17.09.98 | 23:00 Uhr

Phantomstellen und Scheinvermittlungen - Gefälschte Zahlen beim Arbeitsamt

von Bericht: Gesine Enwaldt und Steffen Przybyl

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Composing zum Rückgang der Arbeitslosenzahlen. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Fotograf: Waltraud Grubitzsch

In zehn Tagen wählen wir für oder gegen einen Wechsel, in zehn Tagen können wir bestimmen, wer uns im nächsten Jahrtausend regieren wird. Tja, und welche der möglichen Regierungskonstellationen schafft es am besten, das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen? Die Regierung Kohl hatte dafür 16 Jahre Zeit. Aber jetzt, so kurz vor dieser Wahl, erreichen uns plötzlich Positivmeldungen: Es gibt weniger Arbeitslose und offene Stellen, sagen die Statistiker. Der Aufschwung, die Wende zum Guten sei da, tönt es. Wahlkampf-Rhetorik, zumindest zum Teil. Denn da wurde mit unlauteren Methoden nachgeholfen, zum Beispiel mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, besonders im Osten. Darüber haben wir in Panorama bereits berichtet.

Gesine Enwaldt und Steffen Przybyl haben jetzt aber noch ganz andere, wohl effizientere Methoden herausgefunden, wie die Statistik geschönt werden kann, und zwar da, wo die Daten gesammelt werden, im Arbeitsamt.

KOMMENTAR:

Der Mann kann zufrieden sein. Bernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. Auf dem Weg zur Leistungsschau der Arbeitsämter. Hier in Nürnberg verkündet er ein Rekordergebnis an Stellenvermittlungen. Kurz vor der Wahl eine Steilvorlage für die Regierung.

0-Ton

BERNHARD JAGODA: (Bundesanstalt für Arbeit, 18.8.98)

"Wir haben ja in der ersten Jahreshälfte 1,8 Millionen Vermittlungen gemacht, das sind elf Prozent mehr wir im gleichen Zeitraum des Vorjahres."

KOMMENTAR:

1,8 Millionen Vermittlungen - ein Arbeitsvermittler aus Westdeutschland hat sich an uns gewandt. Er sagt, was er von Jagodas Zahlen hält. Er will nicht erkannt werden - aus Angst vor Repressalien.

0-Ton

ARBEITSVERMITTLER: (veränderte Stimme)::

"Wir haben das mit Belustigung gehört. Wir können diese Zahlen natürlich nicht ernst nehmen, weil wir ja wissen, wie diese Zahlen entstehen, denn letztendlich produzieren wir diese Zahlen."

KOMMENTAR:

Die Vermittler erfassen in den Arbeitsämtern offene Stellen und erfolgreiche Vermittlungen. Der Computer zählt fleißig alles mit, was sie tun - für die Statistik. Eigentlich sollte er nur mit tatsächlich existierenden Vorgängen gefüttert werden, die Realität sieht anders aus.

0-Ton

ARBEITSVERMITTLER

(veränderte Stimme):

"Unsere Software läßt uns wirklich alle Möglichkeiten, die Vermittlungszahlen zu beschönigen bzw. die Zahlen auszuweiten, so wie wir es möchten."

INTERVIEWER:

"Aber das bedeutet, daß die Zahlen dann nicht stimmen."

ARBEITSVERMITTLER:

(veränderte Stimme)

"Die stimmen nicht, definitiv nicht."

KOMMENTAR:

Eine der wichtigsten politischen Zahlen im Wahlkampf - Ergebnis einer Fälschung? Wir sind den Vorwürfen nachgegangen. Eine Zufallsauswahl: das Arbeitsamt Hamburg-Harburg. Hier hält man die EDV der Bundesanstalt für absolut sicher.

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INTERVIEWERIN:

"Gibt es in der Software die Möglichkeit, die Vermittlungszahlen zu schönen?"

WOLFGANG WERNER:

(Arbeitsamt Hamburg-Harburg)

"So kann ich das nicht bestätigen, nein, gibt es nicht."

INTERVIEWERIN:

"Da sind Sie ganz sicher?"

WOLFGANG WERNER:

"Ja, doch."

KOMMENTAR:

Eine Treppe höher bitten wir die Arbeitsberaterin Dörte Funk, uns die EDV zu zeigen. Wir lassen sie ein fiktives Stellenangebot eingeben: PANORAMA sucht eine Putzfrau. Bei einer echten Vermittlung würde nun der Name einer Arbeitslosen eingefügt. Doch jetzt kommt der Trick: Ein ehrgeiziger Vermittler kann beliebig viele fiktive Stellen an das Angebot anhängen.

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DÖRTE FUNK:

(Arbeitsberaterin)

"Das wäre dann - indem ich dann den Status ändere."

