24.11.13 | 21:45 Uhr

Fakten & Hintergründe


Cornelius Gurlitt und der Kunstschatz

Als das Nachrichtenmagazin "FOCUS" am 3. November 2013 seine Titelstory veröffentlicht, ist die Sensation perfekt: Der 80-jährige Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt soll in seiner Münchener Wohnung knapp 1.300 Gemälde, Aquarelle, Lithografien, Drucke und Zeichnungen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts gehortet haben. Die Werke stammen unter anderem von Henri Matisse, Marc Chagall, Max Beckmann, Emil Nolde und Pablo Picasso.

Der spektakuläre Kunstfund sorgt weltweit für Schlagzeilen. Einen Tag nach der Veröffentlichung äußert sich die Bundesregierung zum Kunstschatz und bestätigt damit die Geschichte des "FOCUS": Die Regierung habe "seit mehreren Monaten" von dem sensationellen Fund gewusst, so Regierungssprecher Steffen Seibert.

Staatsanwaltschaft Augsburg

Die Augsburger Staatsanwaltschaft ermittelt seit 2012.

Tatsächlich sind die Behörden dem Kunstschatz schon seit mehr als zwei Jahren auf der Spur: Am 22. September 2010 kontrollierten Zollfahnder Cornelius Gurlitt auf einer Zugfahrt von Zürich nach München. Gurlitt hatte eine größere Geldmenge bei sich, die Fahnder vermuteten ein Steuerdelikt. Im Februar 2012 durchsuchte die Augsburger Staatsanwaltschaft Gurlitts Wohnung in München und fand mehr als 1.000 Kunstwerke, die im Rahmen einer Steuerermittlung beschlagnahmt und in einem Depot eingelagert wurden. Der Fund wurde jedoch geheim gehalten – erst der "FOCUS" brachte die Geschichte an die Öffentlichkeit.

Am 5. November geht die ermittelnde Staatsanwaltschaft Augsburg in die Offensive: Gemeinsam mit der Berliner Kunsthistorikerin Meike Hoffmann, die mit der Begutachtung der Werke beauftragt wurde, gibt sie eine Pressekonferenz, in der erstmals Fotos einiger Kunstwerke gezeigt werden. Bei vielen der gefundenen Werke soll es sich um NS-Raubkunst handeln, erste grobe Schätzungen taxieren die Bilder auf einen Wert von bis zu einer Milliarde Euro. Der leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz sagt, man wolle die Bilder weiter unter Verschluss halten.

Die internationale Kritik an der Verschleierungstaktik der deutschen Behörden wächst: Warum wurde der Fund so lange geheim gehalten? Warum hat man nicht mit voller Kraft daran gearbeitet, die Herkunft der Bilder zu klären, um sie gegebenenfalls den wahren Eigentümern und Erben zurückzugeben? Wieso ist die rechtliche Lage in Deutschland hinsichtlich der von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Kunst so unklar?

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) warnt vor einem Schaden für Deutschlands Ansehen. Am 11. November werden schließlich die ersten 25 Werke auf der Plattform "lostart.de" eingestellt. Eine Taskforce wird eingesetzt – sie soll die Herkunft der Bilder erforschen. Laut Staatsanwaltschaft können 380 Werke der von den Nationalsozialisten sogenannten "entarteten Kunst" zugeordnet werden. Bei 590 Werken müsse überprüft werden, ob es sich bei ihnen um NS-Raubkunst handele – also um Werke, die den rechtmäßigen Eigentümern in der Nazi-Zeit verfolgungsbedingt genommen wurden.

Das Klingelschild an Gurlitts Haustür in Salzburg

Cornelius Gurlitt lebt zurückgezogen.

Am 17. November veröffentlicht das Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" erstmals ein Gespräch mit Cornelius Gurlitt, der bis dato abgetaucht ist. Die Reporterin Özlem Gezer begleitete das "Phantom" auf einer viertägigen Reise. "Freiwillig gebe ich nichts zurück", sagt Gurlitt. Er weist alle Vorwürfe gegen ihn zurück. Die knapp 1.300 Kunstwerke, die in seiner Wohnung sichergestellt wurden, habe sein Vater rechtmäßig erworben. Justiz und Öffentlichkeit stellten "alles falsch dar". Der Staatsanwaltschaft habe er schon ausreichend Belege geliefert, die ihn von jedem Verdacht entlasteten.

