"Wir müssen in Europa mehr dafür tun, dass die Religionen friedvoll miteinander leben können"

Der Theologe und Medienpädagoge Professor Roland Rosenstock (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald) beschäftigt sich mit der Beziehung von Religion und Medien. Unter anderem ist er als Prüfer für die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen tätig.

Panorama: Herr Professor Rosenstock, viele Muslime in Deutschland verurteilen die Terrorakte von Paris. Sie fühlen sich aber auch verletzt, weil viele Medien in den letzten Wochen Mohammed-Karikaturen veröffentlichten, um ein Zeichen für Meinungsfreiheit zu setzen. Inwieweit können Sie das nachvollziehen?

Roland Rosenstock

Roland Rosenstock fordert eine Rückbesinnung auf eine Verantwortungsethik und Respekt vor den religiösen Gefühlen der Muslime.

Roland Rosenstock: In der islamischen Welt sind die Karikaturen umstritten, weil sie den Propheten Mohammed zeigen und aus dem islamischen Verständnis heraus die Person des Mohammed schmähen. Ich habe Verständnis für die religiösen Gefühle der Muslime. In der Verfassung ist klar geregelt, dass es neben der Pressefreiheit auch eine Kunstfreiheit gibt, aber auch eine Religionsfreiheit. Man darf diese drei Freiheiten nicht gegeneinander ausspielen - sie haben die gleichen Wurzeln, die gleiche Tradition. Man kann nicht einfach sagen, die Meinungsfreiheit hat Vorrang, man muss abwägen. In diesem Fall ist es ja auch in Deutschland geschehen. "Die Zeit" hat genauso wie "Die Welt" entschieden: "Wir drucken nur die Karikaturen, die wichtig sind für unsere Berichtspflicht." Es gibt anerkannte amerikanische Zeitungen wie die "New York Times", die überhaupt keine Karikaturen gedruckt haben, mit der Begründung, dass diese die religiösen Gefühle ihrer Leser verletzen würden. Dafür muss man auch Verständnis haben, denn auch in Deutschland regelt zum Beispiel der Presserat in Ziffer 10, dass die Presse selber darauf achten soll, dass Weltanschauung und Religion nicht geschmäht werden. Ich glaube, dass man hier sehr verantwortlich gehandelt hat in den Redaktionen, die keine oder nicht alle Karikaturen abgedruckt haben.

Panorama: Demzufolge haben zahlreiche Redaktionen in Deutschland aber auch nicht verantwortlich gehandelt.

Rosenstock: Die Presse muss immer darauf achten, dass sie auch Verantwortung für die Folgen einer Veröffentlichung trägt. Diese Form der Verantwortungsethik ist etwas, was wir gesellschaftlich neu diskutieren müssen. In Deutschland haben wir den sogenannten Blasphemie-Paragrafen 166 im Strafgesetzbuch. Da steht, dass die Schmähung der Religion dann unter Strafe gestellt wird, wenn es den öffentlichen Frieden stört. Der Religionsfriede, der Friede zwischen den Religionen, ist Teil des öffentlichen Friedens. Und ich glaube, dass wir uns in Deutschland wieder darüber austauschen müssen: Wo ist die Grenze einer Karikatur? Was sind die Folgen, wenn Zeitungen so etwas drucken? Der öffentliche Friede ist zumindest in Frankreich sehr stark gefährdet. Wir müssen in Europa mehr dafür tun, dass die Religionen friedvoll miteinander zusammenleben können.

Panorama: Was verlangen wir von Muslimen, wenn wir von ihnen ein absolutes Bekenntnis zur Meinungsfreiheit einfordern, nach dem Motto: Das müsst ihr einsehen, auch wenn wir durch die Mohammed-Karikaturen euch und eure Religion beleidigen?

