Angst um Image und Profit - Deutsche Konzerne erinnern sich an ihre Zwangsarbeiter

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Vorgestern ging die Daimler-Chrysler-Aktie an die Börse. Made in Germany, ganz international, mit ebensolchen Absatzmärkten. Nicht auszudenken, welchen Schaden da eine Imagekrise anrichten könnte, zum Beispiel, wenn amerikanische Lobbyisten zum Boykott von Mercedes aufriefen. Auch VW könnte leiden, wenn plötzlich niemand in den USA den Beetle, den Käfer, mehr kaufen wollte. Um das zu vermeiden, erinnern sich deutsche Firmen und Banken ganz plötzlich ihrer über fünfzig Jahre lang verdrängten oder verharmlosten Geschichte. Während des Zweiten Weltkrieges mußten zwischen sechs und zehn Millionen Menschen für den deutschen Staat und für deutsche Unternehmen arbeiten, zum großen Teil unter unmenschlichen Bedingungen. Zwangsarbeit, besser gesagt: Sklavenarbeit, für die später nur in den seltensten Fällen Entschädigung gezahlt wurde. Aber jetzt klingt das plötzlich ganz anders, die Firmen zeigen Entgegenkommen, und der neue Bundeskanzler hat das Problem zur Chefsache gemacht. Mit Einsicht oder Sühne hat das aber ganz wenig zu tun.

Sowjetische Kriegsgefangene im Jahr 1942 am Montageband des Volkswagen-Werks in Wolfsburg. © dpa - Fotoreport Fotograf: Fotoreport Stiftung Auto Museum VW

Angst um Image und Profit - Deutsche Konzerne erinnern sich an ihre Zwangsarbeiter
Daimler-Chrysler der Börse: Made in Germany, ganz international, mit ebensolchen Absatzmärkten. Nicht auszudenken, welchen Schaden da eine Imagekrise anrichten könnte, zum Beispiel, wenn amerikanische Lobbyisten zum Boykott von Mercedes aufriefen.

Jochen Graebert und Volker Steinhoff über menschenverachtenden Zynismus in Deutschland.

KOMMENTAR:

An seine Eltern kann sich Klaus Freiherr von Münchhausen kaum erinnern. Das letzte Mal hat er sie in Auschwitz gesehen. Damals war er zwei Jahre alt. Heute kämpft er um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter, unterstützt von einem Mäzen, der anonym bleiben will. Seit Jahren verhandelt er mit deutschen Konzernen und schöpft erstmals Hoffnung.

0-Ton KLAUS FREIHERR VON MÜNCHHAUSEN:

(Rechtsbeistand für Zwangsarbeiter)

"Ja, vor zwölf Jahren hat mir eine deutsche Firma einen Verleumdungsprozeß angedroht, wenn ich ihren Namen mit Auschwitz in Verbindung bringen würde. Heute ist das genaue Gegenteil der Fall, bei Volkswagen, die wollen jetzt ihr Geld ganz furchtbar schnell los werden. Aber ich glaube nicht, daß das eine neue Moral ist, sondern die haben Angst, daß sie ihre Autos in USA nicht verkaufen können, daß ihnen weiterhin so ein Nazi-Image anhängen würde."

KOMMENTAR:

Anfang dieser Woche, auf dem Weg zu einem Überlebenden in Holland. Albert van Dijk war Zwangsarbeiter im Schacht Dora bei Nordhausen. Aus ganz Europa entführten sie Menschen, um sie hier zur Sklavenarbeit für deutsche Konzerne zu zwingen. Van Dijk arbeitete hier für die Baufirma Hochtief. Wer einmal im Schacht war, sah das Tageslicht meist nie wieder. Nach wenigen Monaten Arbeit gingen die meisten Sklavenarbeiter elendig zugrunde. Van Dijk war dabei, als eine Gesellschaft hoher Nazis und Konzernbosse mal wieder zu Besuch kamen.

