01.08.96 | 21:00 Uhr

Hormone, Antibiotika, radioaktive Strahlen - Wie asiatische Shrimps für den deutschen Markt gezüchtet werden

von Bericht: Inge Altemeier und Beate Greindl

JOACHIM WAGNER:

Guten Abend, meine Damen und Herren,

Garnelen mit Chili-Dip in einer Glasschale.

wer heute in einen Supermarkt geht, kauft faktisch in der ganzen Welt ein, ohne es zu merken. Fisch aus Kanada, Erdbeeren aus Spanien, Fleisch aus Argentinien usw. usw. Das ist zweifelsohne attraktiv, aber nicht ganz ungefährlich. Denn nach Feststellungen der Weltgesundheitsbehörde nehmen Lebensmittelvergiftungen weltweit zu. Schuld daran sind einmal niedrige hygienische Standards, insbesondere der Dritten Welt, zum anderen die industrielle Tierzucht, die ohne massiven Chemieeinsatz nicht mehr auskommt. Die meisten von Ihnen, meine Damen und Herren, werden nicht wissen, daß viele der in Deutschland angebotenen Shrimps in Südostasien gezüchtet werden - mit fatalen Folgen für die dortige Umwelt und noch unberechenbaren Risiken für deutsche Verbraucher.

Inge Altemeier und Beate Greindl berichten.

KOMMENTAR:

Riesengarnelen, voll im Trend der neunziger, nicht nur für die Schickeria , sondern auch für den Normalverbraucher. Doch wo sie herkommen, wissen viele nicht.

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FRAU:

"Ich meine, die kommen aus der Nordsee."

KOMMENTAR:

Nicht in der Nordsee, sondern vor allem in thailändischen Massenzuchtfarmen wachsen die Schalentiere auf. 200.000 Garnelen exportiert Thailand unter anderem auch nach Deutschland. Jedes Jahr fallen dem Garnelenboom auch riesige Mangrovenwälder zum Opfer. Dabei sind Mangroven lebenswichtig für das thailändische Ökosystem. Wenn sie fehlen, droht Erosion der Küste. Stürme können ungestört ihr Unheil anrichten. Mangrovenwälder - ein Paradies für exotische Vögel und Brutstätte für riesige Fischbestände. Doch die heile Unterwasserwelt gerät schnell in Vergessenheit, wenn der Lockruf der dollarträchtigen Garnelenzucht ertönt.

Kahlschlag. Jedes Jahr werden in Thailand 8.000 bis 9.000 Hektar Land in Zuchtbecken umgewandelt. Drei Garnelenernten im Jahr, nur ganze fünf Jahre lang: dann sind die Zuchtbecken abgewirtschaftet. Zurück bleiben solche Wüsten, Land, auf dem nichts mehr wächst, vergiftet durch die Exkremente der Garnelen. Hier sind es 30 Becken, an der Ostküste sind ganze Landstriche auf Jahre hin zerstört.

Knackige Thaigarnelen. Schlemmt sie der Deutsche auch weiter, wenn er von der Umweltzerstörung erfährt?

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MANN:

"Sie schmecken gut, aber dann würde ich sie, glaube ich, nicht essen."

INTERVIEWERIN:

"Warum nicht?"

MANN:

"Weil ich es nicht in Ordnung finde, daß da große Landstriche kaputtgehen, nur daß hier irgend jemand ein Krabbenbrötchen essen kann."

KOMMENTAR:

Indien - eine der neueren Entdeckungen der Garnelenzüchter. Seitdem viele thailändische Farmen am Ende sind, werden riesige Küstenstreifen in Indien für die Zucht aufgerüstet. Selbst thailändische Produzenten investieren hier, kaufen einen großenTeil der indischen Ernte auf.

Auch hier versalzenes, nutzloses Land, wenn die Garnelen nicht mehr gedeihen. Dies gehörte einmal zur fruchtbaren Reisschüssel Indiens.

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BAUER: (Übersetzung)

"Ungefähr 5.000 Bauern haben früher dieses Land bestellt, jetzt sind sie arbeitslos, haben nichts mehr zu essen. Die Garnelenfarm hatte nur Jobs für zwanzig Leute."

KOMMENTAR:

Auch das Wasser im Dorf ist durch die Garnelenzucht nur noch zum Waschen verwendbar. Es ist versalzen, und so müssen die Frauen sieben Kilometer laufen, um Trinkwasser heranzuschaffen.

Scampis vom Grill, kalorienarm, eiweißreich, ohne Fell. Ein Genuß für Ernährungsbewußte.

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MANN:

"Ich esse sie gerne, weil sie gesund sind und weil sie gut schmecken."

