20.11.97 | 21:00 Uhr

Verklärt, verkitscht - Hollywood feiert den Dalai Lama

von Bericht: John Goetz und Jochen Graebert
Der Dalai Lama in Hamburg © dpa

Mit harter Hand geht China gegen protestierende Tibeter vor. Drahtzieher der Proteste sei der Dalai Lama, behauptet China. Journalisten dürfen sich im Moment kein eigenes Bild der Lage vor Ort machen. Unbestritten ist, dass die chinesische Diktatur die Menschenrechte mit Füßen tritt. Aber wofür steht der Dalai Lama? Der Lamaismus hat eine durchaus zweifelhafte Tradition, wie eine Beschäftigung mit der Geschichte ergibt: gnadenloser Feudalismus, unmenschliche Strafen. Tibet unter dem Dalai Lama war ein Armenhaus. Schon 1997 berichtete Panorama darüber – auch aus heutiger Sicht ist der Bericht noch interessant:

Anmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

"Verteidiger der Wahrheit" nennt man ihn, "Ozean der Weisheit" oder "Der ausgezeichnete Verstand". Wo immer er auftritt, verbreitet er eine Aura von Frieden. Keiner unserer Politiker ist gemeint, ich rede vom Dalai Lama, der durch sein Eintreten für Gewaltlosigkeit und Toleranz und durch einen Schuß Exotik die buddhistische Inkarnationslehre auch für westliche Sinnsucher interessant macht. Und da sich religiöse Helden bestens für Träume und Mythen eignen, können Sie das Leben des tibetischen Gottkönigs jetzt als Hollywood-Produktionen nachvollziehen. Noch vertritt er eine Religion ohne Land: die chinesische Regierung verwehrt den Tibetern einen eigenen Staat. Wir machen uns nicht mit den alters- und ideologiestarren Machthabern in Peking gemein, wenn wir jetzt zeigen: Ganz so harmonisch und tolerant geht’s im Umfeld des Dalai Lama nicht zu - erst recht nicht, wenn es um seine eigene Macht geht.

Von John Goetz und Jochen Graebert.

KOMMENTAR:

Ein Superstar im Kölner Cinedom Brad Pitt läßt sich feiern beim Kinostart des Hollywoodstreifens "7 Jahre in Tibet". Der blonde Teenieschwarm spielt den österreichischen SS-Mann Heinrich Harrer, der aus englischer Gefangenschaft nach Tibet flieht.

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FILMTEXT:

"Und plötzlich findet er sich wieder in einer verbotenen Welt, die ihn für immer verändern sollte."

"Es ist mir eine Ehre, Eure Heiligkeit."

"Goldenes Haar."

KOMMENTAR:

Hollywood malt das alte Tibet, wie es die moderne Welt so gerne sieht: ein Paradies fernab der Zivilisation - tief religiös, harmonisch, friedlich.

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BRAD PITT: (Übersetzung)

"Gucken Sie sich die Tibeter an, wie arm sie sind, materiell gesehen. Und dann gucken Sie sich an, wie glücklich und wie friedlich sie sind, und ihre Lebenseinstellung, mit der sie ihren Weg gehen. Das ist einfach phantastisch. Es geht unter die Haut. Es sind die Herzen der Menschen, die Tibet zum Shangri-La, zum Paradies machen. In Amerika ist daraus eine richtige Bewegung geworden."

KOMMENTAR:

Er allein verkörpert den Kampf für ein freies Tibet gegen die brutalen chinesischen Besatzer. Der Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger 1989. Das geistliche und politische Oberhaupt aller Tibeter gilt als zweiter Mahatma Gandhi. Sein gewaltloser Kampf für ein freies Tibet findet weltweit Sympathie und Bewunderung. Er gilt als Inbegriff buddhistischer Vollkommenheit, und er wirbt mit diesem Bild für den Freiheitskampf seines Volkes. Zitat:

"Der fortwährende Einfluß des Buddhismus ergab eine Gesellschaft des Friedens und der Harmonie. Wir genossen Freiheit und Zufriedenheit."

