02.09.99 | 21:00 Uhr

Von Mao zu Hitler: Studentenführer von 68 als Rechtsradikale

von Bericht: Volker Steinhoff

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Der Bundesgeschäftsführer der SPD, er hatte mal einen Namen als meistgerügter Abgeordneter des Bundestages. Ein saarländischer Linker von Lafontaines Gnaden, ein Traditionalist in der SPD, ein etwas altmodischer Sozi. Davon gibt es ja bekanntlich noch ein paar mehr in unserer Regierung. So einige von ihnen standen unter dem Einfluß der Studentenrevolte. Sie sind Erben und zugleich Profiteure der 68er Bewegung. Einige waren dabei, gingen gegen die bleierne, verkrustete Adenauer-Gesellschaft auf die Straße, kämpften für eine gesellschaftliche Liberalisierung. Aber die wenigsten der Revolutionäre von damals sind Politiker geworden, die meisten sind heute ganz unauffällige, brave deutsche Bürger - mit ein paar Ausnahmen. So einige der Spontis, der Wortführer der Bewegung, sind, fast unbemerkt, nach rechts, genauer: nach ganz rechts außen abgedriftet. Damals waren sie gegen die Generation ihrer Väter, die sie für Faschisten hielten. Heute sind sie mit ihnen im Geiste eins.

Rainer Langhans © picture alliance Fotograf: Tobias Hase

Von Mao zu Hitler: Studentenführer von 68 als Rechtsradikale
Sie kämpften gegen die Adenauer-Gesellschaft auf die Straße, kämpften für eine gesellschaftliche Liberalisierung. Aber einige der Wortführer der Bewegung, sind nach ganz rechts außen abgedriftet.

Über einige Ewig-Ideologen der 68er berichtet Volker Steinhoff.

KOMMENTAR:

Das Fahrrad von Rainer Langhans ist Jahrzehnte alt, die Frisur auch.

Der erste Langhaarige, hat damals mal wer gesagt. Das war 1968. Langhans war einer der bekanntesten Köpfe der Studentenbewegung. Sie protestierten gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner, den Kapitalismus in Deutschland und vor allem den Neonazismus ihrer Eltern. Doch die Eltern waren an der Macht: Der Staat schlug zurück, aus Demonstranten wurden Märtyrer, die 68er erschütterten die Republik.

Rainer Langhans hat sich immer noch nicht angepaßt, zumindest äußerlich. Doch wenn er heute denkt und spricht, erinnert nichts mehr an die linken Ideale von damals.

0-Ton

RAINER LANGHANS:

(68er)

"Wir müssen die besseren Faschisten sein, denn der Faschist ist in meinen Augen jemand, der erstmal natürlich das Himmelreich auf Erden holen wollte, also der wirklich was Gutes wollte. Also unter dem Gesichtspunkt ist Hitler selbstverständlich für uns alle ein großer Lehrer, das wird keiner dann ablehnen können. Jetzt aber im speziellen Fall dieser Spiritualität würde ich sagen: Hitler ist ein verhinderter Spiritueller, und er hat das, was in die inneren Ebenen gehört, auf den äußeren Ebenen - Ich beschloß, Politiker zu werden - durchzusetzen versucht. Das ist meiner Ansicht nach der Hauptfehler, da müssen wir hinschauen, wir Deutschen im wesentlichen, damit wir das verstehen. Wenn wir ihn von vornherein verteufeln, werden wir ihm nicht gerecht."

KOMMENTAR:

Seine überraschenden Bekenntnisse sind für ihn nur die konsequente Fortentwicklung der Ideen von 68. Irgendwie sei er falsch verstanden worden, auch beim Thema Kapitalismus und Arbeiterklasse.

0-Ton

RAINER LANGHANS:

"Wir haben uns schon damals davon verabschiedet und haben gesagt: Die Scheißarbeiter wollen sowieso ihre Kühlschränke und Autos. Das ist absolut keine revolutionäre Geschichte, das sind nicht mal Leute, die uns halbwegs akzeptieren, weil wir was Neues leben wollen, im Gegenteil, das sind unsere Feinde gradezu."

KOMMENTAR:

Von Ho Chi Minh zu Adolf Hitler - Langhans ist kein Einzelfall.

Horst Mahler, 68 noch in bürgerlichem Outfit, war der Anwalt der Studentenbewegung. Und er war ihr Idol. Massen gingen für ihn auf die Straße, als er selbst zum verfolgten Objekt der Staatsgewalt wurde. Seine Biographie kennt jeder: Erst war er Anwalt und dann Mitglied der Terrorgruppe RAF. Der prominente Angeklagte hatte noch prominentere Anwälte: Zunächst Otto Schily, heute Innenminister, dann ein Sozialdemokrat aus Niedersachsen: Gerhard Schröder. Für den heutigen Bundeskanzler war damals klar, daß neben ihm ein überzeugter Kämpfer und Kommunist saß.

