24.06.99 | 21:15 Uhr

Tödliche Nebenwirkungen - 20.000 Opfer durch Medikamente

von Bericht: Thomas Berndt und Christian Kossin

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Verschiedene Medikamente © Normann Hochheimer/CHROMORANGE

Auf deutschen Straßen werden pro Jahr rund 8.000 Menschen getötet. Mehr als dreimal so viele, nämlich bis zu 25.000, sterben durch einen der größten Killer in den Industrieländern. Eine Todesursache, die Statistiker offenbar lange übersehen haben: Nebenwirkungen, genauer: Neben- und Wechselwirkungen von Arzneimitteln. Rund eine Million Menschen werden deswegen pro Jahr in Krankenhäuser eingeliefert und die Hälfte der Patienten in akuter Lebensgefahr. Sie haben schädliche, falsche oder zu viele Medikamente eingenommen.

Über den Tod durch Arzneimittel berichten Thomas Berndt und Christian Kossin.

KOMMENTAR:

Die Leichenhalle des Bremer Zentralkrankenhauses. Vor wenigen Wochen wird hier ein Mann eingeliefert, scheinbar ein Routinefall: Herzversagen. Bei der Analyse von Gewebeproben entdecken Gerichtsmediziner allerdings die wahre Todesursache. Überall im Körper finden sie Spuren von Viagra. Der Mann starb offenbar keinen natürlichen Tod, sondern an den Nebenwirkungen des Medikaments. Wieviele Menschen bundesweit an Arzneimitteln sterben, darüber gibt es keine Statistik, Schätzungen von Experten aber sind alarmierend.

0-Ton

PROF. JÜRGEN FRÖLICH:

(Pharmakologe)

"Wie müssen davon ausgehen, daß im Bundesgebiet 25.000 Patienten jedes Jahr an unerwünschten Arzneimittelwirkungen sterben und daß es zu 500.000 schweren arzneimittelbedingten unerwünschten Wirkungen kommt. Das Bemerkenswerte daran ist, daß die Hälfte dieser unerwünschten Arzneimittelwirkungen vermeidbar sind."

KOMMENTAR:

Auch das Schicksal von Saliha Tamer war vermeidbar. Die 28jährige ging mit Rückenleiden zum Arzt, bekam dort ein Schmerzmittel und fiel wenig später ins Koma. Erst nach sechs Wochen kam sie wieder zu sich, doch es war nichts mehr so wie vorher, ein Teil ihres Gehirns ist zerstört.

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SALIHA TAMER:

(Patientin)

"Ich konnte gar nicht mehr selbständig irgendwas machen. Ich war auf andere Hilfe angewiesen, ich bin heute noch angewiesen. Zum Arzt kann ich nicht alleine fahren zum Beispiel. Mein Leben ist kaputtgegangen auf jeden Fall. Arbeiten kann ich nicht, ich bin behindert, was noch."

INTERVIEWER:

"Können Sie sich an Ihr Leben erinnern vor dieser Krankheit?"

SALIHA TAMER:

"Nein, überhaupt nicht. Mein Mann erzählt mir immer, wo wir waren und wo das ist, aber ich vergesse es immer."

KOMMENTAR:

Die Tamers haben inzwischen einen Anwalt eingeschaltet, verlangen Schmerzensgeld. Fahrlässige Körperverletzung lautet der Vorwurf. Daß Saliha Tamer dieses Medikament nicht verträgt, so der Anwalt, hätte der Arzt durch eine gründliche Untersuchung herausfinden können und müssen.

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WILHELM FUNKE:

(Patienten-Anwalt)

"Was wir sehr oft hören, ist, daß Patienten uns berichten, die Anamnese sei sehr kurz gewesen, der Arzt habe wenig Zeit gehabt, so daß bei uns der Verdacht entstanden ist, daß Ärzte oft nicht genügend bei den Patienten nachfragen, oft auch selbst nicht die Umfänge von Nebenwirkungen bestimmter Medikamenten überhaupt kennen."

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PROF. JÜRGEN FRÖLICH:

(Pharmakologe)

"Das ist wirklich das Problem. Besonders die Ärzte mit den sehr gut funktionierenden Praxen, die verordnen 400 verschiedene Medikamente, 400. Das kann ja kein Mensch im Kopf haben. Was weiß denn der über jedes einzelne Medikament, das kann er doch gar nicht alles wissen. Jeden Tag erscheinen an die 200 gedruckte Seiten über Arzneimittel. Ich meine, es ist ja selbst bei mir so: zu spezifischen Fragen gehe ich in die Computerbank rein und gucke nach, was gibt's Neues, ehe ich ein Urteil abgebe."

KOMMENTAR:

Die Patienten müssen dem Arzt vertrauen, wohl oder übel. Aber nur wenige Doctores forschen so gründlich nach Nebenwirkungen wie hier in Bremen. Verdächtige Medikamente werden in der Krankenhausapotheke sofort aus dem Verkehr gezogen, wie vor wenigen Tagen das Antibiotikum Trovan. In den USA waren daran mehrere Patienten gestorben.

