der Kollegin Merkel sieht man, wie sehr Berlin männlich tickt. Also es gab viele schwache Führungsfiguren in allen Parteien, aber selten ist jemand so fertig gemacht worden wie sie."

Fertig machen. Auf dem CSU-Parteitag lästern die männlichen Kollegen ganz offen: Sie kann es nicht. Und eine Frau in Kriegs- und Krisenzeiten, das gehe erst recht nicht. Deshalb: offensichtliche Ablehnung, sogar während ihrer Rede. Aber Mitleid kann Angela Merkel nicht erwarten.

Gertrud Höhler, Beraterin für Politik und Wirtschaft (CDU): "Sie hat diese Führungsposition ja unbedingt haben wollen. Sie behauptet sie ständig. Sie hätte viele Chancen mit sehr, sehr guten Gründen zu sagen, bis hierher und nicht weiter, vielen Dank, und macht ihr das weiter. Sondern sie hat im Gegenteil offenbar von der Droge Macht schon so viel genossen, dass sie sich sagt: Ich werde es den Männern nachmachen, ich bleibe einfach."

Parteitag der Jungen Union. Auftritt Friedrich Merz, selbstbewusst und die passende Pose. Das kommt an beim Nachwuchs: Jubel. Das gleiche Bild auch bei Wolfgang Schäuble: standing ovations. Und dann kommt die Parteivorsitzende Angela Merkel: gerade mal müdes Klatschen.

Renate Schmidt von der SPD: "In dem Moment, wo sich Frauen nicht auf der zweiten Ebene bescheiden, sondern in die erste Ebene vorwagen, dann haben sie es also sehr, sehr schwer."

Die Meinung von Petra Bläss (PDS), Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages: "Nach wie vor ist es so, dass Frauen immer doppelt so gut sein müssen, um entsprechend be- und geachtet zu werden."

Schließlich Ute Vogt, SPD-Bundestagsabgeordnete: "Also zumindest wird bei Frauen die inhaltliche Qualifikation immer hinterfragt. Es heißt immer: Hat sie genug Erfahrung, hat sie genug Wissen, ist sie überhaupt fachlich fit. Solche Fragen sind bei Männern meiner Erfahrung nach selten gestellt worden."

Männer - über Jahre hinweg haben sie geschickt Netzwerke und Allianzen aufgebaut, um sich gegenseitig zu stützen und zu fördern. "Bei Männern gibt's oft auch so'ne richtige Kumpanei", so Ute Vogt, "dass man sich lange kennt, gut befreundet ist oder jedenfalls sich so vom Biertrinken her auch ein gewisses Verständnis entwickelt hat. Das ist ein bisschen anders, glaube ich, bei Frauen."

Die ehemalige Bundesministerin Andrea Fischer (B90/Grüne): "Es gibt Strukturen, die sind männerbündisch, wo Frauen schwer reinkommen. Es gibt eine andere Wahrnehmung von Männern und Frauen. Also wenn ein Mann schreit, dann ist er engagiert, wenn eine Frau schreit, dann ist sie hysterisch. Wenn Männer Gefühle zeigen, ist es wie ein großer Moment in der Weltgeschichte, wenn Frauen Gefühle zeigen, sind sie irgendwie nicht stark genug."

"Ich erinnere an die großen Gesten von Willy Brandt", erzählt Claudia Roth, "das war eine sehr emotionale Geste. Ich erinnere an das Händchenhalten von Herrn Kohl und Herrn Mitterand, eine außerordentlich emotionale, fast kitschige Geste. Aber das waren zwei Staatsmänner. Wenn eine Frau das machen würde, würden sie sagen: Die soll doch mal Politik machen, aber die Frauen können es ja gar nicht. Also das ist etwas, wo ich wirklich denke, es wird nach unglaublich unterschiedlichen Projektionen beurteilt."

Zum Beispiel beim Aussehen. Über keine andere Frisur wurde so viel gelästert und gespottet wie über die von Angela Merkel. Dazu Bundesministerin Christine Bergmann (SPD): "Also dass so Äußerlichkeiten schneller bewertet werden bei Frauen, ist schon so, und vor allen Dingen auch gerne so ein bisschen diffamierend bewertet werden, wenn da irgendwas mal nicht ganz so sitzt, obwohl ich auch nicht um mich herum nur permanent wohlgekleidete, wohlfrisierte und top aussehende Männer habe."