Am 19. November gibt die Staatsanwaltschaft bekannt, dem Kunsthändler-Erben Gurlitt zahlreiche Bilder so schnell wie möglich zurückgeben zu wollen. Es handele sich dabei um Kunstwerke, die nicht im Verdacht stehen, NS-Raubkunst zu sein und die "zweifelsfrei im Eigentum des Beschuldigten stehen".


"Entartete Kunst"

Mit dem Propaganda-Begriff "entartete Kunst" bezeichneten die Nationalsozialisten moderne Kunst, die ihrem Kunstverständnis und dem Schönheitsideal widersprach. Dazu zählten vor allem Kunstwerke des Expressionismus, des Dadaismus, des Surrealismus oder des Fauvismus und Kubismus sowie allgemein Werke jüdischer Künstler.

Schon bald nach der Machtübernahme 1933 begannen die Nationalsozialisten mit der Herabwürdigung avantgardistischer Kunst und Künstler. In verschiedenen Städten gab es erste Ausstellungen zur Diffamierung der Moderne, sogenannte "Schreckenskammern". Viele Museen mussten moderne Kunst in Magazine verbannen – damit waren die Werke der Bevölkerung nicht mehr zugänglich.

Im September 1933 gründeten die Nationalsozialisten die Reichskulturkammer, die dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt war und die das gesamte kulturelle Leben kontrollieren sollte. Im Folgejahr wurde der Freibetrag für die Reichsfluchtsteuer auf 50.000 Reichsmark gesenkt – das hieß, dass Emigranten 25 Prozent des Vermögens über 50.000 Reichsmark an den Staat abgegeben mussten. Viele Kunstsammler wurden dadurch gezwungen, Teile ihrer Sammlung zu verkaufen. Besonders jüdische Sammler, die das Land verlassen wollten, mussten ihre Sammlungen veräußern.

Im April 1935 legte die Reichskulturkammer fest, dass Kunstausstellungen künftig von der Kammer genehmigt werden müssten. Juden wurden zunehmend aus der Reichskulturkammer verdrängt, Mitglieder mussten einen "Ariernachweis" erbringen. Bereits 1937 war die "Arisierung" des jüdischen Kunsthandels in Deutschland fast abgeschlossen.

Am 19. Juli 1937 eröffnete in München schließlich die Ausstellung "entartete Kunst", in der Werke moderner Kunst ausgestellt wurde, die zuvor in verschiedenen Museen landesweit beschlagnahmt worden waren. Von da an wurde moderne Kunst noch verschärfter bekämpft. Ab August 1937 gab es eine zweite Beschlagnahmungsaktion, der nahezu die gesamten Museumsbestände moderner Kunst zum Opfer fielen. Fast 20.000 Werke aus 101 Museen und Sammlungen waren betroffen. Auch Leihgaben aus Privatbesitz, die in den Museen ausgestellt waren, fielen darunter.

Im Mai 1938 wurde das "Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" erlassen und damit die Beschlagnahmung des Jahres 1937 nachträglich legalisiert. Im Gesetz heißt es: "Die Erzeugnisse entarteter Kunst, die vor dem Inkrafttreten dieses Gesetzes in Museen oder der Öffentlichkeit zugänglichen Sammlungen sichergestellt […] sind, können ohne Entschädigung zugunsten des Reichs eingezogen werden, soweit sie bei der Sicherstellung im Eigentum von Reichsangehörigen oder inländischen juristischen Personen standen." Das Gesetz erlaubte fortan, beschlagnahmte "entartete Kunst" gegen Devisen oder ältere Kunstwerke zu tauschen.

Der Düsseldorfer Oberbürgermeister Josef Gockeln (CDU, l-r), der Direktor des Kunstvereins Dr. Hildebrand Gurlitt und Dr. und Dr. Paul Kauhausen vom Stadtarchiv 1949.

In der Mitte: Hildebrand Gurlitt 1949, Vater von Cornelius Gurlitt.

Mit den Verkäufen wurden hauptsächlich vier Kunsthändler betraut: Bernhard A. Böhmer, Karl Buchholz, Ferdinand Möller und Hildebrand Gurlitt, der Vater von Cornelius Gurlitt. Zwar war ihnen verboten, "entartete Kunst" im Inland zu verkaufen, doch keiner der Vier hielt sich daran und alle gaben Kunstwerke auch an inländische Sammler ab.

Ab 1938 wurden mit der "Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens" die noch vorhandenen jüdischen Kunstsammlungen systematisch beschlagnahmt und "weiterverwertet". Im März 1939 wurden "unverwertbare Reste" der "entarteten Kunst" im Hof der Hauptfeuerwache in Berlin-Kreuzberg verbrannt. Im Oktober 1940 erließen die Nationalsozialisten die "Anordnung gegen minderwertige Kunsterzeugnisse", wodurch auch moderne Kunst in Galerien und Privatsammlungen beschlagnahmt werden durfte.