0-Ton

HORST MAHLER:

(RAF-Häftling, 1975)

"Arbeiter, Werktätige, Genossen, kämpft mit der Kommunistischen Partei für eine menschliche Gesellschaft, für den Sozialismus."

KOMMENTAR:

Horst Mahler 1999, heute - als Hauptredner auf einem Parteitag der NPD. Die Rechtsradikalen freuen sich über ihren neuen Kampfgefährten, den sie bisher nur als RAF-Mann kannten. In seiner Rede erzählte Mahler erst von Adorno, dem Imperialismus und verkündet dann seine neue Vision:

0-Ton

HORST MAHLER:

(68er)

"Die Bundesrepublik wird untergehen. Die sich jetzt ergebende Konstellation enthält zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit, daß das deutsche Reich zu einem Nationalstaat im vollen Sinne dieses Begriffes gedeiht."

KOMMENTAR:

Im Interview mit PANORAMA wird Horst Mahler noch deutlicher. Parole

"Ausländer raus".

0-Ton

HORST MAHLER:

"Das ist Überfremdung. Ich bin der Auffassung, daß diese Politik seit Jahrzehnten bewußt hingenommen wird von deutscher Seite, von anderer Seite möglicherweise bewußt forciert wird, und sie nimmt langsam aggressive Züge an. Ja, es geht vielleicht darum, einmal Deutschland auszulöschen, die Welt meinte ja immer, ein Problem mit Deutschland zu haben. Und man kann sich dieses Problem in der Weise vom Hals schaffen, daß man das deutsche Volk auslöscht. Das ist eine Strategie zur Auslöschung der Deutschen."

KOMMENTAR:

Er denke wie damals, sagt Mahler, denn auch die 68er seien eine nationalistische Bewegung gewesen, genauso wie die RAF.

0-Ton

HORST MAHLER:

"Es geht um die Freiheit der Völker, es geht auch um die Freiheit des deutschen Volkes. Und das sind Positionen, die 68 lebendig waren, und da hat sich nichts geändert. Das ist eine Wurzel der 68er gewesen, und das ist eine Wurzel auch der national-revolutionären Entwicklung und Bewegung von Adolf Hitler gewesen. Das muß man einfach sehen, und man erreicht nichts, wenn man das tabuisiert. Wir müssen also auch sehen, daß positive Komponenten in der damaligen Zeit wirksam waren. Die Motivation bei den Jungen, die damals in die Waffen-SS gegangen sind, und bei denen, die dann zur RAF gegangen sind, hat was Gemeinsames, eine Idee, wo man sagt: Die müssen wir in der Welt durchsetzen gegen Widerstände, gegen Feinde, und das geht eben in dieser Welt nur, indem man sich bewaffnet."

KOMMENTAR:

Mahler, Langhans - nur zwei von vielen. Rechtsgewendete 68er hatten sogar schon ein Buch herausgegeben: "Bye-bye 68", zur Freude der Neonazis. Doch es gibt auch Widerstand gegen die Neubewertung von 68.

Bommi Baumann, damals erst Aktivist, dann Terrorist. War seine 68er Bewegung wirklich nur ein Hort von Nationalisten?

0-Ton

BOMMI BAUMANN:

(68er)

"Es ist Wahnsinn, das ist eine geschichtliche Lüge, schlicht und ergreifend. Deutsche Kultur war uns scheißegal, wir haben Rock `n` Roll gehört. Also mich hat doch Little Richard mehr interessiert als Richard Wagner. Aber hallo mal."

KOMMENTAR:

Empörung - und Ratlosigkeit. Ging es bei den Vietnam-Demonstrationen tatsächlich nur gegen den behaupteten Imperialismus der US-Politik? Oder auch um eine antiamerikanische, also nationalistische Bewegung? Erklärungsversuch von einem der dabei war und nicht zu den Neurechten gehört.

0-Ton

PROF. HAJO FUNKE:

(68er)

"Also, der Antiamerikanismus und auch der Antizionismus schwangen mit, für mich damals unerkennbar. Aber Antiamerikanismus ist selbst ein nationalistisches Konzept, denn man kann nicht ein ganzes Volk, ein Kollektiv, einfach abtun als weniger wert. Und das genau ist geschehen."

KOMMENTAR:

Also alles nur ein großes Mißverständnis? Die Demonstrationen der 68er gegen Faschismus gar nicht so gemeint, die Wut der Spießer umsonst?

0-Ton Umfrage:

MANN:

"Die gehören ins Arbeitshaus bzw. mit Knüppeln runterjagen. Anders sind die gar nicht mehr groß zu kriegen. Bei Adolf hätte es so was nicht gegeben."

KOMMENTAR:

Auch in Hamburg probten die Studenten damals den Aufstand. Ihr Anführer: Reinhold Oberlercher.