Tibet, wie es wirklich war: Historische Aufnahmen aus den fünfziger Jahren, als dieser Dalai Lama das Land noch regiert hat. Beherrscht wurde das feudale Tibet von Mönchen und Adligen. Hier legt der junge Dalai Lama seine letzte Prüfung ab.

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PROF. JENS-UWE HARTMANN:

(Tibetologe, Humboldt-Universität Berlin)

"Die Gesellschaft war streng hierarchisch organisiert. Es gab eine Art von Leibeigenschaft, es gab durchaus drakonische Strafen, bis hin zu körperlicher Verstümmelung, Auspeitschungen und dergleichen. Und all dies zeigt uns, daß die Gesellschaft nicht ganz so ideal gewesen sein kann, wie sie uns immer wieder im Rahmen dieses Mythos Tibet vorgeführt wird."

KOMMENTAR:

Ein amerikanischer Reisebericht aus dem Jahr 1950 dokumentiert die archaischen Zustände im alten Tibet. Diesen Gefangenen sollten Nasen und Ohren abgeschnitten werden. Erst als die Amerikaner protestierten, wurde die Strafe gemildert: 250 Peitschenhiebe.

Besonders gefürchtet bei der einfachen Bevölkerung war die tibetische Mönchspolizei. Diesem Mann wurden die Augen ausgestochen, im alten Tibet eine übliche Strafe. Abgeschlagene Arme zeugen von drakonischen Urteilen. Die Mehrheit der Tibeter gehörte ihrem Feudalherrn. Ohne seine Erlaubnis durften diese Leibeigenen nicht einmal den Hof verlassen.

Tibet, wie es auch war, als der Dalai Lama in den fünfziger Jahren regiert hat.

Der Dalai Lama heute, fast vierzig Jahre später. Noch immer beschönigt er diese Zustände und nährt damit die romantische Verklärung des alten Tibet. Zitat:

"Ein Armer Tibeter hatte wenig Veranlassung, seinen reichen Gutsherrn zu beneiden oder anzufeinden, denn er wußte, daß jeder die Saat aus seinem früheren Leben erntet. Wir waren schlicht und einfach glücklich."

Dieses Klischee vom armen, aber tiefreligiösen und deshalb glücklichenTibet hat sich bis heute gehalten. Fachleute wissen es seit langem besser, doch bisher wagte kaum jemand, am Mythos Tibet zu rütteln.

Donald Lopez, ein renommierter Tibetologe, hat Werke des Dalai Lama herausgegeben. Das Bild vom glücklichen Tibet hält er für eine westliche Wunschphantasie.

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PROF. DONALD LOPEZ: (Übersetzung)

(Tibetologe, Universität Michigan, USA)

"Es war absolut verständlich, daß die Tibeter damals dieses verklärte Bild benutzt haben, um ihren Freiheitskampf voranzutreiben. Nun hat sich dieses Phantasiebild von Tibet so weit verselbständigt, daß es außer Kontrolle geraten ist. Es ist eine richtige Gefahr, daß dieses verklärte Bild von Tibet die realen Interessen der Tibeter unter chinesischer Herrschaft verdeckt."

KOMMENTAR:

Sechs Monate pro Jahr ist der Dalai Lama auf Reisen, wirbt bei Politikern in aller Welt um Unterstützung für ein freies Tibet. Sie unterstützen ihn moralisch. Ein Grund dafür ist auch die Brutalität der chinesischen Machthaber in Tibet.

Diese Bilder haben die Weltöffentlichkeit wachgerüttelt: Ein Video der chinesischen Polizei, das aus China herausgeschmuggelt wurde. Es zeigt die brutale Verfolgung von Mönchen in tibetischen Klöstern. Wenn diese Mönche in chinesischen Gefängnissen verschwinden, steht ihnen das Schlimmste noch bevor. Immer wieder berichten Tibeter von grausamen Folterungen in den chinesischen Kerkern. Hunderttausende Tibeter sind seit der chinesischen Besatzung ums Leben gekommen.

