05.05.13 | 21:45 Uhr

Fakten & Hintergründe


Prechts Thesen zur Schulreform

Prüfungsstress in der Schule © dpa Fotograf: Thomas Kleinschmidt

Prüfungsstress? Laut Precht unnötig.

Philosoph Richard David Precht sieht das deutsche Bildungssystem in einem katastrophalen Zustand. In seinem neuen Buch führt er zahlreiche Mängel und Fehlentwicklungen an, die das Bildungswesen in seinen Augen reformbedürftig machen – und er macht Vorschläge für eine "Bildungsrevolution". Precht nennt zehn Prinzipien, mit denen diese Revolution gelingen soll. Für die Wochenzeitung "Die Zeit" hat Precht seine Prinzipien kurz zusammengefasst.

1. Kinder wollen lernen
Kinder sollten nicht belehrt werden, so Precht, sondern dabei unterstützt werden, selbst etwas zu lernen. Es sei kontraproduktiv, Kinder mit Angeboten zuzuballern – sie müssten sich auch einmal langweilen dürfen, bräuchten aber zugleich Anregung und Unterstützung. Dadurch könne man das natürliche "Lernen wollen" erhalten und fördern.

2. Jedes Kind ist anders
Jedes Kind solle individuell lernen. "Eine gute Schule muss sich nach den Bedürfnissen, den Begabungen und dem Lerntempo eines jungen Menschen richten", schreibt Precht.

3. Vergesst die Fächer
Precht lehnt die klassische Aufteilung von Schulfächern ab und fordert, themenbezogen und fächerübergreifend zu unterrichten – etwa in Projekten: "Zum Beispiel zum Thema 'Klimawandel'. In so einem Projekt könnte der Erdkundelehrer mit dem Physiklehrer die meteorologischen Verhältnisse aufzeigen und der Politiklehrer die Klima-Kriege in der sudanesischen Darfur-Region darlegen, während die Klasse Argumente und Ideen sammelt und austauscht, welche Lösungen es geben könnte – und zwar des Spaßes und der Übung halber auf Englisch."

4. Bildet Lernteams
Precht fordert, spätestens ab dem 7. Schuljahr den typischen Klassenverband aufzulösen, in denen die Schüler nach ihrem Alter zusammengesetzt sind. Wichtiger als das gleiche Alter, so Precht, seien ähnliche Interessen. Laut Precht sollten die Schüler ab einem bestimmten Alter also in an Interessen orientierten „Lernteams“ zusammenkommen – unabhängig von ihrem Alter.

5. Vertieft Beziehungen
Precht sieht einen Nachteil darin, dass Lehrer eine Klasse oft nur ein Schuljahr lang unterrichten. Dadurch könne keine echte Bindung entstehen, der Lehrer wisse zu wenig über die Persönlichkeit seiner Schüler. Precht schlägt daher vor, "Lernhäuser" einzurichten: Bis zur zehnten Klasse gehören Schüler einem Lernhaus an, das kontinuierlich von einem Lernhausleiter betreut und verantwortet wird.

6. Fördert Werte
"Ein bisschen Hogwarts tut jeder Schule gut", schreibt Precht und meint damit die festen Rituale und Bräuche, die die Zauberschüler aus Harry Potter mit 'ihrem Haus' verbinden. Feste Mahlzeiten, regelmäßige Zusammenkünfte – derartige Zeremonien und Bräuche förderten die Gemeinschaft. Precht hält in diesem Zusammenhang auch die Einführung von Schuluniformen für nachdenkenswert.

7. Verschönert die Lernorte
Viele Schulen sähen wie Kasernen oder Krankenhäuser aus, moniert Precht. Sie seien nach den Vorbildern von Verwaltung und Militär gebaut. Für freie Entfaltung und kreative Lernprozesse seien die Schulen – architektonisch – in den wenigsten Fällen geeignet.

8. Trainiert die Konzentration
Gerade in der Zeit von Smartphones, Handys und Twitter sei es wichtig, dass Schüler lernten, sich "vor solchem Aufmerksamkeitsraub zu schützen". Junge Menschen würden heutzutage von unzähligen Reizen überflutet, ständig seien sie erreichbar, ständig piepe irgendwo eine SMS. Das, so Precht, überfordere Kinder. Die Schule müsse Kindern beibringen, sich dem entziehen zu können.

9. Schafft die Noten ab
Eines der aufsehenerregendsten Prinzipien von Precht ist die Abschaffung der Noten. Seiner Ansicht nach ist das Bewerten mit Ziffern längst überholt und gehört nicht mehr in die heutige Zeit. Vielmehr sollten Lehrer ihre Schüler schriftlich beurteilen: "Hat der Schüler an Motivation zugelegt? Ist er interessierter geworden? Wie viele neue Ideen hat er entwickelt?". Im späteren Berufsleben, so Precht, würden persönliche Fähigkeiten schließlich auch mehr zählen als bloße Noten.

10. Lasst ganztägig lernen
Viele Schüler hätten kein motivierendes, fähiges Elternhaus. Daher, so Precht, ist es besser, wenn alle Schüler beispielsweise bis 16 Uhr gemeinsam in der Schule blieben und auch dort ihre Hausaufgaben machten. Wenn dann die Schule aus sei, hätten Schüler und Lehrer tatsächlich frei.


