Drogenfund bei Beck: Scheinheilige Empörung

Ein Kommentar von Matthias Stelte

Kaum war die Nachricht vom Drogenfund beim Grünen Volker Beck in der Welt, ergossen sich Häme und Triumphgeheul, an dessen Spitze sich ohne Frage die Bildzeitung setzte mit der geschmacklosen Gaga-Überschrift "Grüner mit Hitler-Droge erwischt" - eine vermeintlich gelungene Anspielung darauf, dass die Substanz Methamphetamin unter dem Handelsnamen "Pervitin" während des Zweiten Weltkriegs breite Anwendung fand, um die Leistungsfähigkeit der Soldaten zu steigern.

"Schweres Fehlverhalten"

Jenseits irgendwelcher weiteren  Fakten mutiert der Politiker Beck nun zum "Drecks-Junkie", wie es auf der Facebook-Seite des Politikers nachzulesen ist,  oder es heißt: "da zeigt sich, von welch degeneriertem Pack wir vertreten werden." Und auch aus der Politik kommen schnell Reaktionen. Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg im Endspurt seines Wahlkampfes, wirft Beck "schweres Fehlverhalten vor", Grünen-Chef Özdemir begrüßte den schnellen Rückzug Becks von seinen Ämtern.

Volker Beck © Volker Beck Fotograf: Guido Rottmann

Trat zurück, nachdem man 0,6 Gramm einer "betäubungsmittelsuspekten Substanz" bei ihm gefunden hatte: Volker Beck.

Volker Beck sitzt seit 1994 im Bundestag, er hat sich in seiner politischen Karriere immer stark für die Rechte von Minderheiten eingesetzt, er kämpfte besonders für die Rechte von Lesben, Schwulen und Transgender – und trat für eine liberale Drogenpolitik ein. Er war zudem Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentarier-Gruppe des Bundestages.

Um noch einmal zu den Fakten zurückzukehren: Bei Volker Beck wurde eine "betäubungsmittelsuspekte Substanz" gefunden. 0,6 Gramm, eine ziemlich geringe Menge. Hätte er eine Flasche Schnaps dabei gehabt und wäre auch angetrunken gewesen, was wäre passiert? Nichts. Und dennoch tritt Volker Beck zurück, wird an den Pranger gestellt. Weil die 0,6 Gramm, so will es die "Bild" wissen, Crystal Meth sein sollen.

Im Netz finden sich zahlreiche Anspielungen auf die Fernsehserie "Breaking Bad", in der die Droge ja die Hauptrolle spielt. Abseits von Hass und Häme wurde dann auch diskutiert, das Beck nun eine "Meth-Queen" sei, "dieses oder jenes könnte man ja tolerieren, aber Meth, das ist echt bescheuert", heißt es in Facebook-Kommentaren. Manchmal heißt es auch "gute Besserung".

Doppelmoral und Heuchelei

Doch statt sich in Hasstiraden zu ergehen, wäre es schön, wenn wir einmal ernsthaft über den Umgang mit berauschenden Substanzen in der Gesellschaft und im Staat diskutierten würden. Denn es gibt wohl kaum einen Bereich, der mehr von Doppelmoral und Heuchelei geprägt ist, als dieser.

Crystal Meth

Crystal Meth gehört zu der Gruppe der Amphetamine und hat eine leistungssteigernde Wirkung.

Drogen spielen in unserer Gesellschaft eine allgegenwärtige Rolle, sie wurden und werden zu allen Zeiten in allen Gesellschaftsschichten genommen.  Man könnte es als Ironie bezeichnen, dass am gleichen Tag der Drogenbericht 2015 des Internationalen Suchtstoffkontrollrats veröffentlicht wurde. Und der sagt: Fast jeder vierte EU-Bürger hat schon einmal in seinem Leben illegale Drogen probiert. Cannabis, Kokain, Ecstasy, Amphetamine – ein Viertel der EU-Bürger hat damit bereits Erfahrung gesammelt.

Jeder vierte EU-Bürger hat illegale Drogen probiert

Wie weit der Konsum verbreitet ist, zeigt auch der Global Drug Survey, den die "Zeit" im Jahr 2015 durchgeführt hat. 32.000 Menschen haben dort über ihr Konsumverhalten Auskunft gegeben. Auch wenn der Bericht nicht repräsentativ ist, so zeigt er vor allem eins: Viele Menschen nehmen Drogen und gehen damit bewusst um.

Schaut man einmal in den Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung zu den Folgen des Crystal Meth Konsums in Deutschland, findet sich folgende wolkige Aussage: "Im Vergleich zu den vorangegangenen Erhebungen zeigt sich für Gesamtdeutschland zwar noch kein zunehmender Gebrauch von Amphetaminen, doch nimmt der Konsum von Methamphetamin ("Crystal Meth") in der Grenzregion zu Tschechien erheblich zu. 2013 bleiben die erhöhten Sicherstellungs-, Konsum- und Behandlungsdaten beunruhigend. In den Beratungs- und Behandlungseinrichtungen machen die Hilfe suchenden "Crystal"-Konsumierenden zwischen 50 und 70 Prozent der Klientel aus, aber auch in der Notfallmedizin und in der Psychiatrie stellen sie eine erhebliche Herausforderung dar."

Wie gehen wir mit Alkohol um?

Im Gegensatz dazu schreibt die Drogenbeauftragte zum Thema Alkohol: 9,5 Millionen Menschen konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form, 1,3 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig, jährlich sterben 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholmissbrauchs. Kosten für das Gesundheitssystem: 7,4 Milliarden Euro.

Ist nun die Konsequenz daraus, dass wir Alkohol verbieten? Nein, sicherlich nicht, denn abgesehen davon, dass sich so ein Verbot nicht durchsetzen ließe, würden die Menschen mit dem Trinken nicht aufhören. Es reicht ein Blick zurück in die Zeit der Prohibition in den USA. Der Alkohol war verboten, es wurde weiterhin getrunken, Alkohol wurde eben illegal hergestellt und geschmuggelt.  Eine sachliche Diskussion über den Umgang mit Drogen in unserer Gesellschaft ist dringend geboten. Sicher ist eins: Drogen werden genommen, ob sie verboten sind oder nicht.