13.02.14 | 21:45 Uhr

"Man kann Verbraucher durchaus verunsichern"

von Robert Bongen

Privatdozentin Dr. Gaby-Fleur Böl, Abteilungsleiterin Risikokommunikation im Bundesinstitut für Risikobewertung, über gefühlte und reale Risiken, über Verbraucherverunsicherung und die Notwendigkeit von Aufklärung.

Panorama: Frau Dr. Böl, wovor haben Sie persönlich die größte Angst?

Die steigende Anzahl von Resistenzen gegenüber Antibiotika bereitet mir Sorgen - zu erkranken und nicht adäquat behandelt werden zu können. Hier sollten wir durch sachgerechten Umgang mit Antibiotika bei Mensch und Tier gemeinsam daran arbeiten, dass Medikamente auch weiter ihre Wirksamkeit behalten.

Jeweils eine Zeitschrift der Motorwelt und eine von Stiftungwarentest zum Thema E-Bike.

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Panorama: In einer Studie haben Sie die gefühlten Risiken in der Bevölkerung erforscht. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Dr. Gaby-Fleur Böl

"Auf Platz eins der größten Ängste steht die Angst vor Pflanzenschutzmittelresten in Lebensmitteln. Und auf  Platz eins der Wissenschaftler steht  der Bereich Küchenhygiene."

Dr. Gaby-Fleur Böl: Was typische Angstpotenziale angeht, sind wir Deutschen nicht viel anders als alle anderen Europäer. Es ist leider so, dass die Kluft zwischen dem, was wir als Naturwissenschaftler als wirkliches Risiko ausmachen und messen, und dem, was die Menschen als ein Risiko empfinden, riesig ist. Auf Platz eins der größten Ängste der Bevölkerung steht die Angst vor Pflanzenschutzmittelresten in Lebensmitteln. Und auf  Platz eins der Wissenschaftler steht  der Bereich Küchenhygiene und sogenannte Zoonosen. Dabei geht es um die Sorge vor Erregern, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können, die Sorge vor Salmonellen, Campylobacter, anderen Bakterien oder Viren, z. B. Noroviren aus Lebensmitteln. Hier kann man durch Küchenhygiene sehr vieles besser machen. Wir haben es also mit einer verschobenen Wahrnehmung zu tun. Verbraucher sollten besser darüber informiert werden, wovor sie sich fürchten müssen und wovor eben nicht. Und sie sollten wissen, was sie selbst tun können, um diese Risiken zu reduzieren.

Panorama: Ende vergangenen Jahres hat der BUND ein Video produziert, dass die drastische Botschaft hatte „Pestizide töten“. Was tragen solche Kampagnen zur Verbraucherinformation bei?

Böl: So ein Video führt zu großer Verbraucherverunsicherung. Menschen bekommen den Eindruck, dass man krank davon wird, wenn man ganz normales Obst und Gemüse aus dem Supermarkt oder vom Wochenmarkt isst. Das ist aber keineswegs so. Gerade in Deutschland sind Pflanzenschutzmittel außerordentlich gut untersucht und kontrolliert, und es besteht im Normalfall eben keinerlei Gesundheitsgefahr. Sobald es zu einer Grenzwertüberschreitung kommt, werden solche Waren vom Markt genommen. Deswegen muss man sich keine Sorgen machen. Man sollte sich immer klar machen, wofür Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden: damit Pflanzen beispielsweise weniger Schimmelpilze entwickeln. Davon wird man nämlich wirklich krank.

Panorama: Die Botschaft des Videos war also kontraproduktiv?

