20.11.97 | 21:00 Uhr

Zwischen Bremstest und Champagnerparty - Die Arbeit der Auto-Journalisten

von Bericht: Thomas Berndt

Anmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Sonnenuntergang an der Côte d'Azur © NDR

Bestimmte Berufe und Jobs bringen schon fast so selbstverständlich Vorteile mit sich, daß kaum noch ein Mensch darüber nachdenken mag, geschweige denn darüber reden. Das gilt auch für Journalisten, besonders für Auto-Journalisten. Als die Mercedes A-Klasse zum Umfaller wurde, haben wir uns gefragt: Wie war es möglich, daß vor dem Tritt vom schwedischen Elch kein deutscher Auto-Journalist mit dem Kleinstmobil gekippt ist - oder wurde darüber nur nichts geschrieben? Etwa ein typischer Fall von "Champagner-Journalismus"? Das umschreibt die unausgesprochene Verquickung von Privilegien für Journalisten in Form von Reisen, Geschenken und edlen Dauertestwagen mit dem gewünschten Ergebnis in der Berichterstattung.

Seriöser Journalismus bleibt so auf der Strecke, meint Thomas Berndt.

KOMMENTAR:

Chateau de la Mesardiere, unweit von St. Tropez. Ein Luxushotel für Superreiche, fast 1000 Mark kostet die Nacht. Porschefahrer sind hier besonders willkommen, auch wenn sie nur Porschefahrer auf Zeit sind. Denn diese Herren sind hier nicht zum Vergnügen. Champagner ist Pflicht. Motor-Journalisten bei der Arbeit, diesmal alles bezahlt von Porsche. Die Autobauer hatten zur Präsentation geladen: der neue Carrera 911 zum Testfahren. Erst die Pressekonferenz im Salon, dann das Fünf-Gänge-Menü. Dazu kleine Aufmerksamkeiten für die Presse - bei einigen Autokonzernen selbstverständlich.

0-Ton

PETER J. GLODSCHEY:

(Ex-Chefredakteur Auto Bild)

"Da waren wir bei Fiat, im feinsten Hotel am Platze. Da kommt man aufs Zimmer, ein schöner Blumenstrauß, die Pressemappe liegt auf dem Nachttisch. Auf dem Tisch stand eine silberne Bonboniere, "Für Madame", stand da dran. Die kostet im Laden 800 Mark, von feinsten Juwelier aus Turin, ich hab’ die mitgenommen. So, also das, würde ich mal sagen, das ist das Extremstück."

INTERVIEWER:

"Ist das so eine kleine Form von Bestechung, kann man das so nennen?"

PETER J. GLODSCHEY:

"Das ist Bestechung, natürlich ist das Bestechung, das ganze System ist Bestechung."

KOMMENTAR:

Sowas gibt’s bei Porsche selbstverständlich nicht. Aber nur blitzblank polierte Autos, das reicht natürlich auch nicht für eine gute Presse. Einige Hersteller kaufen die Auto-Journalisten lieber gleich direkt ein, als freie Mitarbeiter, gegen stattliche Honorare - versteht sich.

0-Ton

PETER J. GLODSCHEY:

"Es gibt durchaus Kollegen, die auch Aufträge von der Industrie bekommen. Der eine schreibt also Pressenotizen oder Pressemappen für die Industrie und kriegt dafür ein Honorar, ist freischaffender Künstler. Soweit sieht das ja alles ganz normal aus. Es gibt andere, die schreiben Bücher über Autos, natürlich über hochkarätige Autos, die dann zu einem Wahnsinnspreis mit wunderschönen ausgestattet in den Buchläden stehen. Auch dieses sind, wenn man es ganz nüchtern betrachtet, Mittel der Domestizierung der Kollegen."

KOMMENTAR:

Unbeschwerte Spritztouren am Mittelmeer, eher Zugaben. An die Wagen der Industrie haben sich einige der so unabhängigen Journalisten sowieso schon lange gewöhnt.

0-Ton

PETER J. GLODSCHEY:

"Diese Kerle haben kein eigenes Auto, sie haben immer ein schönes Auto, wenn er sagt, im Sommer will ich ein Cabrio, steht ein Cabrio vor der Tür oder ein Wohnmobil. Die Kosten bezahlt die Industrie, weil es ja gleichzeitig Test ist, wenn er mit der Familie fährt. Und der Kollege, der eben, was weiß ich, jetzt einen SLK vor der Tür hat, als Dauertestwagen, der wird das Maul halten, der wird das Maul halten."

KOMMENTAR:

Auch bei der A-Klasse war kaum Kritik zu hören. Ein möglicher Grund: Für die Motor-Presse ist es entscheidend, einen Testbericht möglichst früh im Blatt zu haben, vor der Konkurrenz. Und kritische Texte können Folgen haben. Schließlich bestimmt die Industrie, wer beim nächsten Modell wann einen Testwagen bekommt. So jubelte beispielsweise die Autozeitung im September, Mercedes sei es mit der A-Klasse gelungen, "wie seinerzeit Kolumbus, eine undurchführbar scheinende Idee genial umzusetzen". Und Auto Motor Sport kam zu dem Testergebnis: "Selbst bei extremen Fahrmanövern zeigt der kleine Mercedes ein hohes Maß an Gutmütigkeit."

Diese vornehme Zurückhaltung hat einen simplen Grund, meinen Kritiker: Kritische Berichte verärgern eben die Anzeigenkunden, und die bringen schließlich der Motorpresse das Geld.

0-Ton

PETER J. GLODSCHEY:

"Wenn man das sehr zuspitzt, hängen alle diese Kollegen - und ich hab’ das ja früher auch getan - am Tropf der Industrie. Und es gibt ja auch Anzeigensperren, die kann man auch dosieren, entweder für den Verlag oder nur für den Titel, oder bei Lokalzeitungen kommt dann ganz zufällig die Händlerschaft am Ort nicht mehr mit Anzeigen für eine Weile. Das ist dann das Signal: Es hat uns nicht so sehr gefallen."

KOMMENTAR:

Und das Anzeigengeschäft ist knallhart. Allein die 25 größten Auto-Magazine haben zusammen eine Auflage von 17 Mio. Exemplaren.

Die Motor-Journalisten haben dabei wohl den Traumjob, reisen zum Teil mehrfach um die Welt, finanziert von der Autoindustrie. St. Tropez, da für einige schon eher ein Naherholungsgebiet.

0-Ton

PETER J. GLODSCHEY:

"Im Grunde ist der Eintritt in den Motor-Journalismus so etwas: Sie kriegen ein Dauerticket für irgendein Reiseunternehmen und reisen ständig um den Globus, sie sind immer unterwegs. Weshalb muß man ein Auto am Corcovado in Rio vorstellen, das ist mir nicht so ganz einsichtig. Es ist aber schön dort."

KOMMENTAR:

Und die Industrie spendiert sowas gerne. Die Strategen von Porsche zumindest waren sehr zufrieden - die paar Millionen für die Präsentation. Das neue Modell jedenfalls hatte eine gute Presse: "Ein Riesenspaß - der neue Porsche ist der beste 911er aller Zeiten." Begeisterung über das Auto, dazu Entspannung am Strand und das Warten auf den nächsten Autotest.