12.10.00 | 21:55 Uhr

Tod auf Rezept - Jedes Jahr 16.000 Opfer durch Medikamente

von Bericht: Thomas Berbner, Thomas Berndt, Bernd Seguin
Eine Auswahl an Tabletten. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Fotograf: Heiko Wolfraum

Bremen, Intensivstation, Klinikum links der Weser:

Der renommierte Bremer Pharmakologe Prof. Peter Schönhofer ist einer der schärfsten Kritiker der Arzneimittel-Industrie. Seit Jahren erforscht er Nebenwirkungen von Medikamenten. Sein Ergebnis: Der Profit ist oft wichtiger als der Patient, Medikamente kommen häufig vorschnell auf den Markt:

"Das ist in der letzten Zeit mehr und mehr ein Problem. Unter dem Druck der Industrie haben sich weltweit die Zulassungsbehörden in einen Wettlauf der schnellen Zulassung begeben. Und deshalb werden die Mittel nicht mehr auf Sicherheit hinreichend geprüft, wenn sie zugelassen werden. Der Effekt ist der, daß kurz nach der Zulassung schwere unerwünschte Wirkungen auftauchen und das Mittel muß wieder vom Markt genommen werden."

Zum Beispiel das Antibiotikum Trovan. Die Bilanz: Schwere Nebenwirkungen bei 140 Patienten, mehrere starben während der Behandlung und nach nur einem Jahr mußte das Mittel wieder vom Markt genommen werden.

Eine mit dem Mittel behandelte Patientin hat gerade noch überlebt. Sie wurde wegen ihres Asthmas mit Trovan behandelt. Die Folgen waren dramatisch:

"Das Blut hat sich zersetzt, zerlegt, mußte dann mit Bluttransfusionen ersetzt werden und es gab massive Wassereinlagerungen in allen möglichen Häuten im Körper, also Herzbeutelerguß, Rippenfellerguß, im ganzen Bauchraum Wasser. Die Hirnhaut war auch angeschwollen, hat zu fürchterlichen Kopfschmerzen geführt und ich hatte sehr sehr hohes Fieber in der akuten Phase - das war lebensgefährlich."

In Studien vor der Zulassung gab es Hinweise auf gestiegene Leberwerte. Der Hersteller Pfizer hielt dies für unbedenklich und brachte das Mittel auf den Markt - die Studien seien ausreichend gewesen, behauptet Friedemann Schwelger von Pfizer: "Die waren mit Sicherheit ausreichend. Zu diesem Zeitpunkt war Trovan das am besten Trovan am besten untersuchte Mittel aller Zeiten, wesentlich besser untersucht als zum Beispiel Substanzen wie Penicilin."

Das am besten getestete Mittel schon nach einem Jahr vom Markt? Für Schönhofer ist Trovan schlicht aus Profitstreben in den lukrativen Markt für Antibiotika gedrückt worden:

"Dieses Mittel hat ein besonderes Risiko gehabt. Es schädigte die Leber. Es war also nicht besser als die üblichen Mittel auf dem Markt, aber schädlicher. (...) Und es kam zu tödlichen Leberschädigungen."

"Ich hatte das Glück, dass ich noch nicht so alt war", sagt Petra Müller* (*Name von der Redaktion geändert), "dass mein Kreislauf ziemlich gut ist, das ich das überstanden habe. Ich denke aber an viele Leute, die - es sind ja auch welche gestorben - die nicht in dieser Situation sind und sich das vielleicht auch nicht so klar gemacht haben, die vielleicht gestorben sind, ohne dass man diesen Zusammenhang hergestellt hat."

Arzneimitteltest im Feldversuch: das Risiko trägt der Patient. Rund 60.000 Medikamente sind in Deutschland auf dem Markt. Wird ein Mittel neu zugelassen, gibt es kaum unabhängige Kontrollen. Das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medikamente (BfArM) ist fast nur von Informationen der Pharmaindustrie abhängig.

Da bleibt nur Hilflosigkeit. Ulrich Hagemann vom BfArM : "Wir haben verhältnismäßig eingeschränkte Erkenntnisse über alles, das ganze breite Spektrum der Eigenschaften zum Zeitpunkt der Zulassung. Und deswegen müssen wir sie nach der Zulassung beobachten. Und wir müssen immer, wirklich immer darauf gefaßt sein, dass sich vollkommen neue Erkenntnisse bei breiter Anwendung herausstellen."