Auch bei Reden werden Frauen häufiger von männlichen Kollegen belächelt, unterbrochen oder, wie Angela Merkel beim Parteitag der Jungen Union, demonstrativ ignoriert.

Petra Bläss: "Das ist besonders interessant, wenn man mal guckt, was so an Zwischenrufen kommt. Also da gibt es schon, meines Erachtens, eine Geschlechtsspezifik. Also diese typischen Rufe: Wer hat ihnen oder wer hat dir das aufgeschrieben - also so was kriegt merkwürdigerweise doch meistens eine Frau zu hören und weniger ein Mann. Also dieses Absprechen von Kompetenz, mehr unter der Gürtellinie."

Renate Schmidt: "Ausschlaggebend für mich war, dass ich in einer Rede von 15 Minuten in der Nachrüstungsdebatte 54 mal unterbrochen worden bin, da können Sie nicht mehr vernünftig reden. Und ich habe aber dann festgestellt, dass es anderen Frauen, quer durch die Fraktionen, ganz genau so geht."

Auch Angela Merkel erlebt Angriffe gegen ihr Aussehen, ihre Führungsstärke. Ihre Reaktion: zuschauen und ignorieren. Das Ergebnis: Sie wirkt immer weniger glaubwürdig. Ihre Kolleginnen reagieren anders.

Andrea Fischer: "Man muss überlegen, was sind geeignete Strategien. Eines ist meines Erachtens eine Immunisierungsstrategie, sich auch darüber im Klaren sein, dass die Jungs mit Frauen einfach anders ins Gericht gehen und dass das aber deswegen trotzdem nicht richtig ist, was die machen, und dass sie damit auch von ihren eigenen Schwächen ablenken wollen, und, wie gesagt, dass das alles so ist und dass das einen persönlich nicht so anfasst."

Claudia Roth: "Charmeoffensive ist manchmal gar nicht so schlecht, also einfach so was von herzlich und freundlich zu sein, wo dann die Oberbollerer überhaupt nicht mehr damit klar kommen."

Renate Schmidt: "Wir sind mal vor Weihnachten in die Sitzung gegangen und haben uns mal in einer rechtspolitischen Debatte - haben wir uns mal die Männer so ein bisschen aufs Korn. Es war sehr lustig, die waren sehr verunsichert, als wir mal so, dass man es gehört hat, gemeint haben: Der sieht aber süß aus."

Angela Merkel in der Männerwelt der Union. Anstatt auf weibliche Strategien wie ihre Kolleginnen zu setzen, macht sie sich die männlichen Rituale zu eigen - Drohgebärden.

Die CDU-Parteivorsitzende: "Und es muss klar sein, dass die, die nicht am gemeinsamen Strang mitziehen, in die richtige Richtung, nämlich in die Richtung des Wahlsieges, dass die sozusagen im Hinterkopf gespeichert sind bei der Frau Parteivorsitzenden und keinen Anteil daran haben werden, wenn wir wieder Politik gestalten werden."

Gertrud Höhler: "Also darin sehe ich eine deutliche Kopie des männlichen Verhaltens: Ich bleibe einfach, egal was die mir nachsagen, das haben schon andere überstanden, das wird auch wieder ruhiger. Das macht sie genau, wie Männer es machen."

Und Dagmar Schipanski: "Aber ich würde ihr nicht raten, so zu werden, weil ich finde, sie ist ein ganz wichtiger Meilenstein, gerade auf dem Weg von Frauen zur Macht, dass wir mit unserer speziellen Art, mit unserer spezifischen Art, und ich möchte einfach kein Mann sein, und ich bin froh, eine Frau zu sein, dass wir mit dieser spezifischen Art uns durchsetzen müssen."

Buchtipp:

Birgit Meyer: Frauen im Männerbund

Taschenbuch, 392 Seiten, Campus Fachbuch, 1997, ISBN: 3593358891

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 01.11.2001 | 21:00 Uhr