05.12.96 | 21:00 Uhr

Die Sünden des Bischofs Dyba - Mißbrauchte Meßdiener, verantwortungslose Kirchenfürsten

Anmoderation

JOACHIM WAGNER:

Bischofskreuz © dpa Bildfunk Fotograf: Peter Steffen

Nachsicht für die Täter, Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern und vorsätzliches Vertuschen - unter diesen drei Stichworten läßt sich das Verhalten der katholischen Kirche gegenüber Geistlichen zusammenfassen, die unter dem Verdacht des sexuellen Mißbrauchs von Kindern stehen. In der Praxis hieß das bisher, daß pädophile Priester nicht aus dem Verkehr gezogen werden, sondern nur in eine andere Gemeinde versetzt werden, wo natürlich neue Gefahren für Kinder und Jugendliche entstehen. Die Staatsanwaltschaft Kassel hält diese bequeme Versetzungspraxis für so gefährlich, daß sie ein Ermittlungsverfahren gegen Weihbischof Kapp und Erzbischof Dyba durchgeführt hat.

Stephan Wels berichtet.

KOMMENTAR:

Aus Protest gegen Abtreibungen läßt er die Glocken läuten und spricht vom Kinderholocaust. Als eine Aids-Initiative in seinem Dom demonstriert, nennt er sie "ein paar hergelaufene Schwule".

Erzbischof Dyba aus Fulda, oberster Moralapostel der Katholiken, vor allem, wenn es gegen Homosexuelle geht.

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JOHANNES DYBA: (Archivmaterial)

"Das sind wie andere eben widernatürliche Anlagen, die kann man nicht ausleben. Und ich sage unseren Priesteramtskandidaten ganz klar: Wer diese Veranlagung hat, möge nicht zur Priesterweihe hinzutreten, weil wir zu Priestern nur Männer weihen wollen, die ohne weiteres gesunde Familienväter sein könnten."

KOMMENTAR:

Erzbischof Dyba, rigoroser Moralist, der sich immer wieder über gesunde und vermeintlich ungesunde Sexualität ausläßt. Aber da, wo der sittenstrenge Bischof wirklich gefordert wäre, drückt er offenbar beide Augen zu.

Eine kleine Gemeinde in Dybas Bistum, Großenlüder bei Fulda. Mitte der achtziger Jahre tritt hier Pfarrer Erwin B. seinen Dienst an. Mit auffälligem Elan widmet er sich der Jugendarbeit, und am liebsten kümmert er sich um Jungs. Einer seiner Ministranten ist damals Stefan Auth. Als er vierzehn ist, macht er mit dem Pfarrer eine Reise.

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STEFAN AUTH: (ehemaliger Meßdiener)

"Ich hab damals eine Drei- oder Viertagestour mit unserem Pfarrer zusammen gemacht. Es waren da noch zwei andere Jugendliche dabei. Und es hat mich damals schon etwas irritiert, daß er für mich immer ein Zimmer mit Doppelbett ausgewählt hat, in dem er auch übernachtet hat. Die beiden anderen Jugendlichen haben in einem anderen Zimmer geschlafen. Und in der letzten Nacht ist seine Hand immer näher in meine Richtung gewandert, Richtung meines Geschlechtsteils. Ich bin immer ein bißchen weiter an die Seite gerückt, er ist etwas näher gekommen mit seiner Hand."

KOMMENTAR:

Einen anderen Meßdiener befingert der Pfarrer beim Computerspielen im Pfarrhaus.

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STEFAN AUTH:

"Und da sagte der Pfarrer zu ihm: Ja, dann setz' dich auf meinen Schoß. Das hat er auch gemacht, und dann hat der Pfarrer versucht, den Hosenstall zu öffnen und da hineinzuwandern entsprechend."

