12.09.96 | 21:00 Uhr

Nazi-Gold - Alliierte täuschten die Weltöffentlichkeit

von Bericht: John Goetz und Kuno Haberbusch

JOACHIM WAGNER:

Ein Stapel Goldbarren © dpa Bildfunk Fotograf: Deutsche Bundesbank

Guten Abend, meine Damen und Herren, unter dem lapidaren Titel "Nazi-Gold - ein Bericht aus britischen Archiven" - hat das Englische Außenministerium in dieser Woche eine Dokumentation veröffentlicht, die wie eine Bombe einschlug. Zum ersten Mal hat ein alliiertes Land öffentlich eingeräumt, vom Nazi-Gold profitiert zu haben, das die Deutschen während des Krieges in halb Europa und in Konzentrationslagern zusammen geklaut haben. Zwar bleibt die Schweiz der Hauptprofiteur des Nazi-Goldes. Neu ist jedoch, daß die Alliierten an ihm kräftig mit verdient haben, ohne an die Opfer des Holocaust zu denken. Darüber haben die Alliierten die Weltöffentlichkeit, insbesondere aber die Juden Jahrzehnte getäuscht.

Ein Bericht von John Goetz und Kuno Haberbusch.

KOMMENTAR:

Gold, Schweizer Gold, seit zwei Tagen für viele ein Reizwort, denn die Schweizer Banken haben ein Problem.

Die Schweiz: Politiker, die ihre Neutralität betonen, und Banken, die lieber gar nichts sagen. Trotz bohrender Fragen zu einem drängenden Problem. Der erhärtete Verdacht Schweizer Banken haben jahrelang Nazi-Geld gehortet - überwiegend geklautes.

Rückblende: Der Zweite Weltkrieg. Während dieser Zeit hat Deutschland regelmäßig Goldbarren in die Schweiz transportiert, um sie dort in Sicherheit zu bringen und in fremde Währungen umzutauschen.

Über den Wert der Goldbarren gab es bis vor kurzem nur Spekulationen. Doch vor zwei Tagen überraschte das britische Außenministerium mit einem Untersuchungsbericht, der bislang geheime Regierungsunterlagen auswertet. Die Dokumentation nennt erstmals konkrete Zahlen über den Wert des in der Schweiz gelagerten Nazi-Goldes. 500 Millionen US-Dollar, das entspricht einem heutigen Wert von 5 Milliarden Dollar.

O-Ton

GREGG RICKMAN:

"Wir reden hier über geklautes Vermögen, ob es um Goldbarren geht, persönliches Eigentum oder ob es Gold der Leichen von Auschwitz ist. Nicht zu klauen ist gegen das Gesetz eines jeden zivilisierten Landes, sondern auch geklaute Dinge weiterzugeben."

KOMMENTAR:

Unmittelbar nach dem Krieg. Schweizer Abgesandte aus Regierung und Bankenwelt fliegen nach Washington, um mit den Alliierten über das Nazi-Gold zu verhandeln. Für die Schweizer Delegation war es ein äußerst erfolgreicher Trip. Von dem Nazi-Geld im Wert von 500 Millionen US-Dollar erhielten die Alliierten lediglich 60 Millionen, also weniger als 10 Prozent. In jetzt entdeckten, bislang geheimen Akten aus Amerika finden sich Hinweise wie es zu diesem eigentlich nicht erklärbaren Deal kam. Ein Mitarbeiter des amerikanischen Senats:

O-Ton

GREGG RICKMAN:

"Europa brauchte die Schweiz, es brauchte sie gegen die Sowjetunion. Deutschland mußte aufgebaut werden als Pufferzone. Und aus den Dokumenten wissen wir, daß Großbritannien am Ende des Krieges versuchte, Kredite von der Schweiz zu bekommen und deshalb war Großbritannien bei den Verhandlungen besonders nachgiebig."

KOMMENTAR:

Die Alliierten verwalteten ihren Anteil des Goldes. Sie beteuern, es an die Länder anteilsmäßig zurückgegeben zu haben, von denen es die Nazis zuvor gestohlen hatten. Weder die Schweiz noch die Alliierten dachten damals, Anteile des Goldes an überlebende Juden zu geben.

O-Ton

ELAN STEINBERG:

"Wir waren also in einer Situation, wo wir den Verdacht hatten, wo wir sogar Kenntnis hatten, aber auch das Wissen hat uns nicht geholfen. Was wir hier an Dokumenten haben beweist zweifellos den größten Raub der Menschheitsgeschichte."

KOMMENTAR:

Immer wieder hatten nicht nur jüdische Organisationen darüber geklagt, daß die Schweiz zu all diesen heiklen Fragen auch in der Vergangenheit keine Auskunft gegeben hatte. Auch jetzt sehen weder die Regierung noch die schweigsamen Banker irgendeinen Grund für rasches Handeln. Das Schweizer Gold sorgt seit heute aber noch für mehr politischen Wirbel. Denn jetzt wird klar, in welchem Umfang Schweizer Banken Nazi-Deutschland auch während des Krieges zu Diensten waren.

