Leiharbeiter: Ökonomisch sinnvoll, gesellschaftlich fatal?

von Patrick Gensing

Die Zahl der Leiharbeiter in Deutschland hat in den vergangenen 20 Jahren stark zugenommen: Sie stieg von wenigen zehntausend Anfang der 1980er auf etwa 330.000 im Jahr 2003. Seitdem hat sie sich noch einmal mehr als verdoppelt. Im Jahr 2007 wurden weit mehr als 700.000 Menschen zeitlich begrenzt durch die Vermittlung von Agenturen in Unternehmen eingesetzt. Nun, da die Konjunkturaussichten eintrüben, sind die Leiharbeiter zuerst betroffen.

Große Zeitarbeitsfirmen meinen bereits, das "Umfeld" habe sich "abgekühlt", bzw. der Boom sei "auf jeden Fall erst einmal vorbei". Dennoch: Zeitarbeitsfirmen präsentieren sich weiterhin als Wachstumsbranche, der Umsatz in Europa liege bei 90 Milliarden Euro, wie es im "Newsletter Zeitarbeit" heißt. Zudem gelte besonders Osteuropa als Wachstumsmarkt.

Silhouette eines Arbeiters auf einer Baustelle © dpa Fotograf: Boris Roessler

Ursache des Booms in Deutschland war die Neufassung des Gesetzes zur Arbeitnehmerüberlassung durch die rot-grüne Regierung im Jahr 2004. Seitdem können Agenturen Arbeitnehmer ohne zeitliche Frist verleihen und so schnell einstellen und wieder entlassen. Die Branche bemüht sich, die Zeitarbeit dennoch als "eine Arbeit wie jede andere auch darzustellen", wie es im Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft heißt. Die Einsätze in verschiedenen Unternehmen werden hier als Vorteil angepriesen, denn der Arbeitnehmer könne so "relativ schnell viele und differenzierte berufliche Erfahrungen" sammeln. Seine berufliche Zukunft hat der Arbeitnehmer demnach selbst in der Hand: Er werde beim Kundenunternehmen auf Herz und Nieren geprüft. Wenn er "gut arbeitet und die Firma die Stelle dauerhaft besetzen möchte, stehen die Chancen nicht schlecht, dass der Kollege auf Zeit den Job bekommt". Dieter Scheiff, Chef der Zeitarbeitsfirma Adecco, nannte dies "eine Art moderne Lehr- und Wanderjahre".

Image hat sich verbessert

Allerdings muss der Informationsdienst einräumen: "Wie groß der Klebe- und Integrationseffekt ist, war bislang nicht genau bekannt." Eine Studie, die im Auftrag des Bundesverbandes Zeitarbeit durchgeführt wurde, sollte Aufschluss geben, hilft allerdings auch wenig weiter. Denn laut einer angeführten Umfrage sind 24,3 Prozent der Zeitarbeiter noch bei ihrem letzten Kundenbetrieb, 15 Prozent seien wieder erwerbslos - doch machten ein Drittel der befragten Zeitarbeitsunternehmen gar keine Angaben.

Doch das Image der Zeitarbeit hat sich deutlich verbessert, denn zunehmend werden auch Jobs im hochqualifizierten Bereich vermittelt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stellte fest, dass immer mehr Facharbeiter "verliehen" werden, mittlerweile sind 45 Prozent der Leiharbeiter Qualifizierte, zehn Prozent sogar Hochqualifizierte. Kritiker meinen allerdings, dadurch würden feste Stellen abgebaut, zudem liege der Lohn von Zeitarbeitern deutlich unter dem der festangestellten Kollegen. In keiner anderen Branche seien Armutslöhne so verbreitet wie in der Leiharbeit, so Detlef Wetzel, Vizechef der IG Metall, bei der Vorstellung des "Schwarzweißbuchs Leiharbeit". Und: Zeitarbeit wirke als Lohndrücker, warnen Gewerkschafter.

Mehr als die ökonomische Ebene?

Die Auseinandersetzung beschränkt sich bei diesem Thema zumeist auf diese rein ökonomische Ebene, kritisiert der Wissenschaftler Oliver Decker, der Studien zur Entstehung von demokratiefeindlichen Einstellungen durchgeführt  hat. Decker weist auf die Auswirkungen auf das Betriebsklima und auf den einzelnen Leiharbeiter hin - besonders im Hinblick auf die Möglichkeiten der Mitbestimmung. "Die Formulierung von gemeinsamen Interessen und der Versuch diese auszuhandeln - so wie es das Betriebsverfassungsgesetz vorsieht - wird erschwert, wenn nicht verunmöglicht", so Decker, "weil diese Personen nicht zu dem Betrieb gehören". Tatsächlich sind die meisten Leiharbeiter nur wenige Monate in einem Betrieb. Damit werde "eine der großen Möglichkeiten an einem wichtigen Ort des Lebens, nämlich bei der Arbeit, auch Einfluss zu nehmen, stark reduziert". Das Interesse an gewerkschaftlicher Mitbestimmung habe abgenommen und stehe im Kreuzfeuer, meint der Wissenschaftler. "In den letzten Jahren war die Rationalität, die an politisches Handeln angelegt wurde, in erster Linie eine ökonomische - und demokratische Prozesse, die ja auch eine Rationalität haben, sind eher in den Hintergrund getreten", erklärt Decker. Dieses Problem würde in der öffentlichen Wahrnehmung wie "Folklorismus" wahrgenommen.

In den Studien hatte Decker festgestellt, dass auf vielen Menschen ein sehr hoher Normierungsdruck laste, der durch die Angst vor Stigmatisierung durch wirtschaftlichen Abstieg verstärkt werde. Auch die Zusammenarbeit der Bundesagentur für Arbeit mit Zeitarbeitsfirmen erscheint  in diesem Kontext problematisch, denn die Ausnahmesituationen bei der Vermittlung beispielsweise von Ein-Euro-Jobs seien weitreichend, so Decker. Es gehe "um die Einschränkung bürgerlicher Grundrechte wie  Freizügigkeit oder Wohnraumwechsel". Dies beschädige das Ansehen und Vertrauen in diese Institutionen: "Wenn ich am unteren Ende stehe und Verwaltungsobjekt werde, wie soll ich mich dann als Subjekt eines demokratischen Prozesses begreifen?", fragt Decker.

"Erst kommt das Fressen..."

Dadurch könnten antidemokratische Einstellungen befördert werden, dies sei aber nicht zwingend, betont Decker. Allerdings müssten "im Sinne von Berthold Brecht 'Erst kommt das Fressen - und dann die Moral!' Menschen auch gesellschaftlich in den Stand gebracht werden, an demokratischen Prozessen ohne Not und Angst teilzuhaben." Decker erklärt die Politikverdrossenheit auch durch "eine sehr starke Verdichtung der Arbeit". Es gehe auf Kosten der demokratischen Öffentlichkeit, dass "die Zeit, die man sonst in eine gesellschaftliche Partizipation stecken konnte, nicht mehr so zur Verfügung steht wie es in den 1970iger oder 1980iger Jahren der Fall war". Und dies gelte nicht nur für Leiharbeiter.