KOMMENTAR:

Doch ob die gezüchteten Garnelen wirklich so gesund sind, ist fraglich. Damit die Tiere auf engstem Raum nicht krank werden, kriegen sie Antibiotika. Dieser thailändische Züchter sagt das ganz offen, wenn auch nicht ins Mikrofon. Viele Kollegen setzen auch Antibiotika ein.

Die indischen Newcomer versorgen sich ebenfalls mit Chemiekeulen gegen Krankheitserreger. Spezielle Geschäfte für Garnelenzüchter bieten Antibiotika aller Art an. Der Einsatz ist hier erlaubt, zum Beispiel ein Stoff aus der Sulfonamidgruppe: Wolmid. Ebenfalls gegen Bakterien: Kaliumpermanganat, in Deutschland verboten.

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THIRU SREENIVASAN: (Übersetzung)

(Indischer Biochemiker)

"Viele Antibiotika werden eingesetzt, Sulfonamide, Tetracycline. Rückstände davon können schädlich für den Menschen sein."

KOMMENTAR:

Doch Chemie schmeckt man nicht, und die Verbraucher verlassen sich außerdem gerne auf die deutschen Lebensmittelkontrollen.

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MANN:

"Ich nehme schon an, daß da eine gute Kontrolle bei uns stattfindet, denn wir haben ja ein Bundesgesundheitsamt."

KOMMENTAR:

In Wirklichkeit ist die Lebensmittelkontrolle Ländersache und damit sehr unterschiedlich geregelt. Hier in Hamburg kommen bundesweit die meisten Garnelen aus Asien an. Etwa 10.000 Tonnen waren es im letzten Jahr. Stichproben auf Antibiotika passieren relativ selten. Meist wird lediglich untersucht, ob die Garnelen verdorben sind. Die Lebensmittelkontrolleure nehmen Geruchs- und Geschmacksproben.

Erst seit drei Jahren werden Garnelen in Deutschland überhaupt untersucht. Im Rahmen der Einfuhrkontrolle soll seit dem vergangenen Jahr jede zwanzigste oder jede vierzigste Garnelenlieferung, je nach Land, auf Antibiotika-Rückstände getestet werden. Nur 108 Untersuchungen wurden in Hamburg in den vergangenen eineinhalb Jahren durchgeführt, bei der Masse der Garnelen viel zu wenig. Beim Test werden sogenannte Hemmstoffe gesucht, Stoffe, die das Bakterienwachstum hemmen. Dazu gehören Desinfektionsmittel, Konservierungsstoffe und eben Antibiotika. Wenn ein Hemmstoff drin ist, entsteht eine Hemmzone. Solche Ergebnisse gab es im Haupteinfuhrland Hamburg komischerweise nie, dafür anderswo.

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ALEXANDER BECHT:

(Lebensmittelkontrolle Hessen)

"Es waren betroffen Garnelen aller Schattierungen, von klein bis groß, Shrimps, Cocktailshrimps, Krevetten. Und diese Erzeugnisse kamen aus dem asiatischen Raum. Sie sind bei uns aufgefallen in den Jahren 1994 und 1995 im wesentlichen."

KOMMENTAR:

Immer wieder waren die Tests in Hessen positiv. Und doch: der Hemmstoff blieb unbekannt. Kein Wunder: lediglich eine relativ kleine Palette von Antibiotika war Grundlage für genauere Analysen.

Das bei Züchtern beliebte und für den Menschen gefährliche Chloramphenicol steht nicht auf der Untersuchungsliste, und auch andere laut Fachliteratur eingesetzte Stoffe fehlen. Dabei können entsprechende Rückstände für den Verbraucher schädlich sein.

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ALEXANDER BECHT: (Lebensmittelkontrolle Hessen)

"Da muß man noch mal vielleicht verdeutlichen, daß diese Stoffe vielleicht gefährlich sein können. Das liegt aber im Bereich der Spekulation. Wir können von amtlicher Seite aus nur dann die Öffentlichkeit warnen, wenn wir fundierte, gesicherte Erkenntnisse haben und erkennen können, daß für den Verbraucher eine gesundheitliche Gefahr besteht."

KOMMENTAR:

Immerhin hat Hessen die anderen Bundesländer über die Verdachtsfälle bei Garnelen informiert. Doch auch anderswo gab es entsprechende Fälle. Bayern, Berlin, Niedersachsen, Hessen, und selbst beim Bundesinstitut für Veterinärmedizin haben Garnelen bei Untersuchungen hemmstoff-positiv reagiert. Und nirgends wurde der auslösende Stoff bestimmt.

Daß sich häufige Antibiotika-Kontrollen bei Garnelen lohnen, zeigt das Beispiel Japan. Jede einzelne Einfuhr wird hier seit 1990 überprüft. Und so hat man hier schon sehr oft verbotene Rückstände von Antibiotika, speziell von Tetracyclinen, gefunden. Mindestens dreißig Garnelenladungen wurden bisher wegen Antibiotika nach Thailand zurückgeschickt. In Deutschland war dies noch nie der Fall.

