Stand: 12.02.15 09:00 Uhr

Wie der "Islamische Staat" groß werden konnte

von Robert Liebscher

Ende 2014 kontrollierte der "Islamische Staat" (IS) mit mehreren Provinzen Syriens und des Iraks ein Gebiet von etwa 50.000 Quadratkilometern. Noch nie in modernen Zeiten hatte eine Terrororganisation solch ein Territorium erobert, um einen eigenen Staat aufzubauen. Mehrere Millionen Menschen leben derzeit in den eroberten Gebieten, mit Mossul und Rakka herrscht der IS zudem über zwei Großstädte. In welchem politischen Umfeld konnte sich der IS militärisch ausbreiten, wie rekrutiert der IS neue Kämpfer und wie finanziert sich die Dschihadistengruppe?

Politische Instabilität des Irak

Der ehemalige Ministerpräsident des Irak Nuri al-Maliki (2006-2014) © dpa - Bildfunk

Der ehemalige Regierungschef des Irak Nuri al-Maliki trat Mitte August 2014 zurück.

Der Irak als moderner Staat ging 1920 aus dem Zerfall des Osmanischen Reiches hervor und wurde von der Kolonialmacht Großbritannien aus drei osmanischen Provinzen neugebildet. Die daraus resultierende Vielfalt des Irak - Kurden im Norden, sunnitische Araber im Westen und schiitische Araber im Süden - ist nach dem Ende der Diktatur Saddam Husseins 2003 zum destabilisierenden Faktor für die staatliche Einheit geworden. Die schiitisch geprägte Regierung Nuri al-Malikis (2006-2014) versuchte die Bindung zum Iran zu stärken, während die irakischen Kurden ihren Autonomiestatus im Norden auszuweiten suchten. Die noch unter Saddam Hussein protegierte sunnitische Bevölkerung ist wiederum nach 2003 politisch marginalisiert worden und radikalisierte sich gegen die Regierung in Bagdad und die Besetzung durch die USA. Die sunnitische Revolte gegen die Zentralregierung des Irak wurde durch den Arabischen Frühling ab 2011 zusätzlich genährt, als sunnitische Proteste gewaltsam niedergeschlagen wurden. In dieser komplexen Situation konnten die Dschihadisten des heutigen IS mit Gewalt den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten anheizen, informelle Netzwerke im Untergrund ausbauen und zugleich Unterstützung durch alte Eliten des Hussein-Regime und irakische Stammesführer sammeln.

Der Traum vom Kalifat

Die Neuerrichtung eines Kalifats ist eine unter Sunniten verbreitete historische Heilserwartung. Der IS nutzt die Vorstellung eines neuerrichteten Kalifats, um so mental Legitimation und Unterstützung bei Sunniten zu erzeugen. Die Idee des Kalifats verbindet Sehnsüchte nach einem idealisierten Frühislam, in dem die muslimische Welt (umma) noch ungeteilt gewesen sei, mit dem Wunsch nach Einheit von religiöser und weltlicher Macht in einer Person. Diese Idealisierung des Kalifats besitzt eine lange historische Tradition, die der IS für seine Ziele zu nutzen sucht. Immer wieder wurde der Traum vom Kalifat als Gegenmodell zur erlebten Fremdherrschaft von Persern, Mongolen, Briten, Franzosen oder Osmanen im arabischen Raum beschworen. Die Inszenierung eines Kalifats soll jedoch nicht nur rückwärtsgewandte historische Sehnsüchte bedienen. Sie kann auch als bewusste Ablehnung des säkularen Nationalstaates interpretiert werden, der in den Ländern des arabischen Raumes im 20. Jahrhundert vor allem als Kolonie, Monarchie, Diktatur oder Militärregime erlebt wurde.

Mobil und grausam

IS-Kämpfer in der westirkaischen Provinz Anbar im Januar 2014. © picture alliance/AP Photo

IS-Kämpfer auf dem Vormarsch in die westirakischen Provinz Anbar im Januar 2014.

Militärisch setzt der IS auf eine mobile Taktik und das klassische Überraschungsmoment einer Guerilla. Mit gepanzerten Jeeps stoßen die Dschihadisten in breiter Front auf einen Gegner zu, während im angegriffenen Ort eingeschleuste Schläfer mit Sprengstoffanschlägen den Kampf eröffnen. Spätestens mit der Einnahme Mossuls im Juni 2014 verfügt die Terrormiliz zudem über schweres Kriegsgerät, wie Artillerie und Panzer. Die Kombination aus symmetrischer und asymmetrischer Taktik sowie der waffentechnologische Vorsprung sind die wesentlichen Faktoren für den militärischen Erfolg des IS im Sommer 2014. Gräueltaten wie Massenhinrichtungen oder Enthauptungen werden gezielt als Mittel psychologischer Kriegsführung eingesetzt. Die Gegner sollen abgeschreckt, die eigenen Reihen geschlossen bleiben. Die systematische Verbreitung von Kampf- und Gewaltbildern im Internet soll weltweit neue Kämpfer motivieren, sich dem Dschihad anzuschließen. Die personelle Stärke des IS ist schwer einzuschätzen, Experten gehen von mehreren Zehntausenden Kämpfern aus. Allein 20.000 ausländische Dschihadisten sollen sich 2014 der Terrormiliz angeschlossen haben.

Der Krieg ernährt den Krieg

Die eroberten Gebiete werden systematisch geplündert. Erbeutetes Geld wird unter eigenen Kämpfern aufgeteilt, beschlagnahmte Wohnungen und Läden werden verpachtet, Schmuck, Kunst- und Wertgegenstände an Händler veräußert. Auf ihrem Eroberungszug wurden zudem Tausende Syrer, Iraker und einige Dutzend Ausländer durch den IS als Geiseln gefangengenommen, um Lösegelder zu fordern. In eingenommenen Regionen wird ein Steuersystem aufgebaut, das in seiner Willkür jedoch eher Schutzgelderpressungen gleichkommt. Es sind überwiegend lokale Handwerker, Lkw-Fahrer und Händler, die hohe Summen an den IS abführen müssen. Die Einnahmen durch den Handel mit Erdöl werden hingegen häufig überschätzt. Es fehlen Facharbeiter und Materialien, die Fördermengen sind oft nur gering und werden über viele Zwischenhändler weitertransportiert. Dieses Handelsnetz funktioniert nur, weil zahlreiche Beteiligte, unabhängig ihrer Konfession oder Nationalität, an ihm mitverdienen. Ein Rechercheteam der "ZEIT" kommt zu dem Schluss, dass der IS durch seinen Eroberungsfeldzug zwar kurzfristig reich geworden sei, als Wirtschaftssystem aber nicht nachhaltig sein kann. Er muss erobern, um überleben zu können.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | #Beckmann | 23.02.2015 | 20:15 Uhr