0-Ton ALBERT VAN DIJK:

(ehem. Zwangsarbeiter)

"Die Leichen waren da so hoch aufgestapelt, und die lagen da ausgebreitet an der Ecke des Schlafstollens, daß die Gesellschaft um die Leichen umhergehen mußte. So viele Leichen lagen da, es waren ganze Leichenberge. Sie müssen es gesehen haben, so viele waren es, und so wurde mit den Toten umgegangen. Manchmal wurden sie noch lebend oder bewußtlos auf den Leichenstapel geschmissen."

KOMMENTAR:

Im Schacht Dora war die Creme der deutschen Industrie vertreten, auch der Volkswagen-Konzern, der in den Stollen V1- und V2-Raketen produzierte. 1944 verlegte VW dreihundert Arbeitssklaven aus Wolfsburg in den Schacht Dora. Schon in den ersten Wochen starben zweihundert von ihnen. Die wenigen Überlebenden haben bis heute von VW keine Entschädigung bekommen.

Über 30.000 Sklaven arbeiteten damals insgesamt für VW. Keiner der ehemaligen Zwangsarbeiter hat von VW je einen Pfennig gesehen. Die letzte Ablehnung noch in diesem Juni.

0-Ton KLAUS KOCKS:

(VW-Markenvorstand, Juni 1998)

"Nein, ich glaube wir werden nicht den Weg in Einzelentschädigungen und auch nicht in Hinterzimmer-Agreements gehen."

KOMMENTAR:

Nur einen Monat später verkündet der gleiche Vorstandsmanager plötzlich genau das Gegenteil.

0-Ton KLAUS KOCKS:

"Der Vorstand von Volkswagen hat jetzt beschlossen, grundsätzlich einen privaten Hilfsfonds zu gründen. In wenigen Wochen, im September, wird der Aufsichtsrat Einzelheiten beschließen, und dann können die Dinge ins Land gehen."

KOMMENTAR:

Weshalb der abrupte Sinneswandel?

Frankfurt vor zwei Wochen vor der Deutschen Bank. Der US-Anwalt Ed Fagan mit Kostproben einer Kampagne, die schon die Schweizer Banken in die Knie zwang. Mediengerecht fordert Fagan Milliarden von deutschen Konzernen und stellt sie mit Vollmachten von Zwangsarbeitern an den Nazi-Pranger.

0-Ton EDWARD FAGAN:

(Rechtsanwalt New York)

"Audi, Mercedes-Benz, Volkswagen, Holzmann, Siemens, Krupp, Diehl, and all the rest of them."

0-Ton KLAUS FREIHERR VON MÜNCHHAUSEN:

(Rechtsbeistand für Zwangsarbeiter)

"Ohne diese amerikanischen Anwälte wäre das vielleicht heute nicht so weit gekommen, dann wäre die Angst von VW oder Daimler oder Siemens gar nicht da, denn die verkaufen ja in Nordamerika ihre Produkte und nicht in Afrika."

KOMMENTAR:

Der neue VW-Käfer - in den USA hat er ein Super-Image. Das könnte sich schnell ändern.

0-Ton WOCHENSCHAU-SPRECHER:

"Nun hat der Führer einen der Volkswagen bestiegen. Er fährt mit dem ersten Wagen durch die jubelnde Menge."

KOMMENTAR:

Noch weiter als die amerikanischen Anwälte ist Münchhausen. Er hat bereits zwei Prozesse für Zwangsarbeiter gewonnen. In seinem Bremer Büro lagern dreihundert Vollmachten dieser ehemaligen Sklavenarbeiter. Sie warten nur darauf, zu klagen. VW mußte handeln. Von 10.000 Mark pro Zwangsarbeiter ist die Rede.

0-Ton KLAUS FREIHERR VON MÜNCHHAUSEN:

"Wenn es eine magere Summe ist, wenn es lächerlich wird, wenn es eine zweite Diskriminierung wird für die Opfer, dann werden wir eine Klage einreichen. Ein Trinkgeld wird nicht angenommen."

INTERVIEWER:

"10.000 Mark waren im Gespräch."

KLAUS FREIHERR VON MÜNCHHAUSEN:

"Ein Trinkgeld wird nicht angenommen. 10.000 Mark sind ein Trinkgeld."