KOMMENTAR:

Im Herbst 1990 faßt sich der Meßdiener ein Herz. Er besorgt sich einen Termin bei der Bistumsleitung in Fulda und berichtet detailliert sowohl von den sexuellen Übergriffen als auch davon, daß der Pfarrer zu viel trinke. Stefan Auths Ansprechpartner ist der Weihbischof Johannes Kapp. Auth ist sicher, daß ihm der Weihbischof glaubt.

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STEFAN AUTH:

"Der Herr Kapp schien überhaupt nicht überrascht zu sein. Er hat mir dann selber bestätigt, einen Verdacht in dieser Richtung schon gehabt zu haben."

INTERVIEWER:

"In Richtung auf Pädophilie?"

STEFAN AUTH:

"Ja."

KOMMENTAR:

Kurz darauf kommt es in Fulda zu einem denkwürdigen Treffen. Der Weihbischof Kapp lädt den Pfarrer vor. Was der Pfarrer dem Weihbischof erzählte, ist heute aktenkundig. Erwin B. bestreitet zwar, sich an Jungs zu vergreifen, aber freimütig erzählt er von Übernachtungen im Doppelbett, und ungeniert gesteht der Pfarrer dem Bischof lapidar, im Pfarrhaus habe er sich das Glied eines Jungen zeigen lassen, um zu sehen, wie ein beschnittenes Glied aussehe.

Von den Vorwürfen, so heißt es in der Akte, unterrichtet der Weihbischof mündlich Erzbischof Dyba. Auch der trifft sich mit Pfarrer B. Pfarrer B. sagt später aus: Bischof Dyba war über alle Vorwürfe informiert.

Kurz darauf fällt die Entscheidung des Bistums. Anstatt Pfarrer B. zu beurlauben und die Vorwürfe zu klären, wird er hier nach Kassel versetzt - lediglich mit der Weisung, keine Jugendfahrten mehr zu machen. Über die Versetzung ist Stefan Auth empört.

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STEFAN AUTH:

"Es schien mir vollkommen der falsche Weg zu sein, und ich habe daraufhin einen Brief geschrieben, mit dem ich meine Vorwürfe noch einmal schriftlich fixiert habe. Ich habe da konkret von pädophilen Neigungen gesprochen, die es nicht möglich machen, daß der Pfarrer in der Gemeinde arbeiten kann. Ich habe auch die Alkoholprobleme noch mal angesprochen und daraufhin eine Antwort bekommen von Herrn Kapp, wo er mir mitteilt, daß er glaubt, eine wohlbegründete Entscheidung getroffen zu haben."

KOMMENTAR:

Es kam, wie es kommen mußte: Pfarrer B. macht in Kassel weiter, gerade so, wie er es seinem Bischof gestanden hatte. Eine Mutter, die anonym bleiben will, erzählt:

0-Ton (Stimme geändert)

MUTTER:

"Mein Sohn war elf, er leidet heute noch darunter. Ihn hat der Pfarrer im Genitalbereich gestreichelt, anderen hat er das Glied aus der Hose herausgenommen, einfach so, als ob man ein Stückchen Kuchen betrachtet."

KOMMENTAR:

Die Mutter zeigt den Pfarrer an. Und jetzt endlich, vier Jahre nachdem die Bistumsleitung von den Vorwürfen erfahren hatte, wird der Fall des Pfarrers B. aufgeklärt. Das Amtsgericht Kassel verurteilt Erwin B. im vergangenen Jahr zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung, wegen sexuellem Mißbrauch in zehn Fällen. Überdies kritisiert das Gericht die Kirchenleitung hart:

"Hätte der Dienstherr rechtzeitig und durchgreifend den Angeklagten an weiterer Gemeindearbeit gehindert, wäre es nicht zu weiteren Vorfällen gekommen."

Deshalb leitet die Staatsanwaltschaft Kassel ein Ermittlungsverfahren gegen die Bischöfe Dyba und Kapp ein - wegen Verletzung ihrer Fürsorgepflicht. Vor zwei Wochen wurde die Akte geschlossen, Einstellung wegen geringer Schuld. Was bleibt, so die Staatsanwaltschaft, sei ein moralisches Problem der Bischöfe.

