12.05.13 | 21:45 Uhr

Fakten & Hintergründe


OECD-Studie

Zum Weltgesundheitstag am 7. April veröffentlichte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine Studie zu Patientenzahlen und Behandlungen in Krankenhäusern. Das Ergebnis: In kaum einem anderen Industrieland werden so viele Patienten in Kliniken versorgt, nirgendwo werden pro Kopf so viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen behandelt und so häufig künstliche Hüften eingesetzt wie hierzulande.

Ein Arzt mit seiner Patientin bei einem Beratungsgespräch. © picture alliance / dpa Themendienst Fotograf: Monique Wüstenhagen

Auf 1.000 Einwohner kommen pro Jahr 240 Behandlungen im Krankenhaus.

Die 'Überversorgung' schlägt sich in den Statistiken der OECD nieder: So gab es etwa pro 1.000 Einwohner 240 Behandlungen im Krankenhaus – 85 mehr als im OECD-Durchschnitt (155 Behandlungsfälle). Zum Vergleich: In den Niederlanden gab es nur 116 Behandlungen pro 1.000 Einwohner, in Spanien nur 102. Bei der Behandlungsanzahl machen uns nur die Österreicher den Spitzenreiterplatz streitig - dort werden 261 Krankenhausbehandlungen pro 1.000 Einwohner durchgeführt.

Auch bei der Anzahl der Klinikbetten pro 1.000 Einwohner liegt Deutschland ganz weit vorn: Hierzulande liegt die Quote bei 8,3 Betten – das bedeutet Platz 3 im internationalen Vergleich hinter Japan und Korea. Der internationale Durchschnitt liegt bei 4,9 Betten.

Die OECD-Studie gibt zudem einen Überblick darüber, wie häufig bestimmte Behandlungen durchgeführt werden. Bei zahlreichen Therapien ist Deutschland Rekordhalter und behandelt pro Kopf etwa doppelt so viele Menschen wie der OECD-Durchschnitt. Dazu gehören Behandlungen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (35,7 pro 1.000 Einwohner), das Einsetzen künstlicher Hüftgelenke (295 pro 100.000 Einwohner) und die Behandlung von Oberschenkelfrakturen und Leistenbrüchen (223 pro 100.000 Einwohner). Auf Platz 2 oder 3 liegt Deutschland im Vergleich bei der Behandlung von Krebserkrankungen, Mandeloperationen, Herz-Bypass-Operationen, Gallen-Operationen und dem Einsetzen von künstlichen Kniegelenken.

Viele Experten und Krankenkassen interpretieren die hohen Behandlungszahlen jedoch nicht als besonders gute medizinische Versorgung, sondern meinen, dass viele Operationen vor allem Geld bringen und deshalb durchgeführt würden. Im Falle einer Rücken-OP sind das beispielsweise im Schnitt 12.000 Euro.


Fallpauschalen & Ökonomisierung von Kliniken

Im Jahr 2004 wurde in Deutschland das System der sogenannten "Fallpauschalen" eingeführt: Jeder Patient, der in ein Krankenhaus kommt, wird als ein Fall betrachtet, für dessen Behandlung die Kliniken eine feste Pauschale bei den Krankenkassen abrechnen. Mit dem DRG-Abrechnungssystem (aus dem Englischen Diagnosis Related Groups = diagnosebezogene Fallgruppe) sollten das Gesundheitssystem transparenter, die Patientenversorgung effizienter und die Kliniken wirtschaftlicher werden.

Eine Hand hält ein Skalpell. © Okapia Fotograf: Jeffrey Telner

Jeder Patient wird als "Fall" abgerechnet.

Wie viel die Klinik für den jeweiligen Patienten-Fall abrechnen kann, ist im DRG-Katalog festgelegt, der jährlich angepasst wird. Mehr als 1.200 Fallpauschalen sind dort festgeschrieben – von der Blinddarm-Operation bis zur Behandlung des Herzinfarkts. Besonders lukrativ für die Kliniken sind Behandlungen, mit denen sie hohe Fallpauschalen erzielen können, wie beispielsweise mit Hüft- oder Kniegelenks-Operationen: Die Kosten für den Einsatz von künstlichen Gelenken sind hoch, die Patienten verlassen die Klinik aber wieder relativ schnell und machen Platz für den nächsten Patienten. Krankenhäuser, die sich auf diese Art von Fallpauschalen spezialisiert haben, können hohe Gewinne erzielen.

