01.08.96 | 21:00 Uhr

Überfälle auf Campingplätze

von Bericht: Gesine Enwaldt und Volker Steinhoff

JOACHIM WAGNER:

Nahaufnahme von Springerstiefel © dpa Fotograf: Bernd Thissen

In den neuen Bundesländern leben Camper in diesem Sommer gefährlich. Fast täglich Horrormeldungen über Schlägereien, Randale und Überfälle. Die politischen Erklärungsmuster gehen über die bekannten Stichworte nicht hinaus: Arbeitslosigkeit, fehlendes Freizeitangebot, soziale Verwerfungen seit der Wende. Niemand erwähnt in diesem Zusammenhang bisher , daß die Bundesregierung nach den rechten Gewaltexzessen 1992 in Rostock und Mölln ein "Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt" in den neuen Bundesländern gestartet hat. Für dieses Programm haben Bund, Länder und Gemeinden bisher rund 100 Millionen Mark ausgegeben, u.a. für Jugendprojekte und Sozialarbeiter.

Die scheinen jedoch im Kampf gegen rechte Jugendliche hoffnungslos überfordert, wie Gesine Enwaldt und Volker Steinhoff meinen.

KOMMENTAR:

Skinheads in Königswusterhausen bei Berlin. Ihr Jugendclub: die Oase. Hier vertreiben sie sich nicht die Langeweile der Arbeitslosigkeit - sie alle haben Job oder Ausbildung - hier treffen sie Gesinnungsgenossen. Der Campingplatzüberfall auf eine Kindergruppe in Mecklenburg-Vorpommern ist ein Thema.

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SKIN:

"... auf dem Zeltplatz, wo die bösen Skinheads hier die Kinder geschlagen haben. Ich mein', ich hab' schon ein paar Dinger erlebt, da haben uns die Kinder angespuckt, weil die Eltern was weiß ich für 'ner Meinung waren. Und ich laß mich nicht anspucken von irgendwelchen kleinen Kindern, weil dazu bin ich viel zu alt. Deswegen - Respekt muß sein, nicht jetzt Respekt vor den Skins oder von den Punks, sondern vor dem Alter ganz einfach. Und wenn ein kleines Gör mich anrotzt oder irgend jemand von meinen Kameraden und Freunden, dann muß ich ganz einfach sagen, schlag' ich auch zu."

KOMMENTAR:

Bei diesen Einstellungen haben Sozialarbeiter kaum Chancen. Trotzdem: Aufbruch zu einem vorsichtigen Versuch. Fußball gegen Türken und Linke, normalerweise die erklärten Feinde der Rechten. Erziehungsziel: Toleranz. Abfahrt nach Göttingen zum bundesweiten Turnier.

Jugendarbeit im Osten - ein zäher Kampf mit den Rechten, der oft genug verlorengeht.

Zum Beispiel Eberswalde, eine Hochburg der Rechten. Wenn der Jugendclub schließt, trifft sich die rechte Szene der brandenburgischen Kleinstadt hier. Sauftouren und Gewalttaten sind an der Tagesordnung, Brutalität gegen Linke und Randgruppen normal. Gegenwind bekommen sie selten zu spüren. Ihre rechte Gesinnung kann sich frei entfalten.

Der Hüttengasthof. Hier ermordeten Rechtsradikale kurz nach der Wende den Angolaner Antonio Armadeu. Direkt gegenüber liegt der Jugendclub der Rechten, das Domizil.

Selbstherrlich und mit Gewaltandrohung verweigern sie Innenaufnahmen und jegliches Interview dieser staatlichen Einrichtung, als sei es ihre eigene. Die alten Sozialarbeiter sind gegangen, die neuen heillos überfordert. Aber Hilflosigkeit scheint nur ein Problem in der Jugendarbeit von Eberswalde zu sein.

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INTERVIEWERIN:

"Welche Voraussetzungen muß der Sozialarbeiter mitbringen, damit die Jugendlichen ihn akzeptieren im Domizil?"

RAINER NAUMANN:

(Projektverantwortlicher Domizil)

"Ja, er muß - ich sag' mal - er muß dokumentieren, daß er für die Jugendlichen da ist, nicht gegen die Jugendlichen, und das dokumentiert er eigentlich, indem er mit dieser Szene groß geworden ist, indem er eben in jungen Jahren selbst vielleicht mal in diese Richtung gegangen ist und dann durch äußere Umstände sich zum Sozialarbeiter entwickelt hat."

KOMMENTAR:

Fragwürdige Einstellungsvoraussetzungen. Der beste Sozialarbeiter ist der, der das meiste Verständnis für rechtes Gedankengut hat oder es aber verharmlost.

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GABY MÜLLER:

(Sozialarbeiterin)

"Diese rechte Szene ist nichts weiter als eine Jugendkulturgruppe, die zu dieser ganzen Jugendphasenproblematik auch paßt."

KOMMENTAR:

Professionelle Kontrolle der auch aus Bundesgeldern bezahlten Projekte findet nicht statt. Auf der entscheidenden Etage der Kreisverwaltung ist noch nicht einmal klar, mit wem man es im Domizil überhaupt zu tun hat.

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SILVIA ULONSKA:

(Jugendamtsleiterin Eberswalde)

"Ich kann nicht sagen, daß wir in Eberswalde rechtsextreme Jugendliche momentan betreuen."

INTERVIEWERIN:

"Wann ist ein Jugendlicher Rechtsextremist, wann erkennt man, daß er rechtsextrem ist?"

SILVIA ULONSKA:

"Da fehlt mir die Erfahrung, da kann ich auch gar nicht antworten."

