18.05.00 | 21:00 Uhr

Rüpel im Rathaus - Ein CSU-Bürgermeister mobbt sich durch

von Bericht: Thomas Berbner

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Ein Mann am Rednerpult © picture-alliance/dpa Fotograf: Peter Kneffel

Was wollen wir von einem Politiker? Klug, nein, am besten weise soll er seine Geschäfte führen, den Wohlstand seines Landes, seiner Stadt mehren, ehrlich und unbestechlich sein soll er und mutig durchgreifen. Bayern hat so einen Wunderknaben: den Bürgermeister einer Kleinstadt. Nur im Umgang mit Menschen, da hat der Mann so seine Probleme. Seine Angestellten hätte er wohl lieber als Leibeigene, denn von ihnen verlangt er - ich zitiere aus einem Brief, den er selbst geschrieben hat - "absoluten Gehorsam". Und wer selbst denkt oder gar aufmuckt, wird weggemobbt.

Über einen absolutistischen kleinen Dorfkönig berichtet Thomas Berbner.

KOMMENTAR:

Edgar Pöpel, CSU, seit nunmehr 17 Jahren Bürgermeister in Rehau. In seine Amtszeit fallen ein ungeahnter wirtschaftlicher Aufschwung, die Aufstellung von zweisprachigen Verbotsschildern auf den städtischen Grünflächen und die Errichtung des Franz-Josef-Strauß-Denkmals mitten in der Stadt.

0-Ton

EDGAR PÖPEL:

(Bürgermeister Rehau, CSU)

"Ich gehöre zu den Menschen der deutlichen Aussprache, so wie mein Vorbild Franz Josef Strauß."

KOMMENTAR:

Deutliche Worte findet Edgar Pöpel, wenn ihm Entscheidungen von Mitarbeitern nicht passen. Zitat: "Welches Arschloch gibt diese Anweisungen?"

Besonders bemerkenswert aber sind Pöpels Briefe. Einem schwerkranken Rehauer Bürger sagt er gar das Fegefeuer voraus. Zitat: "Dieser Mensch wird jedoch an seiner nicht nachvollziehbaren Aktion keine Freude haben. Die Vergänglichkeit des Lebens wird auch ihn eines Tages in der Reich des Bösen aufnehmen, um ihm dort die würdige Strafe aufzuerlegen."

Zimmer 210 im Rehauer Rathaus. In das kleine Büro werden die Beamten abgeschoben, die der Bürgermeister gar nicht mag. Zur Zeit sitzt hier Helmut Auer. Fünf Jahre lang hat der Bürgermeister kein Wort mit ihm gesprochen, alle Wünsche nach Terminen abgelehnt, Dafür gabs für den Leiter der Bauverwaltung reichlich Post.

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HELMUT AUER:

(Amtmann Rehau)

"Der Arbeitsalltag in diesem Büro sieht so aus, dass ich morgens um sieben Uhr hier anfange und in der Regel bereits zwei bis drei Briefe vorliegen habe. Dann werde ich über den Tag mit unsinnigen Arbeiten belegt, mit unsinnigen Maßnahmen, zum Beispiel musste ich in der Vergangenheit Lampenmasten auf Rost untersuchen. Als ich dann mitgeteilt habe, dass das nicht meine Aufgabe ist, hat man mir noch diese Rostsuche an Verkehrszeichenpfosten zugeteilt - und immer mit der Drohung, falls ich das nicht tue, ist das Amtsmissbrauch. Das heißt also, es ist das Schwerwiegendste für einen Beamten, Amtsmissbrauch zu begehen."

KOMMENTAR:

Schwerwiegende Delikte wurden von Pöpel dokumentiert. Zitat: "Am heutigen Tag wurde festgestellt, dass Sie erneut unmittelbar nach Dienstbeginn längere Zeit auf der Toilette verweilten. In diesem Zusammenhang wurde außerdem festgestellt, dass Sie nach Verlassen der Toilette das Licht nicht gelöscht haben. Diese zeigt zum wiederholten Mal, dass Sie mit den Mitteln Ihres Dienstherrn verantwortungslos und gleichgültig umgehen."