KOMMENTAR:

Früher schickten die Konzerne rüde Absagen, heute faxen sie unsittliche Angebote, wie VW-Vorstand Klaus Kocks. Ein netter Brief, handgeschrieben.

ZITAT:

"Sehr geehrter lieber Herr von Münchhausen, darf ich Ihnen anbieten, Ihre Arbeit, die Sie ja als Privatmann betreiben, gelegentlich zu unterstützen. Wenn Sie zum Beispiel ein Auto brauchen oder ein Flugticket oder ähnliches, sprechen Sie doch bitte ganz offen Herrn Grieger an. Mit besten Grüßen und Glückauf, Ihr Klaus Kocks, 22. September."

KOMMENTAR:

VW-Kocks wollte uns kein Interview mehr geben.

Von solchen Nettigkeiten konnten die Überlebenden fünfzig Jahre lang nur träumen. Alfred Hausser war Zwangsarbeiter bei Bosch. Bis heute zahlt die Firma keinen Pfennig. Viele seiner Leidensgenossen sind inzwischen gestorben. Sie hatten die Nazis überlebt, aber nicht den Zynismus der Konzerne.

0-Ton ALFRED HAUSSER:

(ehem. Bosch-Zwangsarbeiter)

"Die ganze Sache ist ein Wettlauf mit dem Tode geworden. Wir wissen, daß zum Beispiel bei VW von etwa 30.000 Zwangsarbeitern nachgewiesenermaßen vielleicht noch 300 leben. Wenn nicht bald etwas geschieht, dann ist der letzte Zwangsarbeiter tot."

KOMMENTAR:

Jahrelang spielten die Konzerne auf Zeit und behandelten ihre ehemaligen Zwangsarbeiter wie lästige Bittsteller.

Als die Alliierten die Zwangsarbeiter befreiten, kam für viele die Rettung zu spät. Für die Überlebenden kam bald der nächste Schlag: Keine Entschädigung, keine Entschuldigung - im Gegenteil: die Zwangsarbeiter sollten auch noch dankbar sein.

0-Ton PETER-JÜRGEN LÜDERS:

(Siemens, 1984)

"Ein Profit liegt sicherlich nicht darin, wenn man jemand bis zum letzten arbeiten läßt, bevor er umfällt. Möglicherweise liegt darin der Versuch, den Betreffenden zu retten, daß man ihn so lange behält."

0-Ton OTTO KRANZBÜHLER:

(Krupp-Anwalt, 1984)

"In einem Masseneinsatz von Menschen - bei Krupp waren also eine halbe Million, glaube ich, Menschen beschäftigt, können Sie nicht vermeiden, besonders wenn Sprachschwierigkeiten und Anstrengungen des Krieges, Luftangriffe usw. dazu kommen, daß einem Meister oder einem Vorarbeiter auch mal die Hand ausrutscht."

0-Ton HELMUT EPPE:

(Geschäftsführer Mauser)

"Ich glaube, die Zeit, Schuldgefühle, Gewissensbisse, das sollte man doch vergessen so langsam."

KOMMENTAR:

Vorgestern an der Wall Street. Daimler-Chef Schremp und Chrysler-Boss Eaton feiern die Fusion ihrer Unternehmen. Der neue Superkonzern hat hervorragende Aussichten, wäre da nicht ein mögliches Imageproblem: Daimler und die Nazis.

0-Ton WOCHENSCHAU-SPRECHER:

"Der offene Wagen fährt an uns vorbei."

0-Ton EUGEENIUSZ SZOBSKI:

(ehem. Daimler-Zwangsarbeiter)

"Also zwei Vertreter von Daimer-Benz sind gekommen nach Dachau, und sie haben uns gewählt. Wir mußten ganz nackt marschieren vor den Augen dieser zwei Leute, dieser zwei Vertreter. Und sie haben uns gewählt zur Arbeit bei Daimler-Benz, zur Sklavenarbeit. Ich erinnere diese Gesichter von diesen Leuten, ganz kalt, sie sind ganz kalt gewesen. Und sie waren ganz kalt, diese Augen, wie Steine. Und kein Mitleid."