Der Dalai Lama auf dem Kirchentag in München 1993. Er predigt Liebe, Freiheit und Gewaltlosigkeit. Und je brutaler die Chinesen sein Volk unterjochen, desto mehr wird er zum Mythos, nicht nur in Tibet. Seine Hauptbotschaft von der religiösen Toleranz, die er auch hier verkündet, geht fast unter im tosenden Beifall der Gläubigen.

So gar nicht ins Bild paßt dagegen diese Demonstration in London vor wenigen Jahren. Anhänger des tibetischen Buddhismus demonstrieren gegen den Dalai Lama. Dalai Lama, gib uns jetzt Religionsfreiheit, skandieren sie. Der ungeheuerliche Vorwurf gegen den gottgleichen Religionsführer: er unterdrücke eine jahrhundertealte buddhistische Gottheit. Hier protestieren europäische Buddhisten, doch der Riß geht viel tiefer.

Gonsar Rinpoche ist ein weltweit geachteter tibetischer Lama. Er gehört zur buddhistischen Gemeinde des Dalai Lama und leitet dieses Kloster am Genfer See. Die Mönche hier verehrten, wie Hunderttausende andere auch, die tibetische Gottheit Shugden. Shugden ist eine von vielen traditionellen Schutzgottheiten der Tibeter. Auch der Dalai Lama hat diese jahrhundertealtee Gottheit lange verehrt. Doch jetzt hat er den Glauben an diese Gottheit verboten - für seine Glaubensbrüder unbegreiflich. Sie üben erstmals Kritik am Dalai Lama.

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GONSAR RINPOCHE:

(Tibetischer Lama)

"Unsere religiöse Freiheit über die Anwendung von dieser besonderen Gottheit ist von seiner Heiligkeit des Dalai Lama begrenzt, und es ist bedroht. Dieses Verbot ist veröffentlicht im letzten Jahr, und seit dieser Zeit also wir haben gewisse Spaltung unter uns."

KOMMENTAR:

Das Religionsverbot kam von hier, aus dem indischen Dharamsala, wo der Dalai Lama im Exil lebt. Eine Sitzung seiner Exilregierung, demokratisch gewählt, religiöse und politische Ämter sauber getrennt, wie er gerne betont. Um so erstaunlicher seine Behauptung, daß der Glaube an die Gottheit Shugden schuld daran sei, daß Tibet noch immer von den Chinesen unterdrückt werde. Die Regierung des Dalai Lama ordnete daraufhin an - Zitat:

"Alle Regierungsbeamte müssen eine Erklärung abgeben, daß sie den Glauben an die Gottheit Shugden aufgeben."

Da wirken Forderungen des Dalai Lama nach Religionsfreiheit und Demokratie wie Lippenbekenntnisse. Das tibetische Exilparlament, sein demokratisches Aushängeschild, hat nach dem Religionsverbot des Dalai Lama prompt die Verfassung geändert: Bisher hieß es in

Artikel 63 der tibetischen Exilverfassung - Zitat:

"Der Vorsitzende Richter des Gerichtshofes und die beiden Geschworenen sollen Tibeter sein"

- jetzt wurde hinzugefügt: "und außerdem nicht an die Gottheit Shugden glauben."

Das Shugdentum gefährde die persönliche Sicherheit und Gesundheit des Dalai Lamas, so heißt es. Die Berufsverbote gelten für alle Shugden-Anhänger, vom Minister bis zur Krankenschwester. Und zusätzlich fordert der Dalai Lama jetzt auch noch Spitzeldienste ein: "Sollte irgend jemand weiter an die Gottheit Shugden glauben, fertigt eine Liste an mit Namen, Adresse, Geburtsort. Behaltet das Original, und schickt uns eine Kopie der Liste."

Denunziation und Bespitzelung haben die Atmosphäre unter den Exiltibetern vergiftet. Die Verbitterung über die tiefe Spaltung ist so groß, daß inzwischen drei ermordete Mönche zu beklagen sind.

