Politikmagazine immer unpolitischer?

von Anja Reschke, Volker Steinhoff & Andrej Reisin
Anja Reschke im Panorama-Studio.

Unpolitische Magazine? Panorama kann nicht gemeint sein.

Bernd Gäbler hat für die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall eine Studie zu den politischen Magazinen im deutschen Fernsehen erstellt. Demnach seien die meisten Formate zu unpolitisch und mit ihren Beiträgen zu wichtigen Themen meistens zu spät. Eigene Rechercheleistungen, die neue gesellschaftlich relevante Debatten eröffneten, seien die Ausnahme. Die politischen Magazine seien "für das Agenda Setting" keine "bedeutende Kraft", heißt es im Resümee. Sie wagten sich "zu selten an große Themen heran", so Gäbler.

Fragwürdige Kategorisierung

Um zu diesem Fazit zu gelangen, hat Gäbler Kategorien gebildet, die angeblich "dem Ressortzuschnitt in den politisch verantwortlichen Ministerien" entsprechen sollen, dies jedoch nur annäherungsweise tun: Wirtschaft & Soziales, Gesundheit, Außenpolitik, Innenpolitik, Umwelt, Bildung und Verkehr. Hinzu kommen: Flüchtlinge, IS/islamistischer Terror, Satire, Bundeswehr, Geschichte, NSA, Kirche und Digitalisierung.

Bei einzelnen Magazinen werden noch extra Kategorien aufgeführt, die in der Gesamtübersicht komischerweise nicht mehr auftauchen, so etwa "Wohnen" bei Frontal 21. Manchmal tauchen Wirtschaft und Soziales als einzelne Themengebiete auf (so etwa bei Kontraste), ansonsten werden sie zusammengefasst. Kurz gesagt: Diese Einteilung wirkt sowohl willkürlich als auch wenig überzeugend.

Gesundheit ungleich Politik?

Blick aus einem Bürofenster in San Francisco. © NDR/ARD Fotograf: Torsten Lapp

In Panorama ausführlichen diskutiert: Die Versprechen und Aussichten der Share Economy.

So ordnet Gäbler etwa Panorama-Beiträge über die "Share Economy" der Kategorie "Digitalisierung" zu und nicht etwa "Wirtschaft". Ein Beitrag über Vorsorgevollmachten, bei dem es darum ging, dass das Gesetz Menschen nicht schützt, wenn jemand an ihr Hab und Gut will, landet in der Kategorie "Gesundheit". Überhaupt ordnet Gäbler viele gesundheitspolitische Beiträge immer unter "Gesundheit" und nie unter "Politik" ein. Eine Kategorie "Justiz" (immerhin auch ein Bundesministerium) fehlt dagegen vollständig - obwohl viele Beiträge der politischen Magazine explizit von unzureichenden Gesetzen handeln.

Wenn man derart umfassende Kategorien bildet, andere naheliegende aber völlig auslässt, ist es natürlich wenig überraschend, wenn man dann zu dem Ergebnis gelangt, der Schwerpunkt der politischen Magazine liege in den Bereichen Gesundheit und Soziales. Uns erscheint diese Methodik leider weniger von wissenschaftlichem Forschungsdrang geprägt als vielmehr von dem Wunsch, zu einem bereits vorher feststehenden Ergebnis zu gelangen. Zu diskutieren wäre hier unserer Auffassung nach ein verengter - und aus der Zeit gefallener - Politikbegriff, der zudem auch noch willkürlichen Kategoriebildungen unterworfen wird.

Geschmacksfragen statt Forschungsergebnisse

Christian Deker. © NDR

Bewegte viele Menschen, auch wegen der persönlichen Sichtbarkeit: Reporter Christian Deker.

Viele Ergebnisse der Studie sind dann auch weniger belastbare Fakten als vielmehr Gäblers Meinungen. So kann man zum Beispiel der Ansicht sein, zumindest nicht prominente Reporter hätten im Bild nichts verloren, man kann das aber auch anders sehen. Unser Panorama - Die Reporter Beitrag "Die Schwulenheiler" mit einem unbekannten Reporter, der durch persönliche Betroffenheit und glaubwürdiges Auftreten überzeugt, war in der medialen Wirkung und der Zuschauerrezeption ein Riesenerfolg (mehrere parlamentarische Anfragen, ein Dutzend "official selections" auf internationalen Film-Festivals sowie zahlreiche Diskussionen in Universitäten, auf dem Kirchentag und in Kulturzentren).

Ist digitale Verbreitung irrelevant?

Aus der Zeit gefallen erscheint uns daher auch mancher Maßstab zur Messung von Relevanz. Auf Nachfrage, wie er die Bedeutung der politischen Magazine messe, antwortete Bernd Gäbler: anhand des "Abdrucks in Zeitungsartikeln". Er gibt zu, dass die digitalen Verbreitungswege nicht näher berücksichtigt wurden. Dabei ist das  im Jahr 2015 ein durchaus bemerkenswertes Relevanzkriterium.

Christoph Lütgert an einem Schreibtisch

Papierberge: Das ausgedruckte Datenmaterial der "Luxemburg Leaks".