KOMMENTAR:

Unter "weitere gewünschte Kräfte" kann das Stellenangebot kinderleicht um eine beliebige Zahl erhöht werden, sagen wir fünf. Es reicht, die Stellen einfach als vermittelt einzugeben. Weitere Namen und Adressen werden nicht verlangt. Jetzt will der Rechner nur noch wissen, welches Geschlecht und welche Nationalität die fiktiven Reinigungskräfte haben, dann ist er zufrieden.

0-Ton

INTERVIEWERIN:

"Was ist jetzt passiert?"

DÖRTE FUNK:

"Jetzt hat der Computer die Vermittlungen gezählt."

INTERVIEWERIN:

"Das heißt, diese Vermittlungen, die Sie gerade vorgenommen haben, gehen in die Statistik ein?"

DÖRTE FUNK:

"Die gehen in die Statistik ein, die kann ich jetzt nur noch dann letztendlich bereinigen, indem ich das wieder zurückbuche."

INTERVIEWERIN:

"Das heißt, es wurden fünf Vermittlungen von Raumpflegerinnen an PANORAMA gezählt, die eigentlich gar nicht stattgefunden haben."

DÖRTE FUNK:

"Jetzt im Moment ja."

KOMMENTAR:

Wie kann das sein, hatte uns doch der Dienststellenleiter gesagt, die EDV sei absolut fälschungssicher. Ein zweiter Erklärungsversuch.

0-Ton

INTERVIEWERIN:

"Sie können also in der Software über einen bestimmten Schritt sowohl Stellen schaffen als auch Vermittlungen tätigen, ohne daß es diese Stellen gibt und ohne daß diese Vermittlungen stattgefunden haben?"

WOLFGANG WERNER:

(Arbeitsamt Hamburg-Harburg)

"Der Vermittler hat die Möglichkeit, das Gerät entsprechend zu nutzen, wenn er dieses entgegen der allgemeinen Arbeitsanweisung macht."

KOMMENTAR:

Unser Informant hat da andere Erfahrungen.

0-Ton

ARBEITSVERMITTLER:

(Stimme verändert)

"Also es gibt Kollegen, die sich an den Fälschungen nicht beteiligen, weil sie sich mit ihrer Arbeit sehr identifizieren, und sie verurteilen sehr diese Manipulation. Aber es gibt auf der anderen Seite Kollegen, die das als Karrieresprungbrett, als Karrieretrittbrett sehen und es exzessiv nutzen."

KOMMENTAR:

Zahlenfälschen für die Karriere? Unstrittig ist, daß der Leistungsdruck in den Arbeitsämtern immer höher wird. Beispiel Hamburg-Eimsbüttel. Der neue Leiter erklärt uns, was er von seinen Kollegen erwartet.

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BERND SCHRÖDER:

(Arbeitsamt Hamburg-Eimsbüttel):

"Als ich hier vor zwei Monaten den Dienst begonnen habe, hat jeder Vermittler an jedem zweiten Tag einem Arbeitslosen Arbeit gebracht. Das ist für mich zu wenig. Das Arbeitsamt ist eine Art Kostenstelle, und jeder Vermittler verdient sein Geld und verdient seine Sachkosten erst - das kann ich Ihnen rechnerisch belegen, wenn er pro Tag einem Arbeit bringt. So, und diese gesellschaftliche Verpflichtung, die habe ich auf die Mitarbeiter übertragen, das hat auch jeder jetzt erkannt."

KOMMENTAR:

Auch unser Informant kennt Leistungsdruck aus seinem Arbeitsamt.

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ARBEITSVERMITTLER:

(Stimme verändert)

"Wir leiden zum großen Teil darunter, zumal man signalisiert, daß Qualität ja nicht meßbar ist, daß man also Masse haben will und daß man Masse von uns erwartet. Und damit bekommen wir Probleme, uns mit dieser Arbeit zu identifizieren."

KOMMENTAR:

Bei der Nürnberger Bundesanstalt heißt es, Fälscher würden auf jeden Fall hart bestraft. Hier glaubt man fest an die Ehrlichkeit der eigenen Vermittler.

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HANSPETER LEIKEB:

(Bundesanstalt für Arbeit)

"Es wird aber niemand zu Arbeitsvermittlungen geprügelt. Ihm wird natürlich aufgegeben, ein möglichst gutes Vermittlungsergebnis zu erzielen, aber immer unter Berücksichtigung der Möglichkeiten, die der Markt hergibt, sprich: die Stellenangebote und was von der Bewerberseite her möglich ist."

KOMMENTAR:

In welchem Umfang gefälscht wird, ist für die Bundesanstalt kaum zu kontrollieren. Was unser Informant in seinem Arbeitsamt beobachtet, ist erschreckend.

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ARBEITSVERMITTLER:

(Stimme verändert)

"Pauschal kann ich sagen, die Statistik, die erscheint - wenn wir davon die Hälfte wirklich gemacht haben, können wir auf unsere Arbeit sehr stolz sein.

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER: Schon erstaunlich, wie leicht es ist, diese politisch so brisanten Daten zu manipulieren.