Dem neuen System werden jedoch große Nachteile bescheinigt – vor allem zu Lasten der Patienten. Denn: Die vorgesehene Pauschale reicht häufig nicht aus, um den Patienten wieder vollständig genesen zu lassen. Die in den Fallpauschalen eingeplanten Verweilzeiten im Krankenhaus werden zum Teil zu kurz kalkuliert, Komplikationen oder spontan auftretende Nachsorgeaufwände werden teilweise nicht berücksichtigt.

Zwei Ärzte im Operationssaal © picture-alliance/ dpa Fotograf: Stephan Görlich

Seit Einführung der Fallpauschalen steigt die Zahl der Operationen.

Das kann in Einzelfällen zu Auswüchsen wie den sogenannten "blutigen Entlassungen" führen: Um Geld zu sparen, werden noch nicht genesene Patienten mit Operationswunden entlassen, um dann erneut zur Nachsorge aufgenommen zu werden. Oder sie werden möglichst schnell in Reha-Kliniken verlegt – häufig so früh, dass sie nicht an der Krankengymnastik teilnehmen können. Hinzu kommt, dass die Mitarbeiter in Reha-Kliniken nicht dafür ausgebildet sind, die Wundversorgung zu übernehmen. Vor Einführung der Fallpauschalen blieben Patienten nach einer Knie-Operation im Schnitt 17 Tage im Krankenhaus, heute kommen sie bereits nach sieben Tagen in die Reha.

Bis 2004 wurden Patienten außerdem nach Liegezeiten abgerechnet, also nach der Anzahl der Tage, die ein Patient in der Klinik verbrachte. Patienten wurden daher oftmals länger als nötig in der Klinik behalten und behandelt. Mit der Einführung der Fallpauschalen hatte dies – wie geplant – tatsächlich ein Ende und das Ziel der Effizienzsteigerung wurde erfolgreich umgesetzt: Während Patienten 1991 noch durchschnittlich 14 Tage im Krankenhaus lagen, waren es 2011 nur noch 7,7 Tage.


Ausgaben Gesundheitssystem

Laut Statistischem Bundesamt lagen die Ausgaben für das Gesundheitssystem in Deutschland 2011 bei insgesamt 293,8 Milliarden Euro. Umgerechnet waren das etwa 3.590 Euro pro Kopf.

Den größten Anteil an den fast 294 Milliarden Euro hatte die gesetzliche Krankenversicherung. Ihre Ausgaben lagen 2011 bei 168,5 Milliarden Euro - 2,6 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. 27,7 Milliarden Euro der Ausgaben entfielen auf die private Krankenversicherung.

Versichertenkarten verschiedener deutscher Krankenkassen © dpa Fotograf: Oliver Berg

Die gesetzlichen Krankenkassen haben den größten Anteil an den Ausgaben im Gesundheitswesen.

Auf den (teil-)stationären Sektor entfielen 107,4 Milliarden Euro der gesamten Gesundheitskosten. Die wichtigsten (teil-)stationären Einrichtungen waren die Krankenhäuser mit 76,8 Milliarden Euro. Es folgten die Einrichtungen der (teil-)stationären Pflege mit 22,2 Milliarden Euro sowie die Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen, auf die 8,4 Milliarden Euro entfielen.

Die Ausgaben im deutschen Gesundheitssystem steigen seit Jahren stetig an. Im Jahr 1992 lagen sie bei 158,7 Milliarden Euro, 1998 überstiegen sie erstmals die 200-Milliarden-Euro-Grenze mit 201,7 Milliarden Euro. Nimmt man die jährliche Steigerung der vergangenen 20 Jahre als Maßstab, müssten die Kosten im Jahr 2013 erstmals die 300-Milliarden-Euro-Grenze überschreiten.