Fakten & Hintergründe

17.02.13 | 21:45 Uhr

Fakten & Hintergründe


Der Fall Kampusch

Natascha Kampusch ist zehn Jahre alt, als sie am 2. März 1998 auf dem Weg zur Schule in einen Lieferwagen gezerrt und verschleppt wird. Ihr Entführer ist Wolfgang Priklopil, ein arbeitsloser Nachrichtentechniker, der zurückgezogen in einem Einfamilienhaus in Strasshof am Rande Wiens lebt. Er versteckt Kampusch in einem Kellerverlies, das er mit schalldichten Türen gesichert hat. Das kleine Verlies wird acht Jahre lang Kampuschs Gefängnis sein.

Trauriges Mädchen © picture alliance/Bildagentur-online

Mit zehn Jahren wird Natascha Kampusch entführt.

Die Polizei kommt bei der Suche nach der vermissten Natascha nah an den Entführer heran: Sie kontrolliert Hunderte Besitzer von weißen Kleinbussen, unter ihnen auch Priklopil. Doch die Polizei schließt ihn bald aus dem Verdächtigen-Kreis aus. Kampusch wird nicht gefunden.

Die ersten Jahre ihrer achtjährigen Gefangenschaft verbringt Kampusch hauptsächlich im Keller. Nur selten darf sie ins Haus. Später nimmt Priklopil das entführte Mädchen ein paar Mal auch mit zu Einkäufen und Spaziergängen. Kampusch gelingt es jedoch nicht, während dieser Ausflüge zu fliehen: Priklopil hat ihr gedroht, sie und andere Menschen zu töten, wenn sie versuchen sollte, jemanden um Hilfe zu bitten.

Ab ihrem 12. Lebensjahr erlebt Kampusch brutale Gewalt, Misshandlungen und Folter. Nach Kampuschs Aussagen schlägt und tritt Priklopil sie regelmäßig, lässt sie halbnackt putzen, kochen und schwere Renovierungsarbeiten ausführen. Er verweigert ihr Nahrung, sodass sie zwischenzeitlich auf unter 40 Kilo abmagert. Immer wieder bekommt Kampusch Priklopils Wutausbrüche zu spüren und muss sich ihm unterordnen.

Mit 18 Jahren, am 23. August 2006, nutzt Kampusch eine Unachtsamkeit ihres Entführers: Während sie gemeinsam sein Fahrzeug putzen, telefoniert Priklopil mit seinem Handy. Wegen des Staubsaugerlärms entfernt er sich vom Wagen. Kampusch sieht ihre Chance und flieht durch das unverschlossene Gartentor. Sie klopft ans Fenster eines weiter entfernten Nachbarhauses und bittet darum, die Polizei zu rufen. Nach 3096 Tagen ist Natascha Kampusch frei.


Der Fall Erlemann

Johannes Erlemann wird im Alter von elf Jahren entführt. Am späten Nachmittag des 6. März 1981 verlässt er mit dem Fahrrad sein Elternhaus, fährt zu einem Jugendzentrum und spielt am Flipperautomaten. Dort wird er zum letzten Mal gesehen.

Auf dem Heimweg lauern ihm drei Männer auf und zerren ihn von seinem Rad. Sie wollen ihn mit Chloroform betäuben, doch Erlemann stellt sich sofort bewusstlos. Die Entführer verschleppen ihn mit einem Lieferwagen und bringen ihn zu einem Versteck: Ein zwei Meter langer, 1,50 Meter breiter und 1,60 hoher Bretterverschlag ohne Fenster und Strom. Erlemann fühlt sich wie in einem Sarg eingesperrt, weiß oft nicht mehr, welche Tageszeit es ist. Die Entführer ketten Erlemann die meiste Zeit an, damit er nicht fliehen kann. Jeden Tag bringt ihm ein Mann schweigend Tee und Brot, lässt ihn hin und wieder Radio hören und spielt später mit ihm Karten.

Vier Tage später erhalten die Eltern Erlemanns einen Brief mit einer Tonbandkassette. Erlemanns Vater Jochem Erlemann ist eine Kölner Lokalgröße und wohlhabender Geschäftsmann: Er ist der Präsident des Eishockeyclubs "Haie" und Unternehmensberater. Die Entführer fordern drei Millionen D-Mark Lösegeld in gebrauchten Scheinen. Es dauert noch elf Tage, bis es zur Lösegeldübergabe kommt. In der Nacht zum 21. März deponiert Erlemanns Mutter das Geld in einem Holzkasten im Dünnwalder Wildpark. Die Entführer nehmen das Geld, entkommen und lassen Erlemann frei. Kurze Zeit später werden sie gefasst und verhaftet.


