10.06.12 | 21:45 Uhr

Fakten & Hintergründe


Kriegstrauma/PTBS

Das Posttraumatische Belastungssyndrom (PTBS) ist eine schwere und lähmende Stressreaktion des menschlichen Körpers auf traumatische Erlebnisse wie Krieg, Entführung, Tod oder Mobbing. Laut Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation WHO handelt es sich bei PTBS eine "nachhaltige Erregbarkeitsstörung in Form einer krankhaften Unfähigkeit zur Erregungsmodulation", die zur Berufsunfähigkeit führen kann. PTBS ist vielen Menschen vor allem im Zusammenhang mit aus Auslandseinsätzen zurückkehrenden Soldaten ein Begriff.

Bundeswehrsoldat der ISAF-Truppe in Afghanistan © ddp mecom Fotograf: Michael Kappeler

PTBS ist vielen Menschen vor allem im Zusammenhang mit aus Auslandseinsätzen zurückkehrenden Soldaten ein Begriff.

PTBS tritt häufig zeitverzögert auf, die Symptome machen sich teilweise erst Monate nach dem auslösenden Ereignis bemerkbar. Die Traumatisierten leiden unter Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Albträumen, Aggressivität, Panikattacken oder Schuld- und Schamgefühlen. Viele PTBS-Erkrankte erleben das traumatisierende Geschehen immer und immer wieder, beispielsweise in nächtlichen Träumen oder bei plötzlich auftretenden Situationen im Alltag. In diesem Zusammenhang spricht man auch von "Flashbacks": Gerüche, Geräusche, Personen oder Bilder lösen als sogenannte Trigger eine körperliche Reaktion aus, die traumatisierende Situation wird unwillkürlich nacherlebt.

Bei optimaler Behandlung können viele PTBS-Patienten geheilt werden. Bei manchen haben sich die Ereignisse derart tief in die Seele gegraben, dass sie nicht vollständig geheilt werden, aber den Umgang mit ihrer Krankheit erlernen können.


Traumatisierte Soldaten in Deutschland

Seit 1990 entsendet die Bundeswehr Soldatinnen und Soldaten zu unterschiedlichen internationalen Einsätzen in Krisenregionen. Doch erst seit der Beteiligung Deutschlands am Afghanistankrieg werden die seelischen Folgen dieser Einsätze thematisiert - immer häufiger kehren Soldaten traumatisiert von Auslandseinsätzen zurück.

Drei Soldaten unterhalten sich miteinander © NDR Fotograf: Joachim Samse

Allein 2010 wurden laut offiziellen Angaben 729 PTBS-Fälle bei Afghanistan-Heimkehrern gemeldet.

So hat sich die Zahl der Behandlungen von traumatisierten Soldatinnen und Soldaten von 2004 bis 2010 vervielfacht: 2004 wurden 100 Behandlungen von an PTBS erkrankten Soldaten erfasst, 2010 waren es laut offiziellen Zahlen bereits 729 Behandlungsfälle, im vergangenen Jahr 922. Absolute Zahlen von an PTBS erkrankten Soldatinnen und Soldaten gibt es derzeit nicht. Lediglich die Zahl der Neuerkrankungen wird seit Kurzem erfasst. So wurden im vergangenen Jahr 194 Neuerkrankungen festgestellt, im laufenden Jahr 54 Neuerkrankungen.


Unterstützung für traumatisierte Soldaten

Um die traumatisierten Soldaten zu unterstützen, hat die Bundeswehr in den vergangenen Jahren unterschiedliche Hilfsmaßnahmen ergriffen. 2010 wurde das Trauma-Zentrum in Berlin gegründet, in dem sowohl PTBS-Forschung als auch Behandlung von Trauma-Patienten stattfinden. Zudem gibt es das Angebot an Rückkehrer aus einem Einsatz, an Präventivkursen teilzunehmen. Die Kurse sollen dazu dienen, das Erlebte aufzuarbeiten, bevor sich seelische und psychische Folgen manifestieren können. Auch gibt es bei der Bundeswehr eine Telefonhotline, bei der sich Soldatinnen und Soldaten beraten lassen können.

Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz © ddp Fotograf: Torsten Silz

Im Bundeswehrkrankenhaus werden traumatisierte Soldaten behandelt.