Böl: Ja. Wenn man keine Pflanzenschutzmittel benutzt, besteht unter Anderem eine größere Gefahr, dass Lebensmittel auch verschimmeln können. Und wenn Sie Schimmelpilze essen, erhöhen Sie das Risiko, an Leberkrebs zu erkranken. Das ist seit langem wissenschaftlich belegt. Hier ist es angeraten, Verbrauchern klar zu machen, was sie selbst in Küche und Haushalt besser machen können. Nicht nur zum Beispiel den verschimmelten Teil von Lebensmitteln abschneiden, sondern verschimmelte Lebensmittel komplett wegwerfen bzw. durch richtigen Transport und Lagerung dazu beitragen, dass sie erst gar nicht verschimmeln. Das sind wirkliche Gefahren und nicht diese sehr geringen Mengen von Pflanzenschutzmittelresten in Lebensmitteln. Sie können heutzutage ein Stückchen Würfelzucker im Bodensee nachweisen, also kleinste Mengen an Stoffen. Das heißt aber nicht im Umkehrschluss, dass diese winzigen Mengen für Verbraucher gefährlich sind. Die Botschaft lautet also: Überlegen Sie sich bitte bzw. lassen Sie sich durchrechnen, wie viel Sie von bestimmten Lebensmitteln eigentlich täglich aufnehmen müssten, damit Sie sich einem Gesundheitsrisiko aussetzen. Das sind meist erstaunlich hohe, völlig fiktive Mengen.

Panorama: Inwiefern gilt das auch für die "Tox Fox"-App, mit der man checken kann, welche hormonell wirksamen Stoffe sich in Kosmetikprodukten befinden?

Böl: Es ist wichtig zu wissen, ob ein Stoff in einem Produkt steckt oder nicht, aber vor allem auch in welcher Menge. Als Beispiel wurde mit der App ein Lippenstift gescannt. Ergebnis: Nicht benutzen, da sind Parabene drin. Man braucht aber an einem Tag eine Menge von etwa 340 Lippenstiften, die man komplett aufessen müsste, um überhaupt an den Höchstgehalt für einen möglichen gesundheitsschädlichen Effekt zu gelangen. Und das ist Verbrauchern eben nicht bewusst, insbesondere dann, wenn sie vor solchen Dingen einfach nur pauschal gewarnt werden. Parabene, die als Konservierungsmittel eingesetzt werden, sind für Verbraucher sehr gut verträglich. Sie erzeugen kaum Allergien. Sie sorgen dafür, dass Lippenstifte, Cremes und andere Kosmetika nicht verkeimen, dass sich dort keine Bakterien und Viren vermehren können. Wir können froh sein, dass dort solche Stoffe in den angemessenen Mengen, die unserer Gesundheit nicht schaden, enthalten sind.

Panorama: Wir real ist die Gefahr durch Hormone?

Böl: Stoffe, die wie Hormone wirken können, jedoch viel schwächer, findet man keineswegs nur in Kosmetika, sondern in Lebensmitteln wie beispielsweise Bier oder Soja. Als Verbraucher sollte man zunächst wissen, dass hormonähnliche Substanzen nur eine mindestens tausendfach geringere Wirkung haben als ein körpereigenes Hormon. Wir reden also von sehr schwachen Effekten. Es ist ein großer Unterschied, ob in einem Lippenstift oder einer Creme sehr große Mengen enthalten sind oder eben nur geringe. Deshalb ist es wichtig, dass es gesetzlich vorgeschriebene Höchstgehalte gibt. Diese werden im Tierexperiment ermittelt und mindestens mit einem Sicherheitsfaktor von 100 verrechnet, sodass solche Produkte für Menschen sicher sind.

Panorama: Wie kommt es, dass die Menschen vor den falschen Dingen Angst haben?

Böl: Es gibt verschiedene psychologische Mechanismen, nach denen man Risiken einteilt. Und ein Kriterium ist die Frage, ob man ein Risiko kontrollieren kann. Bei Lebensmitteln zum Beispiel hat man den Eindruck, dass man nicht weiß, was vorher in der Kette eventuell passiert ist. In der heimischen Küche jedoch glaubt man, diesbezüglich alles im Griff zu haben und unterschätzt leicht bestimmte Risiken, gerade im Bezug auf Hygiene. Ein komplett unterschätztes Risiko in einem anderen Bereich ist das Risiko beim Autofahren, weil man da ja selbst am Steuer sitzt. Fliegen hingegen wird als hohes Risiko eingestuft, dabei ist es deutlich weniger gefährlich als Autofahren. Kommt es bei Flugzeugen jedoch zu Unfällen, spielt das Kriterium der Schrecklichkeit eines Risikos eine Rolle: je mehr Menschen bei einem Ereignis zu Tode kommen, desto höher ist die Risikowahrnehmung.

