"Die Selbstverbrennungen müssen aufhören"

"Die Selbstverbrennungen müssen aufhören"

Christine Adelhardt, für den NDR als Auslandskorrespondentin in China, und der freie Autor Andreas Hilmer haben für ihren "Weltspiegel"-Beitrag "Tibet - Selbstverbrennungen aus Protest" die Auszeichnung "Schneelöwe 2012" der International Campaign for Tibet erhalten.

Im Folgenden stellen die Autoren den ganz eigenen Umgang mit Ursache und Wirkung der Selbstverbrennungen dar.

"Die Selbstverbrennungen müssen aufhören"

von Christine Adelhardt

Christine Adelhardt, Korrespondentin im ARD-Studio Peking © NDR Fotograf: Klaus Westermann

Christine Adelhardt: "Die Selbstverbrennungen müssen aufhören. Lieber gestern als morgen."

Einen Preis zu gewinnen, ist immer schön. Sollt man meinen. Über den "Schneelöwen" habe ich mich sehr gefreut, aber die Situation in Tibet macht mich ratlos. Die chinesischen Machthaber verbieten es mir, nach Tibet zu reisen, weil ich Journalistin bin. Also kann ich mir Tibet nur vorstellen und mir aus Erzählungen anderer versuchen, ein Bild zu machen.

Ich gehöre nicht zu denen, die Tibet, seine Menschen und den Buddhismus romantisieren. Ich stelle mir Tibet nicht als Paradies auf Erden vor, wo Menschen im Einklang mit sich und ihrer Religion leben oder leben könnten, wenn nur die "chinesischen Unterdrücker" nicht wären. Ich gehöre auch nicht zu denen, die wirtschaftliche Entwicklung und Chinesisch Unterricht in Schulen für per se schlecht halten. Außerdem hadere ich mit der Haltung der exiltibetischen Regierung und des Dalai Lama. Die Selbstverbrennungen wurden nicht eindeutig verurteilt. Es gibt keine nachhaltigen und immer wieder wiederholten Aufrufe der Exilregierung, diese schreckliche Form der Selbsttötung zu beenden.

Selbstverbrennungen lenken die Weltöffentlichkeit auf Tibet

Claudia Buckenmaier, Andreas Hilmer, Kai Müller, Geschäftsführer der International Campaign for Tibet (v.l.n.r.)

Kai Müller (re.) von der International Campaign for Tibet überreicht Claudia Buckenmaier ("Weltspiegel") und Andreas Hilmer (freier Autor) den Journalistenpreis "Schneelöwe 2012".

Ich will nicht zynisch sein, aber sagen wir es doch wie es ist: die Selbstverbrennungen haben dazu beigetragen, dass über Tibet und die chinesische Politik von Zuckerbrot und Peitsche, von Repression und Zensur, von Strafe und Unterdrückung wieder mehr berichtet wird. So habe auch ich mich des Themas angenommen und versucht, möglichst nüchtern über das Schreckliche zu berichten. Es wird voraussichtlich nicht mein letzter Bericht zu diesem Thema sein, leider.

Als der Beitrag ausgestrahlt wurde, hatten sich 13 Menschen selbst verbrannt. Heute - ein Jahr später - sind es mehr als 90. Hat sich dadurch etwas zum Guten verändert? Und was wird sich ändern, wenn es 100, 150, 200, 300 oder mehr sind? So ratlos ich auch bin, von einem bin ich überzeugt: die Selbstverbrennungen müssen aufhören. Lieber gestern als morgen.

"Man sollte Ursache und Wirkung nicht verwechseln"

von Andreas Hilmer

Andreas Hilmer, freier Autor. © NDR Fotograf: Djamila Benkhelouf

"Man sollte bei der Diskussion um die Selbstverbrennungen Ursache und Wirkung nicht verwechseln".

"Es ist für mich ein schöner, schauriger Preis. Beides. Denn wie soll man umgehen, mit dem drastischen Mittel des sogenannten "Selbstopfers"? Als Journalist. Als Mensch. Berichten und damit das Ganze anheizen? Wegen zu brutaler Bilder nichts davon zeigen? Es zur Unkenntlichkeit "pixeln" - und damit ein Stück erträglicher machen, ein Stück den Schrecken nehmen? Wir haben als Autoren und in der Redaktion lange auch damit gerungen.

Es gibt wohl nichts (im Wortsinne) Un-glaublicheres, Verstörenderes, als einen Menschen brennen zu sehen. Ihm quasi beim-Sterben-zu-schauen-zu-müssen. Man kann als Mensch nur schwer eine Haltung dazu finden, wenn sich ein Mensch sichtbar tötet. Man weiß nicht in welche Richtung man die Gefühle lenken soll. Trauer? Wut? Besser Wegsehen? Wegdenken? Man wird aber die Bilder von friedlichen tibetischen Mönchen, die sich anzünden nicht los werden - und findet von außen dennoch keine Lösung.

Keine verwirrten Selbstmörder

Für die Tibeter mag es anders sein. Darf es anders sein. Warum tun die das? Was wir recherchiert haben ist, dass sie es glaubhaft nicht als verwirrter Selbstmörder tun. Nicht aus individueller Frustration. Aber welche Verzweiflung ist es dann? Oder welcher Mut gehört dazu? Sind es gar Helden, wie manch Tibeter es sehen will, und zu denen wir Medien die Selbstverbrenner ungern machen würden. Denn was wäre die Folge? Es passiert zwangsläufig immer häufiger.

Tibeter protestieren vor Chinas Botschaft in Neu Delhi © dpa Fotograf: A2800 epa

Die Zahl der Selbstverbrennungen steigt stetig.

Inzwischen in Tibet fast 100 Mal in kurzer Zeit - und die Dynamik nimmt drastisch zu. Ein Teil des Ganzen ist natürlich vor allem, Aufmerksamkeit zu erregen. Auch durch Medien. Das hat die Situation in Tibet zweifellos verdient, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Und dennoch möchte man "Menschenopfer" verhindern. Sich nicht gemein machen, wenn mit solch emotionalem Druck, und zu welchem Preis hier und dort das scheinbar ganz normale und dennoch Unmögliche gefordert wird: Tibet solle lebenswert - autonom - gar frei sein. Selbst in dieser Situation der anhaltenden Selbstverbrennungen  ist das jahrzehntealte Dilemma im China-Tibet Konflikt erkennbar: beide Seiten rangeln um die Deutungshoheit - selbst bei Toten! Die tibetische Exilgesellschaft mag nicht "aufhören" rufen - und die chinesische Staatsräson reagiert mit mehr Polizei, die Selbstopfer verhindern soll.

So fällt es allen Seiten sichtbar schwer, sich zu Dialog, zu Lösung, zu einem notwendigen Gemeinsamem durch zu ringen. Dennoch finde ich, dass man in all dem Dilemma Ursache und Wirkung nicht verwechseln sollte: Würden die Tibeter ihre Kultur und Religion in Frieden leben  können - auch innerhalb von Chinas Vielvölkerstaat - dann wären Tibeter von Selbstopfern weit entfernt. Wir werden am Thema dran bleiben...

Stand: 10.12.12 10:00 Uhr