17.07.97 | 21:15 Uhr

Früher Kriegsgewinnler, heute Ehrenbürger - Die Karriere eines Nürnberger Rüstungsfabrikanten

von Bericht: Edith Heitkämper und Volker Steinhoff

Anmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

Stacheldrahtzaun © picture-alliance/dpa-Report Fotograf: Arno Burgi

Von einer kultivierten, harmonischen Feierstunde möchten wir berichten. Die Stadt Nürnberg verlieh gestern einem neuen Ehrenbürger pompös eine Urkunde, die ihn als Wohltäter und Mäzen ausweist. Daß der gefeierte Karl Diehl schon während des Dritten Reiches Waffen produzierte und dafür Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge beschäftigte, scheint der Ehre keinen Abbruch zu tun. Schließlich hat der Mann in jüngerer Zeit viel für die Stadt mit der Braunen Geschichte getan, zum Beispiel kümmert er sich um den Wiederaufbau von Baudenkmälern. Nur wenn es um seine eigene Historie geht, da ist der Mann zurückhaltender, dazu schweigt er lieber. Ehre, wem Ehre gebührt, meinen Edith Heitkämper und Volker Steinhoff.

KOMMENTAR:

Waffen für Deutschland. Sie haben Diehl groß gemacht. Heute ist die Firma ein milliardenschweres Familienunternehmen.

Gestern im Rathaus von Nürnberg, laut Eigenwerbung die "Stadt des Friedens und der Menschenrechte". Neuer Ehrenbürger: Karl Diehl, auch heute noch im Management seiner Firma aktiv.

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LUDWIG SCHOLZ:

(Oberbürgermeister Nürnberg)

"Diehl ist ein herausragender Förderer der Stadt, der sich insbesondere um den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Nürnberger Altstadt verdient gemacht hat."

KOMMENTAR:

Doch einige Nürnberger mögen ihren neuen Ehrenbürger nicht.

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MANN:

"Was meinen Sie, warum die Firma Diehl Waffen produziert?"

MANN:

"Ja, das macht doch nichts."

KOMMENTAR:

Auch vor dem Rathaus kommen die Diehl-Gegner kaum zu Wort.

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RENATE BLANK:

(CSU-Bundestagsabgeordnete)

"Soll unsere Bundeswehr noch mit Pfeil und Bogen ...?"

MANN:

"..... die Arbeitslosen wegbringen."

RENATE BLANK:

"Da denken die überhaupt nicht dran, weil sie wahrscheinlich noch nicht sehr viel gearbeitet haben in ihrem Leben, anders kann ich mir das nicht vorstellen, sondern wahrscheinlich Berufsdemonstranten sind."

MANN:

"So sehe ich das auch, und das ist Vorwahlkampf, und da wollen sie nun irgend etwas zeigen und demonstrieren."

RENATE BLANK:

"Ich finde es so unwürdig."

KOMMENTAR:

Die Ehrenbürgerschaftsurkunde für Karl Diehl. Kein Wort davon, daß er nicht nur Hitlers Armee aufrüstete, sondern die Waffen auch noch von KZ-Insassen produzieren ließ. Dabei gibt Diehl die Zwangsarbeit in einer schriftlichen Stellungnahme sogar zu, ein Interview will er aber nicht geben. Nicht nur in Nürnberg mußten Gefangene für ihn arbeiten, sondern auch etwa in Polen. Das wissen auch die Offiziellen beim Nürnberger Festakt. Ein neuer Erklärungsversuch für die Ehrung.

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HELENE JUNGKUNZ:

(Obürgermeisterin Nürnberg)

"Denken Sie doch einmal - und das ist ein Musterbeispiel - an Schindlers Liste. Wer sagt denn, daß Diehl mit seinen Leuten schlecht oder nicht gut oder verwerflich umgegangen sei?"

KOMMENTAR:

Doch wer sagt, daß er gut mit ihnen umging? Keiner der Überlebenden hat je von einer Rettungsaktion Diehls berichtet. Selbst Diehl persönlich hat nie so getan, als sei er der Schindler von Nürnberg gewesen.