Für die Patientin kein beruhigender Zustand: "Letztlich bin nicht nur ich persönlich, sondern jeder Patient, der dieses Medikament einnimmt, ist damit ja ein Versuchskaninchen. Eigentlich sind alle Patienten, die so ein Medikament nach so kurzer Testphase einnehmen, eine verlängerte Studie."

Aktuelles Beispiel: Parkinsan. 130.000 mal wurde das Parkinsonmittel in den letzten zwölf Monaten verkauft. Auch hier gibt es eine Zulassung, jetzt prüft die Behörde, ob sie das Mittel wieder aus dem Verkehr ziehen muß. Ulrich Hagemann:

"Dazu liegen uns 17 Verdachtsfälle über Herzrhythmusstörungen vor. Es betrifft aber Herzrhythmusstörungen, die sehr schwer verlaufen können und potentiell lebensbedrohlich sind."

Der Hersteller Byk Gulden hat mit Parkinsan im letzten Jahr 8,6 Mio. Mark Umsatz gemacht. Zum Thema "Nebenwirkungen" verweigert die Firma ein Interview. Nur schriftlich teilt man uns mit, "Wirksamkeit und Sicherheit" seien durch Studien klar "belegt". Die Arzneimittelkommission, das höchste Kontrollgremium der deutschen Ärzteschaft sieht das deutlich anders. Prof. Bruno Müller-Oerlinghausen: "Bei Parkinsan liegt das Problem darin, dass die Wirksamkeit dieser Substanz bei Parkinsonkranken nicht besonders gut belegt ist, auf der anderen Seite jedoch sehr schwere Nebenwirkungen aufgetreten sind, die das Herz und den Kreislauf betreffen."

Den Behörden wird nur ein Bruchteil der schweren Nebenwirkungen gemeldet. Deshalb sammelt Professor Schönhofer seit 15 Jahren systematisch Patientendaten. Bundesweit gibt es nach seinen Berechnungen 16.000 Tote durch Nebenwirkungen von Arzneimitteln:

"Sie sind ungefähr zur Hälfte vermeidbar. (...) Wir haben mehr Todesfälle durch Arzneimittel als durch Verkehrsunfälle."

Wer in eine deutsche Apotheke geht, wiegt sich in trügerischer Sicherheit. Denn viele sogenannte Altarzneien sind nie richtig überprüft oder zugelassen worden. Staatliche Kontrolle - Fehlanzeige, wie Schönhofer erklärt:

"Nach den Arzneimittelgesetzen und der EG-Regulation sollten alle Altpräparate bis 1990 überprüft werden nach dem heutigen Kenntnisstand. Das haben auch alle Länder geschafft, außer Deutschland. Die deutsche Behörde hat ihre Verpflichtungen nicht erfüllt. Sie hat gegen die europäischen Normen verstoßen und die Altpräparate ungeprüft im Markt gelassen."

Ein Umstand, den auch Ulrich Hagemann einräumt: "Die Tatsache, dass diese Nachzulassungen nicht abgeschlossen sind, stellt sicher einen Mangel dar, weil diese Arzneimittel auch häufig in Risikoverfahren einbezogen sind."

Schönhofer zu den Konsequenzen: "Bei uns gibt es noch 20.000 Arzneimittel, die nie überprüft waren und deshalb hat der deutsche Verbraucher ein höheres Risiko als andere Europäer."

Die Realität auf dem deutschen Arzneimittelmarkt: wenn es drauf ankommt, bestimmt die Pharmalobby, wo es langgeht.

"Die Bundesrepublik Deutschland ist das größte Exportland, was Arzneimittel angeht, in der Welt", so Ulrich Hagemann, "wir haben sehr viel Industrie, wir haben einen außerordentlich vielfältigen Markt, der alle therapeutischen Richtungen abdeckt. Insofern ist das Gewicht, auch das ökonomische , ich möchte auch sagen das politische Gewicht der pharmazeutischen Industrie in Deutschland groß."