INTERVIEWERIN:

"Was verstehen Sie unter Rechtsextremismus?"

SILVIA ULONSKA:

"Tja -"

KOMMENTAR:

Grenzenlose Ratlosigkeit in Eberswalde - und das in einer Hochburg er Rechten.

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BERND WAGNER:

(Rechtsextremismus-Experte)

"Ich denke, es ist kein Einzelfall, in meiner täglichen Praxis sind mir seit einigen Jahren vielfach solche Fälle bekannt geworden. Ich hab' das also auch persönlich erlebt, daß ein großes Informationsdefizit besteht und viele Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter nicht wissen, womit sie es in bezug auf ihre Klientel, auf die Jugendlichen, zu tun haben."

KOMMENTAR:

Daß nicht überall nach ihrer Pfeife getanzt wird, erleben gerade die Skins aus Königswusterhausen in Göttingen. Hier warten sie inzwischen auf ihren Einsatz beim Fußballturnier.

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ANSAGE STADION:

"Auf dem B-Platz spielt als nächstes die Family von Altona 93 gegen Oase aus Königswusterhausen."

KOMMENTAR:

Königswusterhausen muß gegen die Türken spielen. Hier herrschen andere Sitten als zu Hause. Auch die Göttinger Sozialarbeiter betreuen rechte Jugendliche, aber sie setzen harte Regeln beim Turnier wie im Alltag.

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MARTIN JAKUBOWSKI:

(Jugendarbeiter Göttingen)

"Wenn es sein muß, dann greifen wir natürlich ein, und dann sagen wir: Hier ist Schluß, hier ist Ende der Fahnenstange. Und dann sagen wir auch: Komm Junge, mach jetzt das und das, oder: Laß das nach, das läuft bei uns nicht. Und dadurch werden wir eben auch akzeptiert, und dann müssen sie sich auch an unsere Regeln halten, und die werden dann zur Not eben auch knallhart durchgesetzt."

KOMMENTAR:

Anders in Wernigerode, Jugendclub Harzblick. Der Oberbürgermeister kam zur Eröffnung. Bei den Feiern bleibt die Gesinnung nicht verborgen. Zu Gast war auch schon der FAP-Führer Thorsten Heise, ein bundesweit bekannter gewalttätiger Neonazi, und ein weiterer Funktionär.

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CHRISTIANE PAUL:

(Jugendamtsleiterin Wernigerode)

"Diese beiden genannten Herren sind dort aufgetaucht, und es hat ausgiebige Nacharbeit gegeben mit dem Jugendbund. Wir haben unser Motto gewählt: Nicht ausgrenzen, aufeinander zugehen und versuchen, miteinander zu arbeiten."

KOMMENTAR:

Blinde Integration, politische Hintergründe der Gewalt werden ausgeblendet. Kritik von der PDS:

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THOMAS SCHATZ:

(PDS, Kreistag Wernigerode)

"Die Stadt ist vornehmlich daran interessiert, die Jugendlichen von der Straße zu holen, Gewalt zu vermeiden, allerdings unter der Maßgabe, daß die Politik nicht thematisiert wird. Also die Rechten sitzen in ihren Clubs, können politisch agitieren, können Mitglieder rekrutieren, und die Meinung, daß rechte Gewalt natürlich Folge von Politik ist, wird von der Stadt nicht geteilt."

KOMMENTAR:

Rechte Politik macht zum Beispiel der sogenannte Jugendbund. Aus ihm stammt dieser bereits verurteilte rechte Gewalttäter, einer von mehreren.

Jetzt bekommt dieser Jugendbund ein extra Haus von der Stadt. Ein Sozialarbeiter kommt hier bei den Jugendlichen nur noch sporadisch vorbei.

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CHRISTIANE PAUL:

(Jugendamtsleiterin Wernigerode)

"Sie bekommen das zur alleinigen Nutzung, wenn sie alles so machen, wie das in unserem Vertrag ist, also die Renovierung und so weiter."

KOMMENTAR:

Bisher probt hier schon die Band SEK, zu deutsch: Skinhead-Einsatzkommando. In Zukunft brauchen auch andere Rechte samt Betreuern nicht mehr in den Wald zu fahren wie auf diesen Bildern.

Einer der Jugendarbeiter hat inzwischen den Dienst quittiert. Er kam mit der grenzenlosen Toleranz der Stadt nicht mehr zurecht.

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VOLKER WACHHOLTZ:

(ehem. Jugendarbeiter)

"Deswegen sehe ich dort die größten Fehler in der Jugendarbeit in Wernigerode auch, daß dort Anpassung an Jugendliche von Erwachsenen betrieben wird. Und das macht die Erwachsenen lächerlich."

KOMMENTAR:

Göttingen - die Türken kurz vor dem Sieg. Kein Ärger nach dem Spiel, alles friedlich. Die Göttinger Sozialarbeiter haben klare Regeln aufgestellt, die sie im Osten manchmal vermissen.

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MARTIN JAKUBOWSKI:

(Jugendarbeiter Göttingen)

"Wir dulden bei uns in den Räumen keine neonazistische Propaganda, keine rassistische Propaganda, und ich habe eben in einigen Jugendhäusern dort gesehen, daß Plakate von der FAP oder NPD aufgehängt wurden. Sowas ist mir in den westlichen Bundesländern nicht bekannt."

KOMMENTAR:

Jugendarbeit mit Rechten - schwierig, aber nicht unmöglich. Es kommt nur darauf an, nach wessen Regeln gespielt wird.