Rosenstock: Ich glaube, dass wir in Deutschland mehr Verständnis dafür entwickeln müssen, dass Religion auch viel mit Kultur zu tun hat und dass in muslimischen Ländern eine andere Menschenrechtstradition vorherrscht als bei uns. Muslimische Länder hatten weder die französische Revolution, noch die russische, noch die amerikanische, noch die deutsche Bürgerbewegung von 1989. Wir haben die Kairoer Erklärung für Menschenrechte von 1990, die klar betont, dass zu den islamischen Menschenrechten auch die Scharia gehört. In Deutschland und auch in Frankreich schaut man sehr stark auf die Rechte des Einzelnen. Das ist auch gut so, das haben wir uns lange erkämpfen müssen, auch gegenüber etablierten Kirchen, auch gegenüber Diktaturen. Aber in den islamischen Ländern ist es häufig so, dass die Rechte der Gruppe oder der Religionsgemeinschaft über die Rechte des Einzelnen gestellt werden. Dafür brauchen wir eine neue Sensibilität. Man kann nicht einfach innerhalb von 24 Stunden seine eigene Kultur hinter sich lassen, sondern hier ist es auch wichtig, zu verstehen, dass dieses, was wir vielleicht als Fremdheit empfinden, für uns auch eine Herausforderung ist, zu einem Verstehen der Religionen aus sich selbst heraus. Wir brauchen eine Achtung vor der Religion, die einen Toleranzgedanken befördert. Dass ich auch Toleranz für das entwickeln kann, was ich nicht selber vertrete, natürlich nur solange es sich um eine gewaltfreie Form des religiösen Lebens handelt.

Panorama: Karikaturen, die das Christentum oder das Judentum zum Thema haben, haben in der Vergangenheit immer wieder für Empörung gesorgt. Inwieweit wird in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen?

Roland Rosenstock

" In Deutschland und auch in Frankreich schaut man sehr stark auf die Rechte des Einzelnen"

Rosenstock: In Deutschland haben wir ja die Tradition nach 1945, dass wir sehr sensibel dafür sind, wie eine religiöse Minderheit wie etwa das Judentum abgebildet wird. Das ist sehr wichtig. In der Nazizeit hatten wir diese unsäglichen Karikaturen im "Stürmer", die gezeigt haben, was Karikaturen auch anrichten. Sie können als Propaganda-Mittel missbraucht werden und dazu führen, dass Menschen anderen einen Stein ins Fenster werfen, dass Menschen andere verprügeln, ja sogar, dass Menschen in Vernichtungslager kommen. Aus der Verantwortung vor der eigenen Geschichte schützen wir das Judentum besonders. Ich halte nichts davon, dass wir diesen Schutz nur einer Religion gegenüber walten lassen. Der Islam etwa hat genau das gleiche Recht, vom Staat vor einem aggressiven Atheismus geschützt zu werden, der nicht das Ziel hat, aufklärerisch zu wirken, sondern vielmehr den anderen verächtlich zu machen und auch verletzen will. Das muss öffentlich sanktioniert werden, denn wir brauchen Respekt vor den religiösen Gefühlen der Muslime genauso wie vor den religiösen Gefühlen der Juden oder auch der Hindus oder der Buddhisten, die bei uns in Europa wohnen.

Panorama: Welche Aufgabe müssen hier die Medien übernehmen?

Rosenstock: Um Grenzen der Meinungsfreiheit zu profilieren, brauchen wir die Grenzüberschreitung. Wir brauchen die aktive öffentliche Auseinandersetzung darüber. Das ist auch das Positive an der Frage, ob man die Mohammed-Karikaturen veröffentlichen sollte oder nicht. Wir haben in Deutschland Schwierigkeiten zu akzentuieren, was heute eigentlich ein religiöses Gefühl ist und wo Religionsgemeinschaften vor Schmähung geschützt werden müssen. Es ist eine ganz wichtige Zukunftsfrage, wie die Religionen zusammenleben. Wir brauchen in unserer Gesellschaft Achtung, Respekt vor dem Anderssein. Das Fremde darf nicht nur als Gefahr dastehen, sondern Fremdheit ist auch immer ein Impuls, etwas Neues zu lernen. Menschen, die aus einem anderen Kulturraum mit anderen Traditionen zu uns kommen, haben auch ein Recht darauf, dass wir lernen, uns mit ihren Augen zu betrachten. Das ist beim Islam nicht so einfach, denn wir haben zu wenig Wissen über den Islam. Hier haben die Medien vor allem die Aufgabe Hintergrundwissen zur Verfügung zu stellen - und nicht immer nur Titelseiten zu produzieren, auf denen der Islam mit Terrorismus in Verbindung gebracht wird. Erst dann wissen wir, wo die Grenzen liegen und wann religiöse Gefühle verletzt sind.

Interview: Robert Bongen

Stand: 29.01.15 13:51 Uhr