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DONALD LOPEZ: (Übersetzung)

(Tibetologe, Universität Michigan, USA)

"Diese Spaltung ist der wichtigste Konflikt in der tibetischen Exilgemeinde. Es ist der erste öffentliche Angriff auf die Autorität des Dalai Lama. Die Emotionen sind so hochgekocht, daß das Ergebnis drei ermordete Mönche sind."

KOMMENTAR:

Für seine Weisheit ist der Dalai Lama weltberühmt. Doch tatsächlich trifft er alle wichtigen politischen Entscheidungen auf höchst zweifelhafte Art: Er fragt traditionelle tibetische Orakel um Rat.

Bilddokumente eines dieser tibetischen Staatsorakel, auf die sich der Dalai Lama verläßt. Diese Aufnahmen wurden vor wenigen Jahren gemacht. Weitere Entscheidungshilfen des Dalai Lama: das Orakeln mit Teigbällen und das Ziehen von Losen. Solche Staatsorakel hätten auch bewiesen, daß der Shugden-Glaube der Sache Tibets schade, sagt der Dalai Lama. Selbst tibetischen Traditionalisten wird es langsam mulmig bei solchen Entscheidungen.

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GONSAR RINPOCHE:

(Tibetischer Lama)

"Heutzutage die Staatsorakel - und es gibt noch mehrere Orakel, insgesamt drei, vier Orakel in Indien - spielen eine ziemlich große Rolle in den verschiedenen Entscheidungen von unserer Exilregierung, daß viele von uns denken, das ist ein bißchen Risiko."

KOMMENTAR:

Als Führer der tibetischen Demokratie-Bewegung gilt dieser Mann, auch er Anhänger des Dalai Lama. Die Zeitung, die er herausgab, hieß "Demokratie". Auf Druck der Exilregierung des Dalai Lama erscheint das Blatt nicht mehr. Begründung: Die Zeitung habe die Exilregierung öffentlich dafür kritisiert, zu kompromißbereit gegenüber den Chinesen zu sein.

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LHUSANG TSERING: (Übersetzung)

(Exiltibeter)

"Was die Demokratisierung angeht, kann ich nur sagen, daß die Exilregierung halbherzig, ja, fast peinlich ist. Die Frage der Unabhängigkeit hat die Exekutive im Alleingang entschieden. Nicht mal das Exilparlament wurde gefragt, vom Volk gar nicht zu reden. Ich sage: Die Entscheidung, das Ziel der Unabhängigkeit aufzugeben, ist undemokratisch."

KOMMENTAR:

Bisher hat der gemeinsame Feind China alle Tibeter geeint. Doch jetzt, nach fast vierzig Jahren Exil, brechen Konflikte auf, und das Bild eines unfehlbaren Dalai Lama bekommt erste Risse.

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PROF. JENS-UWE HARTMANN:

(Tibetologe, Humboldt-Universität)

"Die Glorifizierung des Dalai Lama in seiner Eigenschaft als politischer Führer, die hilft dem Demokratisierungsprozeß nicht weiter. Eine kritisch differenzierende Auseinandersetzung mit seinen politischen Aussagen, die muß möglich sein, und sie sollte auch nicht durch das Argument unterdrückt werden, Kritik nutze ausschließlich den Chinesen. Die brutale chinesische Unterdrückungspolitik in Tibet, die ist durch nichts zu rechtfertigen."

KOMMENTAR:

Das Bild von einer harmonischen tibetischen Gesellschaft mit einem gottgleichen Dalai Lama an der Spitze, das Hollywood jetzt auf die Leinwand bannt, entpuppt sich als Mythos.

Abmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Die Vorstellung eines ganz und gar friedlichen Zusammenlebens mit einem religiösen und politischen Oberhaupt entspricht wahrscheinlich auch eher dem westlichen Wunschbild. Die chinesische Regierung nutzt diesen Konflikt zur Spaltung der Tibeter. Die Exilregierung hat uns zu unseren Recherchen eine Stellungnahme geschickt. Die Anhänger der Gottheit Shugden sind demnach von den Chinesen finanzierte Sektierer. Ein Interview wollte der Dalai Lama uns nicht geben.