Nach Kriegsende haben weder der Alliierte Kontrollrat noch der bundesdeutsche Gesetzgeber das "Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" vom 31. Mai 1938 aufgehoben. Es trat erst 1968 außer Kraft, da es nicht in die Sammlung des Bundesgesetzblattes – also in den Bestand bundesdeutscher Gesetze – aufgenommen wurde.

(Quelle: Kunsthistorisches Institut der FU Berlin; Wikipedia; dpa)


Restitution von Raubkunst

Der Begriff Restitution bedeutet aus juristischer Sicht grundsätzlich die Wiederherstellung einer Rechtslage, wenn sie durch völkerrechtliches Unrecht zerstört wurde. Diese Wiederherstellung kann durch die Rückgabe des geraubten Guts erfolgen oder durch eine Entschädigung, beispielweise in Form von Ausgleichszahlungen. Im Zusammenhang mit NS-Raubkunst meint der Begriff Restitution konkret die Rückgabe von Kunstwerken, die von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 geraubt wurden. Als geraubt gelten sie, wenn es sich um einen "verfolgungsbedingten Verlust" der Werke handelt – betroffen sind daher vor allem Juden und als Juden Verfolgte im damaligen deutschen Reich oder in einem der von der Wehrmacht besetzten Gebiete; sie wurden enteignet oder waren gezwungen, ihre Kunstwerke weit unter Wert zu verkaufen.

"Reiter am Strand" von Max Liebermann

Das Bild "Reiter am Strand" von Max Liebermann wurde in Gurlitts Wohnung gefunden.

Über die Zahl der geraubten Kulturgüter gibt es nur Schätzungen, vermutlich handelt es sich um Hunderttausende. Viele von ihnen wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Depots und in privaten Sammlungen hochrangiger Nationalsozialisten wiedergefunden. Bereits 1947 regelten Gesetze der Alliierten (Militärregierungsgesetz Nr. 59 zur "Rückerstattung feststellbarer Vermögensgegenstände an Opfer der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaßnahmen"), dass geraubte Kunst zurückgegeben werden muss, das 1957 erlassene Bundesrückerstattungsgesetz regelte Schadenersatz. Doch obwohl mittlerweile viele Kunstwerke restituiert wurden, sind zahlreiche Werke bis heute verschollen. In vielen Fällen galten und gelten zudem Verjährungsfristen, über die bis heute allerdings juristische Uneinigkeit herrscht.

1998 unterzeichneten 44 Staaten auf der "Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust" die sogenannte Washingtoner Erklärung mit elf Leitsätzen. Die Unterzeichner – darunter auch Deutschland – verpflichteten sich, in den öffentlichen Beständen nach beschlagnahmten Werken zu suchen und deren rechtmäßige Eigentümer oder Erben aufzuspüren, um schnell eine faire und einvernehmliche Lösung zu finden. Die Vereinbarung ist jedoch nicht rechtlich bindend.

Für die etwa 20.000 Werke der "entarteten Kunst", die die Nationalsozialisten ab 1937 beschlagnahmten, gelten die deutschen Restitutionsregelungen normalerweise nicht. Spätestens seit dem Fund von Gurlitts Kunstschatz wird aber wieder über die rechtlichen Regelungen zu Rückgabe und Schadenersatz von beschlagnahmter und geraubter Kunst diskutiert, zumal andere Länder diesbezüglich klare Regelungen getroffen haben.

Österreich, das bereits 1998 ein Kunstrückgabegesetz erlassen hat, hat eine Vorreiterrolle eingenommen. Wesentliches Element des Gesetzes ist die Pflicht der Museen, alle Erwerbungen von 1933 bis heute systematisch zu durchforsten. Seitdem wurden mehr als 10.000 Kunstgegenstände an die Erben von NS-Opfern zurückgegeben. Eine Kommission befindet über die Rückgabe. 2009 wurde das Gesetz novelliert. Es umfasst nun nicht mehr nur "Kunstgegenstände", sondern auch "sonstiges bewegliches Kulturgut". Außerdem wurde der Anwendungsbereich auf das gesamte einstige Nazi-Reich ausgedehnt. Obendrein ist es nun möglich, auch Kunst zurückzugeben, die einst vordergründig legal erworben wurde.