"Da kann man eigentlich nur den Kopf schütteln"

Norbert Frei gehört zu den renommiertesten Historikern der Bundesrepublik. Er ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller Universität in Jena und leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Panorama: Herr Professor Frei, Rechtsextremisten sehen in dem von Ihnen herausgegebenen Band "Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-1945" das letzte Puzzlestück, den letzten Beleg dafür, dass die Massenvernichtung der Juden im Dritten Reich so nicht stattgefunden haben kann. Muss die Geschichte des Holocaust umgeschrieben werden?

Norbert Frei

"Wir kennen das von den Holocaust-Leugnern: Das ist eine hochselektive Lektüre. Man liest einfach nur das, was man herauslesen möchte."

Norbert Frei: Es muss ganz bestimmt nichts umgeschrieben werden. Die Geschichte des Holocaust wird seit vielen Jahrzehnten erforscht. Wir haben vor 15 Jahren mit den "Standort- und Kommandanturbefehlen" eine Facette hinzugefügt, die sich insbesondere dazu eignet, den Betrieb des KZ, den Alltag dort aus der Perspektive der Wachmannschaften zu verstehen. Jetzt haben die Rechtsradikalen die Quellenedition entdeckt, aber das nimmt nichts von ihrer Bedeutung und ändert selbstverständlich nichts am Gang der Holocaust-Forschung. Wir kennen das von den Holocaust-Leugnern: Das ist eine hochselektive Lektüre. Man liest einfach nur das, was man herauslesen möchte. Man pickt sich irgendwelche Details heraus und versucht sie zu generalisieren.

Um was handelt es sich bei den Standort- und Kommandanturbefehlen?

Frei: Die Standort- und Kommandanturbefehle muss man verstehen als eine Art Hausmitteilungen der SS. Angesichts dieses riesigen Lagerkomplexes sind die Befehle in beträchtlicher Auflage hektographiert und verteilt worden. Da geht es etwa immer wieder darum, die Wachmannschaften zu disziplinieren angesichts des Ausmaßes an Korruption, an Kleinkriminalität, die auf Seiten der SS in Auschwitz auszumachen war. Dass die SS in ihrem Großverbrechen "anständig" geblieben wäre, ist ja nur eine von Himmler behauptete Mär. Oder es geht um Urlaubsregelungen oder um die Frage, wann und wie nah die Familien an das Lager kommen können, ob die SS-Männer abends abgeholt werden können von ihren Kindern. Alltagsgeschäft eben. Es handelt sich dabei also nicht um eine exklusive Quelle. Wir haben damals die unvollständigen Bestände der Befehle, die in verschiedenen, auch osteuropäischen Archiven lagen, zusammengeführt, um eine möglichst vollständige Dokumentation dieser Befehle zu erstellen.

Die Rechtsextremisten ziehen aus den Befehlen die Erkenntnis, dass Auschwitz kein Vernichtungslager war, sondern ein Arbeitslager.

Norbert Frei

"Die Massenvernichtung war "Geheime Reichssache", und das sollte sie auch bleiben."

Frei: Die Befehle sind dafür natürlich kein Beweis, im Gegenteil: Sie enthalten eine Fülle von mehr oder weniger verdeckten, aber leicht zu entschlüsselnden Hinweisen darauf, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dem Lagerkomplex Auschwitz das Vernichtungslager geworden ist, dass eben in Birkenau auch die Vernichtung stattgefunden hat. Sie müssen sich das so vorstellen: Es handelt sich ja um Dokumente, die an einen großen Verteiler gegangen sind. Da wird man natürlich nicht die Einzelheiten des Holocaust niederlegen. Die Massenvernichtung war "Geheime Reichssache", und das sollte sie auch bleiben. So gibt es unter den Befehlen ein Dokument vom 22. April 1942, in dem explizit größtmögliche Verschwiegenheit, größtmögliche Geheimhaltung gefordert wird, unter Androhung schwerer Strafen. Landesverrat ist dann das Stichwort für alle, die irgendwas von den Vorkommnissen im Konzentrationslager Auschwitz mitteilen würden. Das wurde regelmäßig wiederholt. Also, welche Vorkommnisse sollen das sein, wenn nicht hochkriminelle Verbrechen?

Warum ist in diesen Befehlen von Gaskammern nicht wirklich die Rede?

Frei: Indirekt ist davon die Rede. Ein Beispiel: Angesichts eines Vergiftungsfalls bei einem SS-Mann wurde am 12. August 1942 ein Sonderbefehl von der Kommandantur herausgegeben. Darin wird darauf hingewiesen, dass Zyklon B, also Blausäure, nicht mehr mit so vielen Geruchstoffen versehen sei. Man benutzte es eben nicht mehr nur für Kleiderentlausung, sondern für andere Zwecke, nämlich für die Tötung von Menschen. Besondere Vorsicht sei da erforderlich. Wörtlich heißt es: "Daß insbesondere beim Öffnen der vergasten Räume von SS-Angehörigen ohne Maske wenigstens 5 Stunden hindurch ein Abstand von 15 Metern von der Kammer gewahrt werden muß. Hierbei ist besonders auf die Windrichtung zu achten. Das jetzt verwendete Gas enthält weniger beigesetzte Geruchstoffe und ist daher besonders gefährlich."

