03.02.13 | 21:45 Uhr

Fakten & Hintergründe


Katholiken und Protestanten in Deutschland

Katholische Prozession © picture-alliance / Godong

24,6 Millionen Menschen sind Mitglied der katholischen Kirche.

Etwa zwei Drittel der rund 81 Millionen Einwohner Deutschlands gehören dem christlichen Glauben an: Laut Jahrbuch des Statistischen Bundesamts waren 2010 gut 24,6 Millionen Menschen Mitglied der katholischen Kirche (Katholiken) und 23,9 Millionen Menschen Mitglied der evangelischen Kirche (Protestanten). Hinzu kommen noch Gläubige der evangelischen Freikirchen, orthodoxer Kirchen und anderer christlicher Kirchen. Etwa 39 Prozent der Bevölkerung sind nicht christlich gebunden sondern konfessionslos oder andersgläubig.

Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche haben seit Jahren mit Mitgliederschwund zu kämpfen. Die evangelische Kirche hat zwischen 2007 und 2010 knapp eine Million Mitglieder verloren, 600.000 von ihnen haben sich bewusst für einen Kirchenaustritt entschieden. Im gleichen Zeitraum hat die katholische Kirche mehr als 800.000 Mitglieder verloren – 520.000 durch Kirchenaustritt.

Ein Großteil der Katholiken und Protestanten in Deutschland ist schon im Alter von wenigen Monaten Kirchenmitglied geworden: Durch das heilige Sakrament der Taufe werden Säuglinge Teil der christlichen Gemeinschaft und Mitglied der jeweiligen katholischen oder evangelischen Kirche. Doch auch Erwachsene können sich noch taufen lassen, um Christ zu werden und einer der christlichen Kirchen beizutreten.


Kirchensteuer

In Deutschland können Kirchen unter bestimmten Voraussetzungen eine Kirchensteuer erheben. Gesetzliche Grundlage für dieses Recht ist der Artikel 140 Grundgesetz, der noch auf Gesetzen der Weimarer Reichsverfassung von 1919 beruht: "[…] Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben." Bemessungsgrundlage ist meist die Einkommensteuer beziehungsweise die Lohnsteuer.

Formulare für eine Steuererklärung © dpa Fotograf: Kitty Kleist-Heinrich/TSP

Die Kirchensteuer wird von den Finanzämtern eingeholt.

Um die Steuern zu erheben, können die Kirchen auf staatliche Strukturen zurückgreifen. Da das Kirchensteuerrecht Ländersache ist, sind die jeweiligen Finanzämter für das Einziehen der Steuer zuständig. Eine Ausnahme gibt es in Bayern, in denen eigene Kirchensteuerämter existieren. Über die Art der Besteuerung können die Kirchen selbst entscheiden, ebenso über die Höhe, die sie in Kirchensteuerbeschlüssen festlegen. Diese muss dann staatlich genehmigt werden.

Der derzeitige Kirchensteuersatz liegt zwischen acht Prozent (Bayern, Baden-Württemberg) und neun Prozent (übrige Bundesländer) der Einkommensteuer. Neben den Gliedkirchen der evangelischen Kirche (Kürzel ev) und den Bistümern der römisch-katholischen Kirche (Kürzel rk) ziehen auch andere Kirchen und Religionsgemeinschaften Steuern mithilfe des Staates ein, zum Beispiel jüdische Gemeinden.

Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2010 für die katholische Kirche 4,9 Milliarden Euro und für die evangelische Kirche 4,4 Milliarden Euro Kirchensteuer eingenommen. Einen Großteil der Steuereinnahmen verwenden die Kirchen für die Bezahlung des eigenen Personals. Ein Teil fließt auch in öffentliche soziale Projekte wie beispielsweise Kindergärten. Anders ist es bei kirchlichen Krankenhäusern: Diese werden nicht durch die Kirchensteuer finanziert, sondern durch öffentliche Steuermittel, Krankenkassen und Sozialversicherungsträger.


Arbeitgeber Kirche

In Deutschland arbeiten etwa 1,3 Millionen Menschen für die katholische oder evangelische Kirche beziehungsweise deren Einrichtungen. Damit sind die beiden großen christlichen Kirchen nach dem öffentlichen Dienst der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland.

Ein Erzbischof trägt ein Kreuz über dem Bischofsgewand. © AP/dapd Fotograf: Jörg Sarbach

Nicht nur Bischöfe stehen im Dienste der Kirche.

Zum Eigentum der Kirchen gehören rund 50.000 Unternehmen in unterschiedlichsten Branchen: Krankenhäuser, Pflegeheime, Kindergärten und Schulen gehören ebenso zum "Konzern Kirche" wie Radiosender, Verlage, Banken und Versicherungen oder internationale Hilfsorganisationen. Allein für die beiden Wohlfahrtsverbände der beiden Kirchen – Caritas (katholisch) und Diakonisches Werk (evangelisch) – sind etwa eine halbe Million Mitarbeiter tätig. Die wenigsten der 1,3 Millionen kirchlichen Angestellten sind also Priester, Diakone oder Pfarrer.