Die Politik versucht ebenfalls, die Situation der betroffenen Soldaten zu verbessern. Dank eines 2011 verabschiedeten Gesetzes haben verwundete Soldaten künftig bereits ab 30 Prozent Erwerbsminderung Anspruch auf Weiterbeschäftigung im Bundesdienst. Dadurch werden nun auch viele schwer traumatisierte Soldaten berücksichtigt. Vor der Gesetzesänderung lag die Grenze bei 50 Prozent Erwerbsminderung. Zudem wurde die einmalige Entschädigungszahlung an schwer verletzt Soldaten von 80.000 Euro auf 150.000 Euro erhöht.


Deutsche Soldaten im Afghanistan-Einsatz

Die Bundeswehr ist seit mehr als 20 Jahren in Krisenregionen stationiert, zum Beispiel vor der Küste Somalias (Mission Atalanta), im Kosovo (KFOR) und im Sudan (UNAMID). 2001 gingen die ersten Bundeswehreinheiten nach Afghanistan, um im Rahmen der internationalen Schutztruppe ISAF an der Seite der US-Amerikaner gegen Terrorismus und Taliban zu kämpfen.

Anlass für den Einmarsch in Afghanistan waren die Terroranschläge am 11. September 2001 in New York, als Al-Qaida-Mitglieder Flugzeuge ins World Trade Center und ins Pentagon steuerten. Die Nato rief daraufhin erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall aus.

Drei Soldaten liegen im Gelände hinter einem kleineren Wall. Von dort schießen sie mit automatischen Gewehren auf mutmaßliche Aufständische. © Bundeswehr/vonSöhnen Fotograf: von Söhnen

4.800 deutsche Soldaten sind derzeit in Afghanistan.

Am 22. Dezember beschloss der Bundestag die Entsendung der Bundeswehr nach Afghanistan. Das Mandat wurde seither mehrfach verlängert. Nach Angaben der Bundeswehr leisten aktuell mehr als 4.800 deutsche Soldaten in Afghanistan ihren Dienst – von 2001 bis 2011 waren es insgesamt 98.0000 Soldaten. In diesem Zeitraum sind 52 deutsche Soldaten ums Leben gekommen – 34 von ihnen bei Gefechten, Anschlägen oder durch Minen und Sprengsätze. Die anderen 18 Soldaten starben bei Unfällen oder durch andere Umstände.


Trauma des Zweiten Weltkrieges

Im Zweiten Weltkrieg erlebten Millionen Zivilisten und Soldaten unvorstellbares Grauen. Auch Hunderttausende deutsche Soldaten kehrten nach Kriegsende mit den schrecklichen Bildern des Krieges im Kopf nach Hause zurück – und schwiegen. Viele ehemalige Wehrmachtsoldaten brauchten Jahre, bevor sie mit engen Vertrauten über ihre Erlebnisse sprechen konnten. Andere haben ihre Geschichten unerzählt mit ins Grab genommen.

Wie viele deutsche Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg an einem schweren Trauma in Form von PTBS litten, lässt sich heute nicht mehr sagen. Zwar belegen Unterlagen, dass Anfang der 50er Jahre etwa zwölf Prozent der Männer eine Kriegsopferrente aufgrund von psychiatrischen Störungen erhielten. Zu diesen zählten aber auch ehemalige Soldaten, die einen Nervendurchschuss oder einen Hirnschaden – also einen physischen Schaden - erlitten hatten.

Zerstörte Häuser in der Lübecker Altstadt nach dem Luftangriff im März 1942. © picture-alliance/akg-images

Zerstörung, Leid, Tot: Der Zweite Weltkrieg hat viele seelische Narben hinterlassen.

Dass es bis heute kaum möglich ist, detailliert über das Seelenleben der Wehrmachtsoldaten Aussagen zu treffen, hat verschiedene Ursachen. Zum einen galten psychische Störungen zu dieser Zeit als gesellschaftliches Stigma, so dass kaum jemand über die Narben auf seiner Seele sprach. Zum anderen ging die Medizin damals noch nicht davon aus, dass traumatische Kriegserlebnisse längerfristige Schäden bei Soldaten hinterlassen könnten. Der Gedanke, dass Ereignisse psychische Schäden nach sich ziehen können, war eng mit der Idee verbunden, dass dies nur bei Opfern der Fall sein könne. Die Wehrmachtsoldaten galten jedoch als Täter in einem menschenunwürdigen System, die Forschung und Analyse konzentrierte sich auf die Opfer der Nationalsozialisten.

Fest steht jedoch, dass viele ehemalige Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg bis heute den Krieg im Kopf immer wieder durchleben. Die unverarbeiteten Erlebnisse haben ihre Spuren hinterlassen.