15.04.12 | 21:45 Uhr

Der Blechtrommler - was ist dran an Grass' Israel-Kritik?

"Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre."

Selten hat ein Gedicht in Deutschland für so viel Aufregung gesorgt wie das neue Werk von Günter Grass. "Was gesagt werden muß" überscheibt der Literaturnobelpreisträger seine Zeilen – und kritisiert mit deutlichen Worten die Politik Israels und die deutschen Waffenlieferung an den Nahoststaat.

Günter Grass © dpa Fotograf: Ulrich Perrey

Günter Grass kritisiert in seinem neuen Gedicht die israelische Politik.

Nur einen Tag nach der Veröffentlichung waren die Zeitungen voller Kommentare, zahlreiche Politiker meldeten sich zu Wort, in Internetforen wurde heftig debattiert und auch an den Küchentischen und am Arbeitsplatz diskutierten die Menschen Grass‘ Worte: Darf man Israel derart kritisieren? Schimmert da eine gewisse Judenfeindlichkeit durch? Was ist dran an den Vorwürfen?

Kritik, Antisemitismus-Vorwürfe, Einreiseverbot – und leise Zustimmung

Überwiegend waren sich Kommentatoren und Politiker einig: Grass sei über das Ziel hinaus geschossen. Auch der Vorwurf des Antisemitismus wurde laut. Grass sei "der Prototyp des gebildeten Antisemiten", schrieb der Publizist Henryk M. Broder. Das Gedicht sei ein "Hasspamphlet", empörte sich der Zentralrat der Juden. Der Text verkenne völlig die Situation, dass ein nach Atomwaffen greifender Iran das Existenzrecht Israels bestreite, erklärte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Doch es gab auch Grass-Verteidiger: "Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden", kommentierte der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck. Auch bei den Ostermärschen solidarisierten sich die Demonstranten mit dem Dichter: "Grass hat Recht", stand auf vielen Plakaten.

Während Deutschland noch eifrig diskutierte, reagierte das kritisierte Israel entschlossen: Am Osterwochenende verhängte Innenminister Eli Jischai ein Einreiseverbot gegen Günter Grass.

Gerechtfertigt oder überzogen? Die Debatte um die deutsch-israelischen Beziehungen, das Grass-Gedicht und die Reaktion Israels ebbt nicht ab. Dürfen Deutsche Israel kritisieren? Wie solidarisch müssen wir vor dem Hintergrund unserer Vergangenheit mit Israel sein? Wo hört Kritik auf und fängt Antisemitismus an? Können Deutsche überhaupt unbefangen an das Thema herangehen?

Diese Fragen diskutierte Günther Jauch am Sonntagabend mit seinen Gästen.