Nazi-Jäger Wiesenthal: Ende des Heldenmythos

Als Panorama 1996 den Mythos des weltbekanntesten Nazijägers Simon Wiesenthal entzauberte, brach in Deutschland eine Welle der Empörung los: Nicht gegen Simon Wiesenthal, der seinen Ruhm auf einer Lüge aufgebaut hatte ("Wie ich Eichmann suchte und fand"), sondern gegen Panorama, dass den Säulenheiligen Nummer eins im deutschsprachigen Raum entthront hatte.

Auch die weiteren von Panorama aufgedeckten Märchen Wiesenthals konnte niemand widerlegen, trotzdem empörten sich über 100 Artikelschreiber damals abgrundtief über diese Art der vermeintlichen Gotteslästerung. In Ländern, wo seit dem Holocaust mehr Naziopfer als in Deutschland leben - etwa in Israel oder den USA -, blieb es schon damals merkwürdig ruhig. Denn die vielen Mogeleien des Simon Wiesenthal waren dort schon damals nicht ganz so geheim.

Nun ist eine neue Wiesenthal-Biografie erschienen: "Simon Wiesenthal. Die Biografie" von Tom Segev. Dort wird Wiesenthal ganz selbstverständlich eine schädliche "Neigung zu Phantastereien" attestiert. "Der Spiegel" etwa beschreibt Wiesenthals Aufspüren des Nazis Anton Burger jetzt so: "Ein Irrtum. Ein glücklicher Beifang. Der Tippgeber Simon Wiesenthal feierte den Zufallstreffer kurz nach Kriegsende: Natürlich sei er dabei gewesen, malte Wiesenthal aus (..). Aufhebens um sich und seine Erfolge zu machen war die Masche des Nazi-Jägers, der darob weltberühmt wurde."

Sicher hat Wiesenthal auch Verdienste erlangt - er hielt das Thema "Fahndung nach NS-Verbrechern" im deutschsprachigen Raum im Gespräch, als alle anderen vergessen wollten. Und selbst seine Märchen sind nicht nur seine Schuld.

Wiesenthal: das war in Deutschland der Rächer Nummer eins - ein einzelner Mensch, der die Mörder von über 20 Millionen Menschen suchen und bestrafen sollte. Wiesenthal war also auch eine Projektion dieser geschichtsblinden Öffentlichkeit, in diesem Sinne seiner eigenen Lügen und Märchen vermindert schuldig - die (deutschsprachige) Welt wollte es so.

Simon Wiesenthal

Politiker, die viel mehr im eigenen Umfeld zur Entnazifizierung hätten tun können wie etwa Helmut Kohl (=> NS-Politiker in CDU) , Kurt Waldheim (=> persönlich verstrickt), selbst Ronald Reagan (=> SS-Gräber Bitburg) –, sie erledigten ihr antifaschistisches Engagement mit ihrer Nibelungentreue zu Wiesenthal.

Wiesenthal: Das war für viele jemand, der zu Unrecht nie den Nobelpreis bekommen hat. Ein israelisches Memorandum befand hingegen, er sei ein "renommeesüchtiger Schreihals, der nicht selten Dinge behauptet, die er hinterher nicht beweisen kann". "Der Spiegel" rehabilitiert nun den Panorama-Beitrag: "Der Chef der Sonderermittler gegen Nazi-Verbrecher im US-Justizministerium, Eli Rosenbaum, urteilte 1996 im deutschen Fernsehen über Wiesenthal: 'unbegabt, egomanisch, verbreitet unzutreffende Informationen, eine tragische Gestalt'."