0-Ton

REINHOLD OBERLERCHER:

(1968)

"Und das allerdings wollen wir, und das allerdings würde auch letzten Endes konsequent, auf alle gesellschaftlichen Bereiche übertragen, die Aufhebung der Herrschaft von Menschen über Menschen bedeuten."

KOMMENTAR:

"Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren" - die Parole von Oberlerchers Studentengruppe prägte eine Generation.

Reinhold Oberlercher heute. Er kämpft immer noch. Weniger gegen den Muff von 1000 Jahren, nun eher für das 1000jährige Reich - das Vierte Reich, um genau zu sein. Gegen Herrschaft hat er heute gar nichts mehr - im Gegenteil.

0-Ton

REINHOLD OBERLERCHER:

(68er)

"Die Bezeichnung Demokratie habe ich in meinem Reichsverfassungsentwurf verboten, weil mit der Herrschaft von Fremdworten häufig die Fremdherrschaft, die politische Fremdherrschaft beginnt, und das deutsche Volksherrschaft genannt. An der Spitze steht das Reichsoberhaupt. Und das deutsche Reich wird sich sicher erst auf den Gebieten Österreich, BRD - ehemalige BRD dann - und vielleicht auch der deutschen Schweiz und vielleicht auch Luxemburg rekonstituieren. Ich bin ja auch für die Wiedervereinigung mit den Niederlanden."

KOMMENTAR:

In Oberlerchers Reich sind Ausländer und Juden unerwünscht - mal wieder.

0-Ton

INTERVIEWER:

"Welchen Einfluß würden denn Juden im Vierten Reich haben?

REINHOLD OBERLERCHER:

"Keinen."

INTERVIEWER:

"Wenn die nun nicht freiwillig gehen wollen, was passiert dann?"

REINHOLD OBERLERCHER:

"Ja, das ist allgemein die Frage der Entausländerung. Wie die technisch jetzt durchgeführt wird - also folgendermaßen: Erst wird die Ausländerbeschäftigung beendet, dann wird das Aufenthaltsrecht von ausländischen, also fremd - Menschen fremder Volkszugehörigkeit beendet. Ein Strafbestand des organisierten Verbrechens, nämlich illegaler Aufenthalt im Land, ist ja schon gegeben. Und dann wird also das Vermögen natürlich eingezogen."

INTERVIEWER:

"Heute würden Sie dann tatsächlich Juden, die nicht freiwillig gehen würden, das Eigentum entziehen?"

REINHOLD OBERLERCHER:

"Aber nicht als Juden, sondern als kriminellen Ausländern."

INTERVIEWER:

"Und Sie meinen, nach Entzug des Eigentums würden die dann freiwillig gehen?"

REINHOLD OBERLERCHER:

"Naja, also ich bitte Sie, dann sitzen sie erst mal, und zwar nicht in einem KL, sondern in einem deutschen Zuchthaus."

KOMMENTAR:

Die schlimmen Visionen eines 68er Aktivisten. Hetze auch gegen Gerhard Schröder und Joschka Fischer.

0-Ton

REINHOLD OBERLERCHER:

"Und was diese Regierung machen, diese Ex-68er in der Regierung, das ist natürlich blanker Verrat an den Idealen der eigenen Jugend. Sie sind Verräter des deutschen Sozialismus und der deutschen Nation, weil sie bedingungslose Knechte des amerikanischen Imperialismus sind und sogar ein Verbrechen begangen haben, indem sie sich haben zwingen lassen in einen Angriffskrieg der NATO. Und das wird wie Mord bestraft. Im Vierten Reich gibt es die Todesstrafe für schwere Fälle von Hochverrat, von Landesverrat, für Mord - immer zwingend vorausgesehen. Das ist nun mal so."

KOMMENTAR:

Kein Fußbreit den Faschisten, hieß es 68. Dabei stand die Hintertür sperrangelweit offen. Antifaschisten von damals sind fassungslos über ihre Ex-Genossen.

0-Ton

BOMMI BAUMANN:

(68er)

"Diese Leute handeln wider besseren Wissens. Das ist eigentlich nicht mehr hinnehmbar, das ist nicht mehr erträglich. Sie sind in dem Sinne eigentlich schon schlimmer wie Faschisten."

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Wie kann es sein, daß jemand, der von einer herrschaftsfreien Gesellschaft schwadronierte, nun für das Vierte Reich mit Todesstrafe eintritt? Daß die APO-Veteranen, die die moralische Betrachtung der deutschen Vergangenheit - die Bewertung von Auschwitz - erst möglich machten, nun offenen Judenhaß pflegen? Es gibt Erklärungsversuche, von Ausgleich für den Bedeutungsverlust und Sinnsuche ist da die Rede. Das kann, denke ich, noch nicht alles sein.