17.07.97 | 21:15 Uhr

Tod auf dem Bahnsteig - Gefahr durch vorbeirasende Züge in Bahnhöfen

von Bericht: Jochen Graebert

Anmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Leere Gleise und Bahnsteig © dpa Fotograf: Jens Büttner

Getränke im Schnellzug, Computer und online-Zeitungen im ICE - die Bahn möchte eine "Reisewelt auf hohem Niveau" anbieten, so sagt es jedenfalls der Vorstandsvorsitzende, Heinz Duerr. Pünktlich, umweltfreundlich, zuverlässig und vor allem schnell - so soll der private Schienenriese helfen, Deutschlands Verkehrsprobleme zu lösen. Wie gefährlich, unter Umständen tödlich das "Unternehmen Zukunft" für den Reisenden schon vor dem Einsteigen sein kann, zeigt Jochen Graebert.

KOMMENTAR:

15.40 Uhr, Bad Bevensen, Gleis 1. Im September 1995 wartet Hermann Dibbel auf den Eilzug nach Hamburg. Zur gleichen Zeit, wenige Kilometer von Bad Bevensen entfernt: Der Interregio Hannover-Flensburg braust mit Tempo 190 heran. Hermann Dibbel vertritt sich weiter die Beine, seine Frau wartet unterm Bahnhofsdach. Zwölf Minuten vor vier.

Zwölf Minuten vor vier. Der Interregio erreicht Bad Bevensen. Ein Augenzeuge erinnert sich an jene Sekunden auf dem Bahnsteig:

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FRIEDHELM WERREMEIER:

"Ich ging in die südliche Richtung und sah plötzlich, wie eine rote Lok auf mich zuschoß, und bin sofort zur Seite gesprungen. Der Zug donnerte vorbei. Auf meiner Höhe pfiff er, ein einziges Mal. Und als er vorbei war, hab' ich mich nach meinem Gepäck umgeguckt, das hatte der Zug durch die Luft gewirbelt durch seinen Sog, und wollte mich dann um das Gepäck kümmern. Der Herr Dibbel müßte zu diesem Zeitpunkt etwa dreißig bis vierzig Meter von mir weg gewesen sein. Der Pfiff wird sein Bewußtsein wohl nicht mehr erreicht haben."

KOMMENTAR:

Der Interregio rast weiter Richtung Hamburg. Hermann Dibbel ist verschwunden. Minuten vergehen, bis die wartenden Fahrgäste begreifen, was passiert ist.

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FRIEDHELM WERREMEIER:

"Ich sah eine ältere Dame, die Frau Dibbel, wie ich später erfuhr, die etwas ratlos guckte, dann halblaut sagte: Wo ist denn mein Mann? Und dann guckte sie zu Boden, und ringsum lagen die Trümmer ihres Mannes, man kann es nicht anders sagen. Ja, und dann schrie sie gellend. Also ich habe selten einen Menschen so schreien gehört. Und dann bin ich hingegangen und hab' sie in den Arm genommen und versucht, sie zu trösten."

KOMMENTAR:

Hermann Dibbel wurde von dem Zug erfaßt, gegen den zweiten und vierten Waggon geschleudert und dabei buchstäblich zerfetzt.

Ilse Dibbel stand keine fünfzig Meter entfernt, als ihr Mann starb. Sie und die Kinder sind überzeugt: Hermann Dibbel ist nicht durch eigenen Leichtsinn ums Leben gekommen. Er war Lokführer, vierzig Jahre lang, er wußte, wie gefährlich vorbeirasende Züge sind. Was ihrem Mann passiert ist, sagt Ilse Dibbel, könne jeden treffen. Sie stellte Strafanzeige gegen die Bahn, weil die Bahnsteige, wie sie meint, nicht ausreichend gesichert seien.

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ILSE DIBBEL:

"Ich sag' ja, ich kann meinen Mann dadurch nicht wiederkriegen, er ist jetzt tot, aber daß doch viele andere davor bewahrt werden, daß denen das auch noch irgendwie passiert. Das wäre auch in meinem Sinne, denn ich hab' ja nun gesehen, wie schnell sowas kommen kann, trotz aller Vorsicht."

KOMMENTAR:

Eine verwitterte weiße Linie, ein Warnschild, das ist alles, was die Bahn an Sicherheit biete. Lautlos rast eine Lok heran. Die Fahrgäste warten, auch im Gefahrenbereich. Die Bahn spart selbst am Einfachsten: Auf vielen Bahnhöfen werden Schnellzüge nicht mal per Lautsprecher angekündigt. Entsprechend verheerend für die Bahn: ein Zwischenbericht der Bahnpolizei, die in Bad Bevensen ermittelt hat - Zitat:

"Nach hiesiger Auffassung ist weiter gegen Verantwortliche der Deutschen Bahn AG zu ermitteln, da die Sicherheitsvorkehrungen bei Schnellfahrten durch Bahnhöfe offensichtlich völlig unzureichend sind."