Auch die Bekanntheit eines Risikos spielt eine Rolle, deswegen werden Durchfallerkrankungen typischerweise unterschätzt, weil das die Menschen aus dem Alltag kennen und man damit gar nicht unbedingt zum Arzt geht. Und siehe da, im Falle von EHEC gab es nicht nur 4000 teilweise außerordentlich schwer erkrankte Menschen in Deutschland, sondern sogar 53 Tote. Menschen gehen mit dem Kriterium "Bauchgefühl" an Risiken heran und liegen damit leider in nicht wenigen Fällen falsch. Da ist es die Aufgabe von uns allen, Wissenschaft verständlicher zu übersetzen: Wovor sollte man sich wirklich fürchten? Und im gleichen Atemzug zu benennen: Was kann man denn als Verbraucher konkret dagegen tun?

Panorama: Inwieweit wird dieses Bauchgefühl etwa von Umweltschutzverbänden in ihren Kampagnen bedient?

Böl: Man kann Verbraucher durchaus verunsichern, wenn man solche Kampagnen durchführt. Nicht selten erreicht man dann dadurch, dass sich die Menschen von Produkten abwenden und zum Beispiel andere Dinge essen, trinken oder benutzen, die dann eventuell sogar ein größeres Gesundheitsrisiko darstellen. Deswegen ist es für Verbraucher immer wichtig, sich einen möglichst unabhängigen Rat einzuholen. Solche Kampagnen sind oft interessengeleitet, u.a. deshalb weil man als Organisation ggf. auf Spendengelder angewiesen ist.

Panorama: Organisationen wie der BUND argumentieren, dass sie ohne eine gewisse Zuspitzung kein Gehör finden würden.

Böl: Es ist in unserem Staat, in einer repräsentativen Demokratie erlaubt und auch gut so, dass jeder seine Meinung sagen darf. Das dürfen Politiker, das dürfen Wirtschaftsverbände und das dürfen dementsprechend auch Nicht-Regierungsorganisationen. Man sollte sich aber durchaus seiner Verantwortung immer bewusst sein, die man für die Menschen dort draußen hat, insbesondere dann, wenn man von ihnen Spendengelder erhält. Deswegen ist es schade, wenn man durch Kampagnen, die Falschinformationen verbreiten – wissentlich oder unwissentlich – Verbraucher in die Irre führt und so verwirrt, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie essen oder trinken sollen.

Panorama: Inwieweit haben diese Kampagnen zu einer Abstumpfung der Verbraucher geführt, also dazu, dass sie echte Gefahren nicht mehr wahrnehmen?

Böl: Für Verbraucher ist es heutzutage durchaus schwierig zu beurteilen, ob eine konkrete Gefahr besteht, ein Risiko droht oder nicht. Das liegt natürlich auch an der breiten Medienlandschaft. Einige Sachen blendet man aus, die man nicht gerne hören möchte, bei anderen hört man zu, weil man denkt, es seien vertrauenswürdige Quellen. Es wäre also wünschenswert, wenn vertrauenswürdige Multiplikatoren in unserem Land, wie Ärzte, Apotheker, Lehrer oder Erzieher dafür sorgen, dass Wissenschaft für zu Hause übersetzt wird, damit man genau weiß, wann man ein Risiko eingeht durch Produkte, Medikamente, Lebensmittel oder Kosmetika. Den immer größeren Anteil von Verbraucherverunsicherung können wir da gar nicht gebrauchen, insbesondere dann nicht, wenn er ohne Not aufgrund von Kampagnen erzeugt wurde.