Während des Krieges war Deutschland nicht nur politisch von vielen Ländern isoliert. Auch wirtschaftlich. Neben wenigen Verbündeten brauchte es die neutrale Schweiz.

O-Ton

JEAN PHILIPPE TISSIÉRE:

"Was das Gold betrifft, das in der Schweiz während des Krieges war, vergessen wir nicht, daß die Schweiz immer ein kommerzieller und finanzieller Transitweg war. Und die Schweiz hat während des Krieges von den Alliierten Gold im Wert von 4 Milliarden Schweizer Franken gekauft. Und von der Reichsbank hat Geld im Wert von ungefähr 2 Milliarden gekauft."

KOMMENTAR:

Ein Dokument vom 27. Mai 1946, das PANORAMA vorliegt, belegt andere Dimensionen. Es wurde von amerikanischen Behörden angefertigt. Geheim blieb bis heute diese brisante Vernehmung des Chefs der Devisenabteilung des Reichswirtschaftsministeriums Landwehr. Er schildert, daß alle anderen neutralen Länder Nazi-Gold nicht annahmen und auch sonstige Transaktionen verweigerten. Die Deutsche Reichsbank hatte also größte Probleme an ausländische Devisen zu kommen. Es war die Schweiz, die in dieser Not half. Sie akzeptierte das deutsche Gold, kaufte es tonnenweise für harte Devisen. Diese Devisen brauchte die deutsche Rüstungsindustrie - insbesondere für den Ankauf von Rohmaterialien auf ausländischen Märkten. Die Schweiz hat während des Krieges für mindestens 500 Millionen Dollar Nazi-Gold gekauft - überwiegend geklautes.

Der Zeuge Landwehr aber wußte noch mehr. Er beziffert in seiner Vernehmung den Gesamtumfang der Wirtschaftsaktivitäten zwischen Nazi-Deutschland und der Schweiz während des Krieges mit über 18 Milliarden Reichsmark. Das entspricht 90 Milliarden Mark aus heutiger Sicht. Ein Ausmaß, das jetzt zu heftigen Vorwürfen führt.

O-Ton

GREGG RICKMAN:

"Sie waren die Bankiers der Nazis, was denen Kontakte zur westlichen Welt ermöglichte. Dadurch hatten die Nazis einen Ort ihr geraubtes Vermögen anzulegen, Diamanten, Kunstgegenstände, Gold, Bankkonten usw. Die Schweiz lieferte Munition, Autos, Waffen, alles mögliche was Deutschland brauchte - insbesondere zum Ende hin. Es kann sein, daß die Schweizer Hilfe den Krieg um ein Jahr verlängert hat."

KOMMENTAR:

Doch nicht nur die Schweiz hat Mühe Fragen zum Nazi-Gold zu beantworten. Auch die Alliierten stehen heute - 50 Jahre nach Kriegsende - schlecht da.

Deutschland 1945. In der Frankfurter Reichsbank tragen die West-Alliierten tonnenweise Geld, Schmuck, Münzen und Kunstgegenstände aus Deutschland zusammen.

Und immer wieder sind die Alliierten über ihre Funde geschockt. Der Schmuck und das Zahngold von ermordeten Juden. Aber auch Goldbarren, die aus verschmolzenem Zahngold stammen.

In diesem bislang vertraulichen Vermerk der amerikanischen Botschaft weist ein amerikanischer Beamter auf das unglaubliche Ausmaß der Goldzahnfüllungen ermordeter Juden hin. Akribisch listet er auf, daß mehr als 100 Tonnen von Zahngold vorgefunden wurden.

Weiter auf der Liste: Schmuck, Uhren, Ringe, andere Wertgegenstände. Und dazu immer wieder die Orte, an denen man fündig wurde: Vernichtungslager.

Fest steht nur, daß all die Funde im Wert von vielen Milliarden Mark hierher in die Bank von England geschafft wurden. Was danach geschah, ist bis heute unklar. Das gesamte Vermögen wurde von einer Alliiertenkommission verwaltet. Die gibt es noch heute. Hier in der englischen Botschaft in Brüssel hat sie ihren Sitz. Nicht nur gegenüber PANORAMA verweigerte sie jegliche Auskunft vor der Kamera.

Auch andere Aktivitäten zur Aufklärung blieben bislang erfolglos. Der amerikanische Senatsmitarbeiter hat trotz aller Bemühungen ebenfalls keine Ahnung.

O-Ton

GREGG RICKMAN:

"Wir wissen wirklich nichts. Aber wir können ziemlich sicher sagen, daß Juden von dem Geld keine Wiedergutmachung erhalten haben."

KOMMENTAR:

Dieser Mann war einst für die amerikanische Regierung zuständig für das sogenannte Alllierten-Gold. Auch er ist heute ratlos.

O-Ton

SEYMOUR J. RUBIN:

"Also das Gold sollte an die Reparationsbehörde der Alliierten gehen. Und was damit passiert ist, weiß ich nicht."

KOMMENTAR:

Koffer von ermordeten Juden. Brillen, Überbleibsel, die es heute noch gibt. Die wertvollen Dinge sind weg. Nicht nur die Angehörigen der Ermordeten warten auf Antworten. Von der Schweiz, aber auch von den Alliierten.