Sicherheit kostet Geld. Allein automatische Lautsprecherdurchsagen, sagt die Bahn, würden fast eine Milliarde Mark verschlingen. Die Bahn scheut die Kosten und erklärt wortreich, daß nicht sie, sondern der Kunde in der Pflicht stehe.

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KARL UWE WOGGON:

(Deutsche Bahn AG)

"Es hat sich grundsätzlich auch das Verhalten unserer Mitbürger verändert, denn es ist auch heute so: Kein Mensch kommt auf die Idee, zu sagen: Wenn du zum Bahnhof gehst, bitte, sei da etwas vorsichtig, dort fahren Züge durch. Das wird in der Schule nicht mehr vermittelt, es wird den Menschen nicht mehr vermittelt. Vom Auto weiß man das, dieses Ding bewegt sich und ist infolgedessen auch nicht ganz ungefährlich, während von der Eisenbahn eben kein Mensch sagt. Dort ist vielleicht ein Potential an Aufklärungsarbeit zu erfüllen."

KOMMENTAR:

Prominentenadvokat Rolf Bossi vertritt die Familie Dibbel. Das Strafverfahren gegen die Bahn wurde zwar eingestellt, doch unabhängig davon wirft Bossi der Bahn Mitverantwortung für den Tod ihres Kunden vor.

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ROLF BOSSI:

(Rechtsanwalt)

"Es war von vornherein abzusehen, daß hier der Fehler in der grundsätzlichen mangelnden Einrichtung dieser Kleinbahnhöfe liegt, die einem solchen Hochgeschwindigkeitsverkehr nicht gewachsen sind, und in dieser Richtung weiß, daß die Bundesbahn eben hier Nachholbedarf hat. Das kostet Geld, Geld hat man nicht, und deshalb wird abgewiegelt, und deshalb wird unter den Tisch gekehrt. Und das halte ich eben für schlimm und bedauerlich, denn es geht ja immerhin um Menschenleben."

KOMMENTAR:

Gelnhausen in Hessen, Gleis 3. Auf dieser Bank wartete Anke Hinzinger vor drei Jahren mit ihrem Baby auf den Zug nach Frankfurt.

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ANKE HINZINGER:

"Ich hatte den Kinderwagen vor mir und hab' ihn festgehalten. Und da kam dieser Schnellgüterzug, und da ist mir Staub, Dreck in die Augen geflogen, dann hab' ich nichts gesehen. Und alles andere, das ging so furchtbar schnell, hab' ich fast nichts mitbekommen. Vielleicht hab' ich losgelassen, ich weiß es nicht. Als ich die Augen wieder auf hatte, da war der Kinderwagen weg."

KOMMENTAR:

Es war 11.50 Uhr, als Anke Hinzinger für Sekunden den Buggy losließ. Augenzeugen sahen, wie der Buggy durch die Luft flog, gegen einen Waggon knallte, zurückgeschleudert wurde und schließlich gegen eine Wartebox krachte. Das Baby starb noch am Unfallort. Bis heute quälen die Mutter jene Sekundenbruchteile, in denen sie den Kinderwagen losließ.

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ANKE HINZINGER:

"Man denkt da auch gar nicht dran, man setzt sich ja nicht da auf die Bank und denkt, da kommt jetzt ein Güterzug durchgefahren, und wenn der durchführt, der könnte meinen Kinderwagen mitreißen."

KOMMENTAR:

Erbach am Rhein, Gleis 2. Auch hier dachte niemand an Lebensgefahr, schon gar nicht die Bahn. Kein Schild, kein Lautsprecher, kein Strich weist auf durchfahrende Züge hin. Im Juni vergangenen Jahres schiebt ein Vater sein Baby über den Bahnsteig. Er stellt die Bremsen fest, um kurz im Gebüsch zu verschwinden. In dieser Minute braust ein Güterzug vorbei. Als der Vater aus dem Gebüsch tritt, ist der Buggy verschwunden. Vierzig Meter weit hat ihn der Zug durch die Luft geschleudert. Das Baby starb an Kopfverletzungen. Auch in Erbach ermitteln jetzt Staatsanwälte gegen die Bahn. Die verweist auf geltende Vorschriften. Danach seien Sicherungsmaßnahmen nur erforderlich, wenn Züge schneller als 160 fahren.

Dienst nach Vorschrift, aus der Perspektive des Lokführers. Für ihn sind Fahrgäste, die nahe am Gleis stehen, ein Alptraum. Die Hand, sagt er uns, habe er immer an der Pfeife, wohl mehr zur eigenen Beruhigung.

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LOKFÜHRER:

"Also das ist chancenlos, und wenn jemand am Bahnsteig steht und wird mitgerissen, das kann man auch nicht erkennen, den schleift man mit. Das wird vom nächsten Zug später erkannt."