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PROF. PETER SCHÖNHÖFER:

(Pharmakologe)

"Wir haben derzeit eine Tendenz, daß Arzneimittel so schnell zugelassen werden, daß keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen. Und die Folge ist, daß Arzneimittel unmittelbar nach der Zulassung abstürzen, wie das Trovan zum Beispiel. Das beruht darauf, daß die Sicherheitsüberprüfung vor der Zulassung mangelhaft ist, und dann geht es in den Markt, wo nichts überwacht wird. Dann trägt das Risiko der Patient."

KOMMENTAR:

Stefan Matera konnte erst vor wenigen Wochen die Klinik in Wuppertal verlassen. Bei ihm war es nicht ein einzelnes Medikament, das ihn krank machte, sondern ein Cocktail aus Antibiotika und starken Schmerzmitteln. Die Mixtur hatte sein Hausarzt ihm verschrieben, gegen eine Nierenbeckenentzündung. Kurz danach hohes Fieber, Leber und Nieren arbeiteten nicht mehr. Heute hat er fast alles überstanden, die verhängnisvollen Medikamente aber hat er aufgehoben. Erinnerungen an eine Zeit zwischen Leben und Tod.

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STEFEN MATERA:

(Patient)

"Die Lage war sehr ernst, die Lage. Der betreuende Arzt und auch der Professor hat geschildert, daß die Lage ist sehr ernst. Wir sollen bereit auf alles sein. Deutlich zu sagen: ich war mehr draußen als drin, oder sagen wir: mehr außerhalb als zwischen Menschen."

KOMMENTAR:

Jedes Jahr kommen rund 300.000 Patienten wie Stefan Matera ins Krankenhaus. Die Ärzte oft ratlos, die Patienten vollgepumpt mit den unterschiedlichsten Medikamenten.

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GERD GLAESKE:

(Barmer Ersatzkasse)

"Wir wissen, daß vor allen Dingen ältere Menschen vier bis fünf Ärztinnen oder Ärzte konsultieren. Alle diese Ärzte verschreiben etwas. Das sind Orthopäden, das sind praktische Ärzte, Internisten, Gynäkologen, Urologen - jeder verschreibt etwas aus seiner Sicht. Und wenn nicht gleichzeitig auch ein Arzneimittelpaß signalisiert, welche Mittel schon verschrieben worden sind, und wenn nicht gleichzeitig auch die Kompetenz der Ärztinnen und Ärzte so gut ist, daß sie auch die Wechselwirkungen, die Nebenwirkungen abschätzen können, dann kommt es eben zu Begleitverordnungen, zu Doppelverordnungen und zu Verordnungen, die sich nicht vertragen, und genau zu diesen Nebenwirkungen, die dann möglicherweise auch das Ende in einer Krankenhauseinweisung haben."

KOMMENTAR:

Doch nicht nur rezeptpflichtige Medikamente haben Risiken, Neben- oder sogar Wechselwirkungen. Auch frei verkäufliche Präparate können gefährlicher sein, als viele denken. Vermeintlich harmlose Naturprodukte können in der Kombination zum Beispiel mit Schmerzmitteln fatale Wirkungen entfalten. Beispiel Melissengeist.

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GERD GLAESKE:

"Melissengeiste sind hochprozentige Mischungen von unterschiedlichen Wirkstoffen, also zum Beispiel auch aus der Melisse, aber auch aus anderen pflanzlichen Wirkstoffen, 79 Volumenprozent Alkohol, also etwas, was Sie und ich normalerweise überhaupt nicht trinken würden - das wird bei uns als Arzneimittel, als Beruhigungsmittel, als Allheilmittel verkauft, und wo ich über den hohen Alkoholgehalt eigentlich die Chance habe, die hohe Chance, daß gerade bei älteren Menschen, die andere Arzneimittel einnehmen, Wechselwirkungen auftreten, die sehr, sehr gefährdend werden können."

KOMMENTAR:

Saliha Tamer hat am eigenen Leib erfahren, wie gefährlich Arzneimittel sein können. Sie vertraut keinem Arzt mehr und keinem Medikament.

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INTERVIEWER:

"Nehmen Sie noch Medikamente, gehen Sie noch zum Arzt, wenn Sie was haben?"

SALIHA TAMER:

"Nein, ich habe Angst. Wenn dieser Arzt mein Leben verpfuscht hat, dann gehe ich zu keinem Arzt mehr."

INTERVIEWER:

"Nehmen Sie auch keine Medikamente mehr?"

SALIHA TAMER:

"Nein."

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Nicht nur Ärzte unterschätzen diese Gefahr. Immer mehr Menschen kaufen sogenannte "Lifestyle-Medikamente" - Pillen, Tropfen und Salben gegen Glatze, Übergewicht oder Krampfadern. Vergessen wird dabei oft, daß auch solche Arzneien Neben- und Wechselwirkungen haben. Dasselbe gilt für Medikamente, die per Internet zu bestellen sind, ohne Beipackzettel, ohne ärztliche Beratung.