Fakten & Hintergründe

13.01.13 | 21:45 Uhr

Fakten & Hintergründe


Das Projekt Großstadtflughafen

Nach dem Fall der Mauer waren sich Berliner Senat und Bund schnell einig: Die Region braucht einen Großflughafen. Zunächst war unklar, ob der bestehende Flughafen Schönefeld ausgeweitet oder ein gänzlich neuer Standort gefunden werden sollte. 1996 fiel dann die Entscheidung für Schönefeld, 2004 gab es die offizielle Genehmigung für den Bau des Mega-Airports Berlin Brandenburg BER. Tausende Anwohner reichten aus Angst vor Fluglärm Klagen gegen das Großprojekt ein, scheiterten jedoch vor Gericht.

Wegweiser zum Flughafen BBI © dapd Fotograf: Steffi Loos

Das Hinweisschild gibt es bereits - nur den fertigen Flughafen noch nicht.

Ursprünglich plante man, den Flughafen unter der Regie privater Unternehmen bauen zu lassen. Als dieses Vorhaben scheiterte, wurde das Projekt BER in öffentliche Hand gelegt. Die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH – bestehend aus dem Land Brandenburg, dem Land Berlin und dem Bund – übernahm die Verantwortung für den Flughafen-Bau. Der erste Spatenstich in Schönefeld erfolgte 2006, zwei Jahre später gab es den Spatenstich für das Flughafen-Terminal. Auch der Eröffnungstermin wurde festgelegt: Im November 2011 sollte der erste Flieger abheben.

Bis heute ist der Flughafen jedoch nicht fertiggestellt und der Eröffnungstermin mehrfach verschoben worden. Nach aktuellem Stand sollen die ersten Flugzeuge nun frühestens 2014 starten.

Der Flughafen Berlin Brandenburg trägt den Namen "Willy Brandt" und soll nach seiner Fertigstellung jährlich 27 Millionen Passagiere abfertigen. Er wäre dann nach München (50 Millionen Passagiere) und Frankfurt (65 Millionen Passagiere) der drittgrößte Flughafen in Deutschland, verfügt im Gegensatz zu den beiden Großflughäfen jedoch nur über einen Terminal. Nach Inbetriebnahme soll der BER die beiden bestehenden Flughäfen in der Region – Schönefeld und Tegel – ersetzen. Der Berliner Stadtflughafen Tempelhof wurde bereits 2008 geschlossen.

Das Gelände für den Flughafen liegt an der südöstlichen Grenze Berlins in Brandenburg. Die Gesamtkosten für den Bau des Mega-Airports waren ursprünglich mit maximal 2,8 Milliarden Euro beziffert. Mittlerweile liegt das Budget bei 4,3 Milliarden Euro.


Die Flughafen-Verantwortlichen

Die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB) ist als Bauherrin für die Entstehung des Willy-Brandt-Flughafens Berlin Brandenburg zuständig. Sie ist momentan auch Betreiberin der beiden Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld.

Die FBB setzt sich aus drei Gesellschaftern zusammen: Das Land Berlin (37 Prozent), das Land Brandenburg (37 Prozent) und der Bund (26 Prozent). Die Leitung der Flughafengesellschaft haben derzeit Flughafenmanager Rainer Schwarz als Sprecher der Geschäftsführung und Technikgeschäftsführer Horst Amann inne. Schwarz wird aufgrund zahlreicher Pannen beim Flughafenbau voraussichtlich Mitte Januar 2013 sein Amt abgeben müssen. Bauingenieur Amann ist erst im Sommer 2012 vom Frankfurter Flughafen nach Berlin geholt worden, um als erfahrener Technikmanager den Flughafenbau engagiert voranzutreiben.

Klaus Wowereit und Matthias Platzeck © dapd Fotograf: Steffi Loos

Sitzen im Aufsichtsrat: Klaus Wowereit und Matthias Platzeck.

Kontrolliert wird die Arbeit der Geschäftsführung vom FBB-Aufsichtsrat. Dieser setzt sich zusammen aus Mitgliedern der drei Gesellschafter: Für das Land Berlin sitzen unter anderem der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und Innensenator Frank Henkel im Aufsichtsrat, Brandenburg wird unter anderem durch Ministerpräsident Matthias Platzeck vertreten. Für die Bundesregierung sitzen die Staatssekretäre Rainer Bomba und Werner Gatzer im Aufsichtsrat. Aufsichtsratsvorsitzender war bis vor kurzem Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit. Aufgrund der abermaligen Verschiebung der Flughafeneröffnung hat Wowereit aber am 7. Januar diesen Posten abgegeben.


Pannen beim BER-Bau

Seit September 2006 wird am neuen Hauptstadtflughafen in Berlins südlichem Grenzgebiet gebaut. Innerhalb von fünf Jahren sollte das Großprojekt nach damaligem Stand fertiggestellt werden, die Eröffnung wurde auf November 2011 datiert.

Doch es kam bald zu ersten Verzögerungen. Die Flächen für Verkaufs- und Gastronomieräume sollten verändert werden, mehr Flugsteige wurden geplant und zahlreiche weitere Änderungen in Auftrag gegeben. Die auf den ersten Blick nur kleinen Änderungen und Erweiterungen summierten sich. Der Flughafengesellschaft wurde klar, dass der Termin nicht zu halten war – im Juni 2010 wird die Eröffnung von 2011 auf den 3. Juni 2012 verschoben. Die offizielle Begründung: strengere Sicherheitsanforderungen durch die Europäische Union.