Gerne zitiert wird von den Rechtsextremisten ein Befehl vom 14. Februar 1944. Darin heißt es sinngemäß, dass Häftlinge gut behandelt werden müssten, sie sogar frei kommen könnten, wenn sie besonders fleißig seien.

Frei: Man muss sich überlegen, in welcher Phase des Krieges ein sozusagen etwas pfleglicher Umgang mit den arbeitsfähigen Häftlingen betrieben worden ist. Aber es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass man sich um das Wohl der Häftlinge gekümmert hat. Diese Vorstellung ist absurd. Und erst recht erlangte kein Häftling wegen fleißigen Arbeitens die Freiheit.

In einem Befehl vom Dezember 1943 ist von einem Fußappell die Rede, der einmal wöchentlich stattfinden sollte. NPD-Mann Püschel schließt daraus, dass die Häftlinge von sich aus die Füße nicht gewaschen hätten, sonst wäre so eine Anordnung nicht notwendig gewesen.

Frei: Das ist eine sprachlos machende Infamie, wenn man sich vorstellt, wie die Menschen im Lager zusammengepfercht waren. Wenn dann so ein dahergelaufener NPD-Mensch mit solchen Beleidigungen kommt, dann ist das schwer zu ertragen.

Das Buch ist vor 15 Jahren erschienen. Überrascht es Sie, dass die Rechtsextremisten es erst vor Kurzem entdeckt haben?

Norbert Frei

"Das ist eine sprachlos machende Infamie, wenn man sich vorstellt, wie die Menschen im Lager zusammengepfercht waren."

Frei: Es überrascht mich in der Tat, dass die das erst jetzt entdeckt haben. Das Buch ist in einem renommierten Verlag erschienen und in öffentlichen Bibliotheken zu finden. Es gibt sogar eine neue Auflage seit einiger Zeit und es ist selbstverständlich auch rezipiert worden in der Wissenschaft. Also es ist keineswegs "unter der Decke gehalten" worden, wie von den Holocaust-Leugner behauptet.

Immer wieder beziehen sich Rechtsextremisten auch auf Studien angeblich seriöser Wissenschaftler, die den Einsatz von Zyklon B zur Vergasung von Menschen bestreiten. Was ist davon zu halten?

Frei: Diese oft sogar als "Gutachten" titulierten Auskünfte angeblicher naturwissenschaftlicher Experten erweisen sich bei genauerem Hinsehen regelmäßig als bestellte Fabrikationen von Sympathisanten der Holocaust-Leugnung.

Als Nachweis dafür, dass weitaus weniger Menschen in den Konzentrationslagern der Nazis umgebracht worden seien, dient den Auschwitzleugnern die Korrektur auf den Tafeln in der Gedenkstätte Auschwitz. Da war einst die Rede von vier Millionen Opfern. Nach der Wende wurde die Zahl der jüdischen Opfer in Auschwitz um drei Millionen gesenkt - also müsste auch die Gesamtzahl von sechs Millionen jüdischen Opfern entsprechend gesenkt werden. Wie bewerten Sie diese Schlussfolgerung?

Frei: Die Zahl von etwa vier Millionen Opfern kam unmittelbar nach Kriegsende 1945 durch Ermittlungen und Kapazitätsberechnungen einer sowjetischen und einer polnischen Untersuchungskommission zustande, wurde dann von der Staatlichen Gedenkstätte Auschwitz übernommen und bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft nicht korrigiert. Die westliche Forschung kam unter anderem anhand überlieferter Transportlisten allerdings schon seit den sechziger Jahren zu niedrigeren Zahlen. Auf der Basis der verfügbaren Quellen gilt heute eine Mindestzahl von 1,1 Millionen in Auschwitz ermordeter Juden als gesichert; möglicherweise kamen aber allein dort bis zu 1,5 Millionen Menschen um. Seit Öffnung der osteuropäischen Archive in den neunziger Jahren kann die Forschung zur Gesamtzahl der Opfer des Holocaust auf bis dahin unbekannte Quellen zurückgreifen. Die internationale Fachwissenschaft hat inzwischen für einzelne Länder und Teilbereiche des Holocaust sehr genaue Zahlen ermitteln können, ist aber an manchen Stellen immer noch auf Schätzzahlen angewiesen - zum Beispiel auch hinsichtlich der Erschießungsaktionen der SS-Einsatzgruppen. Insgesamt geht man heute von mindestens 5,6 und bis zu 6,3 Millionen Opfern aus.

Für wie gefährlich halten Sie Rechtsextreme wie Hans Püschel oder Ursula Haverbeck, die auf diese Weise den Holocaust in Frage stellen?

Frei: Zunächst ist das natürlich eine Unglaublichkeit gegenüber den Opfern und den Überlebenden. Aber es ist auch unglaublich für unsere heutige Gesellschaft, dass so etwas im Internet und auf Veranstaltungen verbreitet werden kann. Ich kann nur eindringlich sagen, dass die zuständigen Behörden hier wirklich aufpassen müssen. Wenn etwa so eine nette grauhaarige alte Dame mit der ihr eigenen Emphase die Jungen "aufzuklären" versucht, dann ist das ernst zu nehmen. Auch wenn wir als Historiker über solchen Unsinn eigentlich nur den Kopf schütteln.

Interview: Robert Bongen