Der Fall Hellwig

Im Oktober 2010 reist "Bild am Sonntag"-Reporter Marcus Hellwig gemeinsam mit dem Fotografen Jens Koch in den Iran. Die beiden haben ein Touristenvisum und wollen vor Ort in einem Aufsehen erregenden Fall recherchieren: 2006 war Sakine Aschtiani im Zusammenhang mit der Ermordung ihres Mannes wegen angeblichen Ehebruchs zu 99 Peitschenhieben verurteilt. Kurze Zeit später wurde die Strafe verschärft – Aschtiani wurde zum Tode durch Steinigung verurteilt. Ihre Kinder starteten daraufhin eine große Kampagne, um ihre Mutter zu retten. Der Fall ging um die Welt.

Mit einem der Kinder treffen sich die beiden Deutschen in der Kanzlei des Anwalts der Familie. Was sie nicht wissen: Sie werden dort vom Geheimdienst abgehört. Weil sie keine gültige journalistische Akkreditierung haben, werden Hellwig und Koch noch in der Kanzlei festgenommen und in ein iranisches Gefängnis in Täbris gebracht. Zunächst werden sie getrennt untergebracht, später sind sie gemeinsam in einer Zelle.

Hellwig wird zunächst in eine kleine Einzelzelle gesperrt, in der rund um die Uhr helles Licht brennt. Später kommt er in eine Drei-Mann-Zelle. Auch hier gibt es kein Waschbecken, kein WC, nur nackte Wände. Die Luft ist stickig. Mehrmals täglich dürfen die Gefangenen die Toilette benutzen – allerdings nur unter Aufsicht und mit verbundenen Augen. Aus Nachbarzellen hört Hellwig regelmäßig die Schreie anderer Gefangener, die offenbar gefoltert werden.

Auch Hellwig kann den Foltermethoden nicht entgehen. In Verhören wird er geschlagen, muss teilweise stundenlang still an einer Wand stehen. Er fühlt sich völlig ausgeliefert und weiß nicht, ob er das Gefängnis lebend verlassen wird. Man setzt ihn unter Druck, wirft ihm vor, ein Spion zu sein.

Nach fast fünf Monaten in Haft werden Hellwig und Koch entlassen. Sie fliegen gemeinsam mit Außenminister Guido Westerwelle zurück nach Deutschland.


Stockholm-Syndrom

Das Stockholm-Syndrom ist ein psychologisches Phänomen, das bei Entführungen oder Geiselnahmen auftreten kann und bei dem das Opfer echte positive Empfindungen gegenüber dem Täter aufbaut.

Der Name "Stockholm-Syndrom" ist auf einen Banküberfall in der schwedischen Hauptstadt Stockholm im Jahre 1973 zurückzuführen: 131 Stunden lang befanden sich vier Bankangestellte in der Geiselhaft eines mehrfach vorbestraften Bankräubers. Dieser hatte sich mit seinen Geiseln im Tresorraum der Bank verschanzt und forderte neben einer Geldsumme im Austausch gegen die Geiseln auch die Freilassung eines früheren Zellengenossen. Obwohl der Geiselnehmer drohte, die vier Bankangestellten zu erschießen, zeigten sich die Geiseln während der Geiselhaft eher ängstlich gegenüber der Polizei als gegenüber dem Geiselnehmer. Nachdem die Geiselnahme unblutig beendet worden war, baten die Geiseln sogar um eine mildere Bestrafung für den Täter und besuchten ihn sogar im Gefängnis – sie hatten eine positive Beziehung zu ihm aufgebaut.

Nicht jede Geisel oder entführte Person, die gegenüber dem Täter positiv empfindet oder sich ihm unterordnet, hat automatisch das Stockholm-Syndrom. Häufig ist dieses Verhalten auch einfach eine der Situation angemessene rationale Reaktion, um zu überleben. Vom Stockholm-Syndrom ist in der Regel nur dann die Rede, wenn sich mehrere Symptome einstellen, also beispielsweise die positive Beziehung zum Täter bei zeitgleicher Entwicklung negativer Emotionen gegenüber der Polizei. Erst, wenn das Opfer sich mit den Werten des Täters wirklich identifiziert und sein eigenes Wertesystem aufgibt, hat das Opfer das Stockholm-Syndrom entwickelt.