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PETER HARZ: (Staatsanwaltschaft Kassel)

"Gerade im Bereich der sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen muß besonders sorgfältig vorgegangen werden. Und dann kann es, so ist meine Bewertung, es nicht so sein, daß man bei Bekanntwerden auch nur geringer oder andeutungsweiser klarer Vorwürfe, daß man dann so einfach darüber hinweggeht und meint, mit einer Versetzung wäre es erledigt. Da muß sorgfältiger vorgegangen werden."

KOMMENTAR:

Gern hätten wir Bischof Dyba interviewt, er sagte ab - ohne Begründung. Gegenüber der Staatsanwaltschaft hat er jegliches Wissen über die Vorgeschichte des Pfarrers B. bestritten. Ferner ließ er verlautbaren, ein Gremium seiner Diözese werde darüber beraten, wie solche Fälle künftig zu vermeiden sind.

Weihbischof Kapp erklärte gegenüber der Staatsanwaltschaft, er bedaure die Vorfälle und daß die seinerzeit von ihm getroffenen Maßnahmen nicht ausgereicht hätten. Auch er verweigerte ein Interview - ohne Begründung.

Viele Erklärungen, die Stefan Auth nicht ausreichen. Kurz vor der Einstellung des Ermittlungsverfahrens wird er von der Staatsanwaltschaft Kassel zu einer Art Aussprachetermin mit den Bischöfen eingeladen. Haben Kapp und Dyba ihm gegenüber persönliche Schuld zugegeben?

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STEFAN AUTH:

"Nein, ganz eindeutig. Ich hatte auch eine Frage in diese Richtung gestellt, wie sie mit ihrer persönlichen Schuld in dieser Sache umgehen. Und ich habe damals von Herrn Dyba ganz konkret die Antwort bekommen, daß er keine persönliche Schuld in diesem Fall hat. Es war eine ziemlich kalte Atmosphäre, die davon geprägt war, möglichst schnell das ganze hinter sich zu bringen, mit dem Ergebnis, daß das Verfahren eingestellt ist."

KOMMENTAR:

Eingeladen war auch die Mutter des elfjährigen Opfers.

0-Ton (Stimme geändert)

MUTTER:

"Ich finde es problematisch, daß das Verfahren eingestellt wurde. Von der Kirchenleitung hat sich nie jemand um uns gekümmert, kein Anruf, kein Schreiben, gar nichts. Ich finde, die Bischöfe sollten zurücktreten."

In eigener Sache:

JOACHIM WAGNER:

Das war die letzte PANORAMA-Sendung des Jahres 1996 und zugleich auch meine letzte. Nach neuneinhalb Jahren als Moderator und Leiter höre ich zum Jahresende auf. Ab Januar werde ich für die ARD aus London über Großbritannien berichten.

Neuneinhalb Jahre PANORAMA, das war ein langes großes Abenteuer, mit viel Spannung und Aufregung, Arbeit und Streß, zahlreichen Erfolgen und manchmal auch hohem Absturzrisiko. Diese journalistische Langstrecke hätte ich nie bewältigen können ohne eine kompetente, arbeitswütige und loyale Redaktion, eine programmfreundliche Rechtsabteilung und einen liberalen Sender, bei dem die journalistische Freiheit der PANORAMA-Macher nie gefährdet war. Bei ihnen allen möchte ich mich herzlich bedanken.

Mein letzter Dank gilt allerdings dem Publikum, das dem NDR-Magazin in all den Jahren die Treue gehalten hat, und all jenen, die im letzten Jahr noch dazugestoßen sind. 1996 haben PANORAMA durchschnittlich eine halbe Million mehr Zuschauer gesehen als im Vorjahr - ein Erfolgsjahr. Ich würde mich freuen, wenn Sie PANORAMA auch unter der neuen Leitung weiter mit Interesse begleiten.