So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass der Panorama Beitrag über die "Luxemburg Leaks", dessen Wert wir wirklich nicht schmälern möchten, von Gäblers Studie als das "Highlight und der absolute Coup des Berichtszeitraums" bezeichnet wird. Denn dieser fand umfangreichen Niederschlag in der "Süddeutschen Zeitung" und vielen weiteren Printmedien. Dass andere Beiträge wie etwa der Pegida-Film in den sozialen Medien rauf und runter diskutiert werden,  entgeht Gäbler dagegen völlig.

Eine Medienwelt von gestern

Auch an Gäblers Bemerkungen zu Recherchekooperationen wird noch einmal deutlich, wie sehr seine Studie in einer "alten" Medienwelt Zuhause ist. Denn die journalistische Leistung eines Beitrags wird laut Gäbler "dadurch
geschmälert, dass man alles, was abends in Monitor zu sehen war, bereits am
Morgen desselben Tages im Magazin der 'Süddeutschen Zeitung' hatte lesen können."

In Zeiten, in denen Menschen morgens noch ausgiebig die
"Süddeutsche Zeitung" lasen und die gleichen Leute sich dann abends vor dem Fernseher versammelten, hätte diese Aussage ihre Berechtigung. Wir glauben allerdings, dass diese Zeiten lange, lange vorbei sind. In Wirklichkeit zählt jedoch angesichts der Vielzahl der Ausspielwege die generelle Wahrnehmbarkeit, die durch crossmediale Verbreitung gestärkt wird.

Alle Themen in drei Monaten?

Der Flüchtling Sabur Azizi steht an einer Kaimauer. Seine Frau und seinen Sohn sind ertrunken. © ARD/NDR

Immer wieder Thema in Panorama: Das Schicksal der Flüchtlinge, die nach Europa kommen.

Wenn man darüber hinaus wirklich messen will, ob die politischen Magazine die relevanten Themen behandeln, kann man seinen Untersuchungszeitraum nicht willkürlich auf drei Monate reduzieren. Hätte man den Zeitraum ausgeweitet, wäre aufgefallen, dass die politischen Magazine - teilweise als einzige - seit Jahren kontinuierlich über Rechtsextremismus, über die Aushöhlung von Arbeitnehmerrechten, Ungerechtigkeiten im Bildungssystem, drohende Altersarmut, den Umgang mit Flüchtlingen durch die EU, harte Abschiebepraktiken in Deutschland, die Entstehung und die Ursachen des Islamismus berichtet haben. Und das übrigens auch dann, wenn Neonazis gerade keine Konjunktur hatten und Flüchtlingsthemen schlechte Quoten bringen.

Da die Magazine logischerweise thematische Abwechslung suchen und brauchen, wäre ein Jahr Beobachtung aus unserer Sicht unerlässlich gewesen. Wieso man dazu nicht in der Lage war (ein paar wissenschaftliche Hilfskräfte mit entsprechenden Auswertungsbögen hätten gereicht), erschließt sich uns nicht. Hätte man sich diesen Gefallen getan, so wäre das Fazit schnell zusammengebrochen, wonach regelmäßige Beiträge zu den wichtigen politischen Themenbereichen NSU, NSA, Ukraine und Digitalisierung fehlten oder zu kurz kämen. Hier finden Sie eine Auflistung nur der wichtigsten Panorama -Beiträge zu den genannten Themen:

Panorama setzt nach wie vor Themen

Gasland - brennender Wasserhahn

Fracking ist umstritten: Panorama zeigte, dass brennende Wasserhähne damit nichts zu tun haben.

Gäbler kritisiert, dass die Magazine zu wenig Themen setzten, sondern Diskursen hinterherliefen. Dabei hat er selbst im Untersuchungszeitraum Panorama Beiträge gefunden, die das Gegenteil belegen: So etwa der erste fundierte TV-Beitrag zur überzogenen Fracking-Phobie, der die gesamte Gesetzgebung im Bundestag seither massiv beeinflußt hat.

Oder die erste umfangreiche TV-Darstellung der Pegida-Positionen oder die sonst vorher fast nie zu hörende, dífferenzierte Sichtweise des Schleuserphänomens.

Aktuell haben wir in einer breit angelegten Serie über verschiedene analoge und digitale Ausspielwege und Plattformen die Flucht eines Syrers begleitet und uns mit der zum Teil verheerenden Situation in Griechenland befasst, während viele führende deutsche Medien das Lied der angeblich "faulen" Griechen singen.

Ein Kommentar im Gewand einer Studie

Gesellschaftlich noch relevantere Themen können wir uns ehrlich gesagt kaum ausdenken. Ob man nun Mitleid mit Betroffenen hat oder nicht, oder wie man Dokumente im Fernsehen am besten darstellt - all dies sind und bleiben weitgehend geschmäcklerische Befindlichkeiten - so lange man sie nicht irgendwie objektiviert.

Da es zu keiner dieser persönlichen Präferenzen eine Referenzgruppe gibt, anhand derer Gäbler seine Eindrücke prüft, wimmelt seine Studie leider von solchen rein subjektiven Bewertungen. Allgemeine Aussagen lassen sich daraus aber mitnichten ableiten. Unserer Auffassung nach wäre "Ein Kommentar zu den politischen Magazinen von Bernd Gäbler" daher ein treffenderer Titel für diese "Studie" gewesen.

Stand: 07.07.15 18:30 Uhr