Nichtsahnend vertilgen die Deutschen ihre Scampis munter weiter. Und im Vergleich zu den Nordseeshrimps geben Garnelen aus Asien viel mehr her.

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GARNELENVERKÄUFER:

"Die gleichen Krabben bei uns, auch eine Art Garnelen, nur in unseren kalten Gewässern werden die halt nicht größer, dann bleiben die so klein. Je wärmer die Gewässer, umso größer sind die einfach"

KOMMENTAR:

Es liegt aber nicht nur am warmen Wasser, man kann dem Wachstum auch nachhelfen. Die Setzlinge für die Zuchtfarmen werden aus dem Meer gefischt - haarfeine Tierchen. Bei diesem Verfahren werden übrigens auch viele andere Jungtiere gefangen, die später im Abfalleimer landen. Doch die gewünschten Garnelensetzlinge müssen gleich nach dem Fang schnell hochgepäppelt werden.

Fett sollen sie werden in drei Monaten, also doppelt so schnell wie in der Natur. Hormone können dabei helfen. Eine große Auswahl bieten Arzneimittelhersteller den Züchtern an. Indische Wissenschaftler sagen, daß sie auch gerne eingesetzt werden. In Deutschland wurde bisher noch nie auf Hormone untersucht. Wir übergeben dem Referenten für Lebensmittelüberwachung in Hamburg unseren Katalog. Er ist erstaunt:

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PETER BREM:

"Daß in Aquakulturen mit Antibiotika gearbeitet wird, dies ist weltweit bekannt, und das wird auch in Shrimpsfarmen nicht anders sein. Daß aber Hormone eingesetzt werden, zumal künstliche Hormone, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein, und die bei uns streng verboten sind, das ist schon überraschend."

KOMMENTAR:

Die Scampi-essende Bevölkerung bestellt sich inzwischen die nächste Portion. Man freut sich über den leckeren Geschmack und das appetitliche Aussehen, die frische rosige Farbe.

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FRAU:

"Frisch vom Kutter, die können ja einfach nur gut schmecken."

KOMMENTAR:

Doch mit der Frische ist das so eine Sache. In Indien fehlen oft die Kühlvorrichtungen, und von den Zuchtfarmen bis zur Verarbeitung müssen die Transporte oft mehr als tausend Kilometer zurücklegen - bei brütender Hitze. Statt auf Eis werden die Garnelen im Chlorbad gehalten. Das ist billiger.

Ätzender Gestank in der Verarbeitungshalle bei einer indischen Firma. Hier werden die Riesengarnelen verpackt und eingefroren. Doch bevor sie nach Deutschland gehen, werden Garnelen auch immer wieder radioaktiv bestrahlt. Das tötet die Bakterien und macht aus vergammelter Ware wieder Tiere, die den üblichen Geruchstest in Deutschland problemlos überstehen.

Nur in wenigen Bundesländern kann die radioaktive Bestrahlung festgestellt werden. In Deutschland sind bestrahlte Lebensmittel verboten. Und trotzdem sind immer wieder betroffene Garnelen aufgetaucht. Der neueste Fall stammt vom staatlichen Veterinäramt in Cuxhaven. Das Ergebnis des TED-Verfahrens: bestrahlte Riesengarnelen aus Asien.

Diesmal sind es in Knoblauch eingelegte Garnelen, Produkte, die bisher in Aldi-Regalen zu finden waren. Nachdem feststand, daß sie bestrahlt sind, mußte die Ware zurückgezogen werden. Vierzig niedersächsische Filialen sind betroffen.

Anderswo sind die Scampis noch kiloweise zu haben, und die Deutschen reißen sich drum.

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MANN:

"Die sahen einfach lecker aus in der Pfanne. Erst anschauen, dann essen ist herrlich."

KOMMENTAR:

Weniger herrlich sind die Folgen der Garnelenzucht etwa für Indien. Chemikalien und Exkremente der Garnelen verpesten die Umwelt. Viele Menschen in der Umgebung werden davon krank. Inzwischen hat sich deshalb in der am stärksten betroffenen Region eine richtige Bewegung gegen die Garnelenzucht etabliert. Die Bevölkerung in den Dörfern wird informiert, viele wollen Widerstand leisten. Doch dazu braucht die Bewegung Hilfe von deutschen Verbrauchern.

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JESU RATHINAM: (Übersetzung)

("Kampagne gegen Garnelenfarmen")

"Wir möchten all unsere deutschen Freunde bitten, die bisher unsere Garnelen gegessen haben, daß sie sie nicht mehr kaufen."