KOMMENTAR:

Früher war dieser Saal immer voll. Treff der noch lebenden Sklavenarbeiter, letzte Woche in Warschau. Viele hatten bei Daimler-Benz gearbeitet. Seit Jahren fordern sie ihren noch ausstehenden Lohn - vergeblich. Die Absagen wurden immer absurder, voller Zynismus.

0-Ton EUGENIUSZ SZOBSKI:

"Eine Entscheidung zu individuellen Leistungen hätte außerdem solche ebenso begünstigt, die im Laufe der Jahre ihre psychische und physische Kraft zurückgewonnen haben und möglicherweise in guten Verhältnissen leben. Wissen Sie, das ist schrecklich, daß Daimler-Benz, die uns betrachten als Sklaven, schreibt solche Sachen."

KOMMENTAR:

Treff bei Gerhard Schröder vor ein paar Wochen. Zu Gast: die Bosse der großen deutschen Konzerne. Sie alle fürchten Absatzeinbußen in den USA - wegen der Zwangsarbeiter. Deshalb wollen sie jetzt plötzlich Entschädigung zahlen, so schnell wie möglich. Schröder hat verstanden.

0-Ton GERHARD SCHRÖDER: (21.10.1998)

"Eine pragmatische Lösung ist erforderlich und notwendig. Aber es darf auch gar kein Zweifel daran sein, daß die deutschen Unternehmen ein Recht auf Schutz durch die deutsche Bundesregierung haben, und dieses Recht werden wir auch erfüllen."

KOMMENTAR:

Das gefällt den Bossen. Auch Daimler-Chrysler will jetzt plötzlich zahlen.

Er hat dafür gesorgt, daß Schröder und die SPD sich überhaupt um die ehemaligen Zwangsarbeiter kümmern: Hans-Jochen Vogel, ehemaliger SPD-Chef. Den Durchbruch nach langen Jahren sieht er nüchtern.

0-Ton HANS-JOCHEN VOGEL:

(ehem. SPD-Vorsitzender)

"Da darf man nicht drum herum reden, das Bedürfnis, mitmenschliche Solidarität mit Menschen zu üben, die Übles erfahren haben in der Zeit ihrer Zwangsarbeit, das stand wohl leider ganz im Hintergrund - im Vordergrund stand, daß sich in den Vereinigten Staaten Druck entwickelt hat in der öffentlichen Meinung, aber vor allem auch durch die Sammelklagen. Und nachdem man gesehen hat, daß sogar die Schweizer Banken, die ja nie im Geruch leichtfertiger oder überstürzter Zahlungen standen, daß die eine erhebliche Summe zur Verfügung gestellt haben, das hat wohl den Ausschlag gegeben."

KOMMENTAR:

Die Daimler-Filiale in Warschau. Auch hier entsteht langsam ein Markt für Luxuswagen. Die Erfolgsstory seines ehemaligen Arbeitgebers sieht Eugeniusz Szobski mit bitteren Gefühlen und auch die Kehrtwende von Daimler in der Entschädigungsfrage - nach fünfzig Jahren Blockade.

0-Ton EUGENIUSZ SZOBSKI:

"Moral - wir warten schon über fünfzig Jahre, ist das Moral?"

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Haben Sie in dem Film eine Stellungnahme der Industrie vermißt? Nun, kein Unternehmen wollte uns zu diesem Thema ein Interview geben.

"Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert", hat Jean Amery geschrieben. Der Satz hat Gültigkeit auch für ehemalige Zwangsarbeiter. Es geht um die Würde der Opfer. Und dazu noch mal ein interessanter Vergleich: Hitlers Kämpfer in SS und Wehrmacht, die im Krieg verwundet wurden, haben aus Steuergeldern insgesamt über vierhundert Milliarden Mark sogenannte "Opferrente" erhalten, und zwar zusätzlich zu der ihnen ohnehin zustehenden Altersrente. Täter hatten in Deutschland offenbar keine Schwierigkeiten, sich für erlittenes Leid entschädigen zu lassen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 19.11.1998 | 21:00 Uhr