Laut der Publikation "Wirtschaftsimperium Kirche – der mächtigste Konzern Deutschlands" erwirtschafteten die beiden großen Kirchen im Jahr 2005 einen Umsatz von 125 Milliarden Euro und verwalten ein Vermögen von 500 Milliarden Euro. Stimmen die Umsatzzahlen, spielt die Kirche in der Liga der deutschen Großkonzerne – Volkswagen verzeichnete im Jahr 2010 einen ähnlichen Umsatz. Da die Kirchen keine wirtschaftlichen Kennzahlen veröffentlichen, gibt es aber nur wenige konkrete Zahlen über die Kirche als Wirtschaftskraft. (Quelle: Bundesagentur für Arbeit)


Kirchenarbeitsrecht

Für Mitarbeiter von Kirchen oder kirchennahen Organisationen gelten in Deutschland besondere Arbeitsrechte, die sich von denen sonstiger Arbeitnehmer signifikant unterscheiden. Dass die Kirche Sonderrechte hat, liegt historisch begründet im Artikel 140 Grundgesetz, welcher auf Artikeln der Weimarer Reichsverfassung von 1919 beruht. "[…] Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde."

Justitia vor Paragraphen. © imago Fotograf: Ralph Peters, imago/CTK Photo

Die Artikel zum Sonderrecht der Kirchen im Grundgesetz stammen noch aus Zeiten der Weimarer Republik.

Aus diesem Absatz ergibt sich ein kirchliches Selbstbestimmungs- und Verwaltungsrecht, das insbesondere die großen Kirchen voll ausüben. So müssen Angestellte und Mitarbeiter in den meisten Fällen die Glaubens- und Moralvorstellungen der katholischen oder evangelischen Kirche teilen, für die sie tätig sind. Verstößt ein Mitarbeiter gegen diese, kann dies ein Kündigungsgrund sein.

Zudem gibt es in Kirchen und kirchlichen Einrichtungen meist keinen Betriebs- oder Personalrat, der die Interessen der Angestellten vertritt, sondern eine Mitarbeitervertretung. Viele kirchliche Einrichtungen und die Kirche selbst verwehren ihren Mitarbeitern auch das Recht zu streiken, da dies unvereinbar mit dem religiös fundierten Auftrag am Nächsten sei. Auch können Mitarbeiter von Kirchen nicht auf in Tarifverträgen geregelte Arbeitsbedingungen oder Löhne hoffen – Tarifverträge für Mitarbeiter sind in vielen kirchennahen Einrichtungen nicht die Regel.


Vergewaltigungsfall in Köln

Der mutmaßliche Vergewaltigungsfall einer jungen Frau, der derzeit für Aufsehen sorgt und die Diskussion um die katholische Kirche neu anheizt, ereignete sich schon vor einigen Wochen: Mitte Dezember 2012 kam eine 25-jährige Frau zum KV Notdienstes Köln-Nord e.V. Sie war kurz zuvor auf einer Parkbank aufgewacht und konnte sich an nichts erinnern.

Die behandelnde Notärztin Irmgard Maiworm ging davon aus, dass die Frau mit K.o.-Tropfen betäubt und möglicherweise vergewaltigt worden sei. Maiworm rief die Polizei, die den Fall zu Protokoll nahm. Bevor sich das Opfer zwecks Spurensicherung einer gynäkologischen Untersuchung unterziehen sollte, besprach die Ärztin die Folgen einer möglichen Vergewaltigung mit der jungen Frau und verschrieb ihr die "Pille danach".

Unterdessen rief ein Mitarbeiter des Notdienstes im benachbarten katholischen Klinikum St. Vinzenz an, um die Frau für die notwendige gynäkologische Untersuchung anzumelden. Die diensthabende Ärztin lehnte jedoch die Aufnahme der vergewaltigten Frau ab. Begründung: Die Untersuchung der jungen Frau sei nicht möglich, weil Arzt und Patientin über eine ungewollte Schwangerschaft, einen möglichen Schwangerschaftsabbruch und die "Pille danach" sprechen müssten. Ein derartiges Gespräch sei mit dem katholischen Gedankengut nicht vereinbar. Auch eine zweite Klinik in katholischer Trägerschaft, das Heilig-Geist-Krankenhaus, lehnte die Patienten mit gleicher Begründung ab.

Seitdem der Fall öffentlich wurde, ist eine Debatte um die katholische Kirche als Arbeitgeber entbrannt. Darf die Kirche eine Frau in Not ablehnen, weil ihre Behandlung beziehungsweise ein Arzt-Patienten-Gespräch den Moralvorstellungen der Kirche widerspricht?