Sitzenbleiben

Das Sitzenbleiben hat in Deutschland Tradition: Wer zu schlechte Noten schreibt und das Klassenziel nicht erreicht, muss eine Ehrenrunde drehen und die Klasse wiederholen. Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts mussten im Schuljahr 2011/2012 insgesamt 155.889 Schüler eine Klasse wiederholen. Jungen drehen demnach häufiger eine Ehrenrunde als Mädchen: 2,2 Prozent der Schüler gegenüber 1,6 Prozent der Schülerinnen wiederholten ein Schuljahr.

Beim Sitzenbleiber-Vergleich zwischen den einzelnen Bundesländern liegt Bayern vorn mit 3 Prozent Klassen-Wiederholern. Auf Platz 2 und 3 folgen Bremen und Berlin. Die geringste Sitzenbleiber-Quote im Schuljahr 2010/2011 verzeichnete Brandenburg mit etwas mehr als 1 Prozent.

Bundesweit ist die Sitzenbleiber-Quote von 2,8 Prozent im Schuljahr 2004/05 auf inzwischen 1,9 Prozent gesunken. Dennoch haben auch 2009 noch 21 Prozent der befragten 15-Jährigen – also jeder Fünfte in dieser Altersgruppe – mindestens einmal eine Klasse wiederholt.

Von Klassenwiederholungen sind laut dem aktuellen Bildungsbericht 2012 überdurchschnittlich viele Kinder mit Migrationshintergrund betroffen. Jugendliche mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil weisen im Alter von 15 Jahren mit 29 Prozent einen etwa doppelt so hohen Anteil an verzögerten Schullaufbahnen auf wie jene ohne Migrationshintergrund (14 Prozent).


Schulsystem Deutschland

Das deutsche Schulsystem unterliegt der föderativen Struktur, das heißt: Die Zuständigkeiten für Gesetzgebung und Verwaltung - die sogenannte Kulturhoheit - liegt bei den Ländern. Jedes der 16 Bundesländer handelt und entscheidet eigenverantwortlich, die konkrete Ausgestaltung des Schulwesens ist folglich in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich. Um die Bildungsaktivitäten der Länder zu koordinieren, gibt es die 'Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland', die sogenannte Kultusministerkonferenz (KMK). Die KMK ist ein freiwilliger Zusammenschluss der zuständigen Landesminister beziehungsweise der zuständigen Senatoren der Stadtstaaten.

Die Schulpflicht für Kinder beginnt in der Regel am 1. August des Jahres, in dem das sechste Lebensjahr bis zum 30. Juni vollendet wurde oder bis Jahresende vollendet wird. Alle Schulkinder beginnen in der Grundschule, der sogenannten Primarstufe. Diese umfasst zumeist die ersten vier Jahrgangsstufen, in Berlin und Brandenburg die ersten sechs Jahrgangsstufen.

Nach der Primarstufe wechseln die Schüler je nach ihren Fähigkeiten und ihrem Bildungsstand in die Sekundarstufe I. Diese umfasst verschiedene allgemeinbildende weiterführende Schulen: Hauptschule, Realschule, verbundene Haupt- und Realschule, Gymnasium oder Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe. Die verbundenen Haupt- und Realschulen heißen in den Bundesländern, in denen sie existieren, wiederum unterschiedlich, zum Beispiel Mittelschule (Sachsen), Oberschule (Brandenburg), erweiterte Realschule (Saarland). Die neuen Bundesländer haben die Hauptschule nicht eingeführt. Einige andere Länder haben sie abgeschafft – jedoch müssen die Bundesländer sicherstellen, dass der Hauptschulabschluss erworben werden kann.

Aufgrund der Unterteilung in verschiedene Schultypen spricht man auch von einem 'gegliederten Schulsystems' in Deutschland. In jedem Bundesland existiert eine andere Zusammenstellung von Schultypen. Neben den genannten Schulformen gibt es auch noch flächendeckend Sonder- und Förderschulen. Auch Privatschulen sind in Deutschland erlaubt und erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Das gegliederte Schulsystem stößt allerdings zunehmend auf Kritik. Gegner bemängeln, dass gegliederte Schulsystem zementiere soziale Ungleichheiten und berücksichtige nicht die Fähigkeiten des Einzelnen.


Bildungsverlierer

Als Bildungsverlierer werden junge Menschen bezeichnet, die keinen Schul- oder Berufsabschluss haben oder aufgrund ihres niedrigen Bildungsniveaus so gut wie chancenlos auf dem Arbeitsmarkt sind. Der Bericht 'Bildung in Deutschland 2012' zeigt, dass von den 20- bis 30-Jährigen in Deutschland 1,5 Millionen keinen Schul- oder Berufsabschluss haben. Jeder fünfte Schüler ist ein schwacher Leser und kann Texte nicht ausreichend verstehen.

Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer warnen schon länger vor den Folgen: Wer keine abgeschlossene Ausbildung habe, schlittere geradezu direkt in die Arbeitslosigkeit. Laut Prognosen wird das Arbeitskräfteangebot von Ungelernten ohne Berufsabschluss in den kommenden 15 Jahren den tatsächlichen Bedarf um mehr als eine Million übersteigen.