Die Bürgermeisterin müßte nur mal an einer Stadtführung durch Nürnberg teilnehmen. Auch die Firma Diehl gehört zum Rundgang, und selbst der Stadtführer weiß von Wohltaten nichts zu berichten.

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ALEXANDER SCHMIDT:

(Verein "Geschichte für alle")

"Im Zweiten Weltkrieg wurden hier Zwangsarbeiter beschäftigt, auch Russen, auch Polen, die unter anderem auf den Firmengeländen oder in Lagern untergebracht wurden. Die Verhältnisse für diese Menschen waren schlecht. Es waren nicht einfach normale Arbeiter, sondern die wurden in der Regel ziemlich ausgebeutet."

KOMMENTAR:

Die KZ-Liste der Alliierten dokumentiert weitere Diehl-Lager, eins etwa im Nürnberger Vorort Roethenbach, Brunnenstraße 9. Heute heißt die ehemalige Adresse der NS-Gefangenen Heinrich-Diehl-Straße. Das Werk produziert nach wie vor. Weiter hinten auf dem Werksgelände: Reste des Gefangenenlagers von Karl Diehl aus dem Dritten Reich. Gut erhalten: mehrere Häftlingsbaracken. In jeder wohnten über 100 Zwangsarbeiter der Nazis. Heute nutzt der Ehrenbürger Diehl das ehemalige Arbeitslager als Museum. Doch der angebliche Schindler von Nürnberg stellt Panzer und Raketen aus, die Hitlers totalen Krieg überlebten.

Die feinen Bürger von Nürnberg können Diehls Lage bestens nachvollziehen: der Zweite Weltkrieg in ihren Augen ein einziger Befehlsnotstand, kein Wort von Schuld oder Reue.

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MANN:

"Ja, die mußten, die mußten, und die Metallverarbeitenden mußten sowas machen."

RENATE BLANK:

(CSU-Bundestagsabgeordnete)

"So ist es, mein Vater war nämlich auch in der Rüstung beschäftigt, und er mußte auch und war nie Parteimitglied, aber er mußte."

MANN:

"Meiner war auch nicht Parteimitglied, meiner wollte auch nicht und mußte. Und jetzt, nach fünfzig Jahren, wo damals der Diehl dreimal entnazifiziert wurde und man kein schuldhaftes Verhalten festgestellt hat, jetzt kommen die plötzlich an und wollen die Moralapostel sein. Und das Ganze ist natürlich klar, jetzt werden Emotionen bei den jüdischen Mitbürgern geweckt, und das Ganze ist klar: Man will die Firma Diehl natürlich abhalten, auf dem amerikanischen Markt weiter auszubauen."

KOMMENTAR:

Solche globalen Pläne möchten die Protestierer jedoch vor der Kamera nicht bestätigen.

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FRAUEN:

"Es hat für mich auch was mit der Moral zu tun. Also ich denke, Ehrenbürgerschaft sollte eigentlich für eine Funktion verliehen werden, die dem Leben dient, und ich denke, das hat mit Wehrtechnik überhaupt nichts zu tun."

"Es tut mir weh, es tut mir einfach weh, weil ich glaube, es hätte würdigere Personen gegeben in unserer Stadt."

KOMMENTAR:

Diese Kritik von Spätgeborenen läßt die honorige Feierrunde kalt.

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HELENE JUNGKUNZ:

(Bürgermeisterin Nürnberg)

"Leute, die in dieser Zeit nicht gelebt haben und die die Geschichte nicht wahr haben wollen, sind die Ewiggestrigen."

KOMMENTAR:

Verkehrte Welt in Nürnberg. Die Kinder sind die Ewiggestrigen, Karl Diehl ein Ehrenbürger

Abmoderation:

PATRICIA SCHLESINGER:

In einer Erklärung des Konzerns zu diesem Anlaß heißt es: Staatliche Maßnahmen hätten seinerzeit nicht nur die Produktionspalette, sondern auch "die Beschäftigung von ausländischen Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen erzwungen". Gegen die Arbeit von KZ-Häftlingen hätte ein Betrieb sich aber damals wehren können. Nichts weist heute darauf hin, daß sie den Firmen aufgezwungen wurden. Die Wahrheit ist, daß die billigen Arbeitskräfte den meisten Betrieben hochwillkommen waren.