Seitdem muss Helmut Auer genau abwägen, wie wichtig ihm der Toilettenbesuch ist. Denn die Spitzel des Bürgermeisters können überall sein, auch gleich nebenan. In einem weiteren Brief wurden die möglichen Folgen eines unbedachten Toilettenbesuchs klar beschrieben. Zitat: "Da Ihr morgendlicher Toilettengang genauso gut vor Dienstbeginn zu Hause erfolgen kann, ohne dass dabei Arbeitszeit verloren geht, werden wir künftig, falls Sie Ihr Verhalten nicht ändern, Ihr Zeitkonto entsprechend korrigieren."

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EDGAR PÖPEL:

"In dieser Gemeinde und in diesem Rathaus herrscht ein Klima der Freuden, der Zuversicht, des Aufbruchs, weil in dieser Gemeinde Rehau in einem unglaublichen Fleiß zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern etwas geschaffen worden ist, dass wir uns heute mit Stolz Freistaat Bayern nennen dürfen, als die wirtschaftsstärkste Gemeinde im Freistaate."

KOMMENTAR:

Vom Klima der Freude hat Helmut Opitz noch nichts bemerkt. 25 Jahre lang versah der ausgebildete Rettungstaucher ohne Probleme seinen Dienst als Bademeister. Kurz nach seiner Wahl in den Personalrat kam ein Brief vom Bürgermeister: Eigentlich sei er ja viel zu dick und daher ein Sicherheitsrisiko.

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HELMUT OPITZ:

(Bademeister Rehau)

"Ich habe meine Aufgabe immer richtig gemacht. Ich habe also erst im Oktober einen erwachsenen Mann aus dem Wasser rausgezogen. Und ich habe also insgesamt schon fast zehn Leute rausgezogen, auch Kinder sind dabei gewesen. Und es ist für mich unverständlich, absolut unverständlich."

KOMMENTAR:

Solche Sachargumente zählen bei Pöpel nicht. Schließlich hat er schon so manchen Mitarbeiter erfolgreich aus dem Rathaus hinausgemobbt. Zum Beispiel Wernfried Janker. Der Bautechniker starb vor zwei Jahren, zermürbt von einem beispiellosen Nervenkrieg durch den Bürgermeister.

Seine Frau Karin hat alle Briefe aufgehoben. Ohne jede Grundlage wurde Janker zum Alkoholiker abgestempelt und in das Strafbüro 210 abgeschoben. Andere Büros durfte er nicht mehr betreten. Als Janker vor dem Rathaus parkte, schlug der Bürgermeister zu: Zwei Arbeiter des Bauhofs wurden angewiesen, das Auto sofort zuzuparken.

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KARIN JANKER:

"Dann haben die gesagt, das sei nach Anweisung vom Herrn Pöpel. Sie dürfen die nicht wegfahren, sie müssten da irgendwas aus- und einladen. Und dann hat der Wernfried gesagt, aber er müsste zum Anwalt, sie sollten doch wenigstens ein paar Zentimeter zurückfahren. Nein, ihnen ist ausdrücklich gesagt, keinen Zentimeter."

KOMMENTAR:

Pöpel wurde wegen Nötigung zu 16.000 Mark Geldstrafe verurteilt. Es war nicht seine erste Niederlage bei Gericht. Seiner politischen Karriere tat das keinen Abbruch. Der Höhepunkt: der Besuch des bayerischen Ministerpräsidenten in Rehau. Welch eine Ehrung: die goldene Kartoffel aus der Hand eines mehrfach vorbestraften Bürgermeisters. Angesichts der Leistungen Pöpels ist Stoibers Urteil klar: "Ihr Bürgermeister ist mein neues Vorbild."