Klaus Wowereit © dapd Fotograf: Timur Emek

"Die Eröffnung wird verschoben": Klaus Wowereit musste diese Ankündigung bereits vier Mal aussprechen.

Doch im Mai 2012, knapp vier Wochen vor der geplanten Eröffnung, kam die Hiobsbotschaft. Die Eröffnung müsse kurzfristig abgesagt werden, der 3. Juni sei nicht haltbar. Als Grund nannten die Verantwortlichen – namentlich Berlins Bürgermeister und Aufsichtsratschef Klaus Wowereit sowie Flughafengeschäftsführer Rainer Schwarz – die noch nicht einsatzbereiten Brandschutzsysteme.

Die Ankündigung löste eine Welle der Empörung aus. Von der Unfähigkeit der Politiker war die Rede. In den Medien las man nicht mehr vom Prestigeprojekt, sondern nur noch vom "Pannenflughafen". Es wurde offenbar, dass die verantwortlichen Politiker im Aufsichtsrat ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen waren. Dabei hatte es unzählige Hinweise darauf gegeben, dass es noch erhebliche Mängel auf der Baustelle gibt. Der Hauptstadtflughafen wurde über Nacht zum bundesweiten Gespött.

Nachdem die Flughafengesellschaft noch im Sommer 2012 die Architekten entlassen hatte, kam es zunächst zu einem teilweisen Baustopp in Schönefeld. Die Bauherren nannten zunächst März 2013 als Eröffnungstermin, dann den Oktober 2013. Als schließlich am 6. Januar 2013 bekannt wurde, dass die Eröffnung zum vierten Mal verschoben wird, musste die Flughafengesellschaft Konsequenzen ziehen: Klaus Wowereit trat als Aufsichtsratschef zurück, Geschäftsführer Rainer Schwarz wird ebenfalls sein Amt verlieren.

Seitdem macht sich die ganze Welt über den Pannenflughafen lustig. Fast täglich werden neue Mängel bekannt. So wurde offenbar vergessen, eine Rettungsstelle einzurichten, in der kranke Passagiere versorgt werden können. Zudem soll an zahlreichen Stellen gegen die Baugenehmigung verstoßen worden sein. Um alle Mängel erfassen zu können, müssen möglicherweise Decken und Wände wieder aufgerissen werden. Auch die komplexe Brandschutzanlage mache weiterhin Probleme, die einzelnen Module funktionierten nicht miteinander. Laut neuesten Meldungen seien auch 1.000 Bäume rund um das Flughafengebäude falsch gepflanzt worden. Und damit die bereits installierte Technik wie Check-In-Schalter und Gepäckbänder nicht einrosten, müssen sie regelmäßig im "Geisterbetrieb" aktiviert werden.


Personelle Konsequenzen der Pannenserie

Mit den zahlreichen Verschiebungen des BER-Eröffnungstermins ist der "Pannenflughafen" Willy Brandt zum öffentlichen Gespött geworden. Die lange Pannenserie ist nicht ohne Konsequenzen geblieben – seit der kurzfristigen Eröffnungsabsage. Mitte 2012 mussten schon einige Beteiligte ihren Hut nehmen.

Zunächst wurden Ende Mai 2012 dem Planungschef sowie den zuständigen Architekten gekündigt. Um neue Struktur in den Flughafenbau zu bekommen, holte man den Flughafen-erfahrenen Bauingenieur Horst Amann nach Berlin und machte ihn innerhalb der Flughafengesellschaft zum Geschäftsführer Technik.

Rainer Schwarz © dapd Fotograf: Klaus-Dieter Gabbert

Geschäftsführer Rainer Schwarz wird seinen Posten verlieren.

Nachdem am 6. Januar 2013 der Eröffnungstermin zum vierten Mal verschoben werden musste, stand fest: Es muss weitere personelle Veränderungen geben. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit trat am 7. Januar vor die Kameras und gab seinen Rückzug vom Amt des Aufsichtsratschefs bekannt. Der Opposition reichte dieser Schritt jedoch nicht aus. Sie stellte im Berliner Senat ein Misstrauensantrag gegen Wowereit und fordert seinen Rücktritt auch vom Amt des Regierenden Bürgermeisters.

Den Posten im Aufsichtsrat will Wowereit nun an Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck übergeben. Doch kritische Stimmen warnen vor diesem Postenwechsel: Platzeck habe bisher ja auch nicht das Desaster verhindert, obwohl er im Aufsichtsrat gewesen sei. Zudem sei grundsätzlich über die Frage zu diskutieren, ob Politiker überhaupt in Aufsichtsräten sitzen sollten. Der Fall BER habe wieder einmal gezeigt: Politikern fehle Übersicht und Erfahrung bei der Umsetzung von Großprojekten.

Auf der vorgezogenen FBB-Sitzung am 16. Januar wird zudem aller Voraussicht ein weiterer Kopf rollen: Geschäftsführer Rainer Schwarz soll seines Amtes enthoben werden. Als Chef der Flughafengesellschaft ist er nach der Pannenserie nicht mehr im Amt zu halten.

Wiederholungen

Mo, 27.10.2014 | 03:15 Uhr Das Erste

Mo, 27.10.2014 | 09:30 Uhr Phoenix

Mo, 27.10.2014 | 20:15 Uhr tagesschau24

Di, 28.10.2014 | 0:50 Uhr NDR

Di, 28.10.2014 | 01:55 Uhr MDR