12.10.15 | 21:45 Uhr

Wege aus der Schuldenfalle

von Sonja Pölig
Ein roter Bundstift liegt auf einem Papier mit Zahlen vor einem Taschenrechner. © fotolia.com Fotograf: Gina Sanders

Wie kriegt man seine Finanzen wieder in den Griff?

Wo beginnt die sogenannte Schuldenfalle? "Überschuldet sind Menschen, wenn sie mit ihrem Einkommen und ihrem Vermögen dauerhaft nicht mehr ihre fälligen Verpflichtungen bezahlen können, obwohl sie sich bereits eingeschränkt haben", erklärt Pamela Wellmann, Juristin im Fachbereich Kredit und Entschuldung bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Warnsignale erkennen

Klassische Warnzeichen sind ein dauerhaft ausgeschöpfter Dispokredit und Mahnungen, die immer häufiger ins Haus flattern. Wer diese Situation kennt, steht mit seinem Problem nicht alleine da: Etwa sechs bis sieben Millionen Deutschegelten heute als überschuldet, fast ebenso viele leben an der Grenze zur Überschuldung. Mit dem Rücken an der Wand reagieren viele Betroffene ähnlich. Anrufe werden ignoriert, Zahlungserinnerungen nicht mehr geöffnet - was die finanziellen Probleme weiter verschlimmert. Experten raten deshalb: handeln, damit die Schulden einem nicht endgültig über den Kopf wachsen.

Tipps bei hohen Schulden

1. Wichtige Gläubiger zuerst bedienen: Miet- und Energieschulden haben Vorrang!

2. Haushaltsbuch führen, um monatliche Ausgaben und Einnahmen zu überblicken
Mahnungen keinesfalls ungelesen in der Schublade verschwinden lassen

3. Sparmöglichkeiten prüfen, zum Beispiel bei Versicherungen, Telefon- und Energiekosten, Kleidung und Haushaltsgeräte gebraucht kaufen, zur Tafel gehen.

4. Erwägen, verzichtbare Gegenstände zu verkaufen

5. Professionelle Hilfe holen, zum Beispiel bei Verbraucherzentralen oder anerkannten gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen. Rechtzeitig einen Termin vereinbaren - leider gibt es häufig Wartefristen.

"P-Konto" zum Schutz vor Pfändung

Was viele Überschuldete nicht wissen: Im Falle eines Pfändungsbescheids gibt es gesetzliche Freibeträge und einen Basisschutz. Verbraucherschützerin Wellmann: "Man hat ein Recht darauf, Miete, Energiekosten und Lebensunterhalt bezahlen zu können." Ein Schuldner kann deshalb bei seiner Bank beantragen, dass sein Girokonto in ein Pfändungsschutzkonto (kurz: P-Konto) umgewandelt wird. Damit ist ein Grundfreibetrag von monatlich 1.073,88 Euro vor dem Zugriff geschützt. Ein P-Konto bleibt weiterhin ein Girokonto, mit dem der normale Zahlungsverkehr abgewickelt werden kann. Schuldner, die belegen können, dass sie eine Familie zu versorgen haben, erhalten zusätzliche Freibeträge: für die erste Person 404,16 Euro, für die zweite bis fünfte Person jeweils 225,17 Euro.

Vorsicht bei Umschuldungsangeboten

Verbrauchern, die zum Beispiel nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes nicht mehr ihren Kreditverpflichtungen nachkommen können, bieten Banken häufig eine Umschuldung an. Juristin Wellmann mahnt zur Vorsicht: "Das heißt, ich bekomme einen neuen Kredit, es werden neue Gebühren fällig, neue Versicherungen - das ist alles ungeheuer teuer. Die Banken verdienen noch daran, aber der Kunde wird diesen zweiten Kredit oft dann auch nicht bedienen können." Ihre Forderung an die Banken: Sie sollen flexibler werden. "Man könnte eine Zeit lang auch mal die Raten senken, um sie dann hinterher wieder zu steigern, wenn sich die finanzielle Situation verbessert hat - ohne dass daraus ein Riesengeschäft gemacht wird."

Pamela Wellmann im Gespräch mit Reinhold Beckmann © NDR/beckground tv

"Jeder sollte private Vorsorge betreiben"
Der Hauptgrund für Verschuldung ist eine plötzliche Einkommensreduzierung, weiß Entschuldungs-Expertin Pamela Wellmann. Das Risiko für Menschen ohne private Vorsorge ist besonders hoch.

Verbraucherinsolvenz als möglicher Ausweg

Bei einer Schuldnerberatungsstelle geht ein Experte zunächst gemeinsam mit dem Verbraucher durch, welche Schulden vorhanden sind und wie viel Einkommen zur Verfügung steht. Dann geht es ans Krisenmanagement. Die Berater stellen beispielsweise einen neuen Haushaltsplan auf und verhandeln mit Gläubigern, um eine einvernehmliche, außergerichtliche Lösung zu finden. Wenn alle Versuche scheitern, die Schulden loszuwerden, bleibt zum Schluss nur ein Ausweg: die Verbraucherinsolvenz. Sie wird auch Privatinsolvenz genannt und bietet überschuldeten Verbrauchern die Möglichkeit, nach regulär sechs Jahren (plus Vorbereitungszeit) schuldenfrei zu sein und einen wirtschaftlichen Neuanfang zu starten.

Das Verfahren läuft in folgenden Schritten ab:

  • 1. Außergerichtlicher Einigungsversuch

    Versuch einer Einigung mit den Gläubigern - zum Beispiel Ratenzahlung oder Teilerlass. Eine Bescheinigung einer zugelassenen Insolvenzberatungsstelle über den außergerichtlichen Einigungsversuch ist Voraussetzung für einen Insolvenzantrag. Bei Erfolg ist kein weiteres Verfahren mehr nötig. Zugelassen sind Schuldnerberatungen oder z.B. Rechtsanwälte, die allerdings gegen Honorar arbeiten. Öffentliche Schuldnerberatungsstellen, wie die von Wohlfahrtsverbänden, beraten in der Regel entgeltfrei.

  • 2. Antrag beim Insolvenzgericht

    Antrag auf Eröffnung des gerichtlichen Insolvenzverfahrens und Antrag auf Restschuldbefreiung.

  • 3. Eventuell gerichtliches Schuldenbereinigungsverfahren

    Gerichtlicher Versuch, eine gütliche Einigung zwischen Schuldner und Gläubigern zu erreichen. Dieser Schritt entfällt, wenn das Gericht ihn als aussichtslos einschätzt, beispielsweise, weil die Mehrheit der Gläubiger schon beim außergerichtlichen Einigungsversuch Ablehnung signalisiert hat. Akzeptieren die Gläubiger den Schuldenbereinigungsplan, kommt es zu einer Art Vergleich - nicht zur Privatinsolvenz.

  • 4. Eröffnung des Insolvenzverfahrens

    Feststellung der Vermögens- und Schuldensituation. Einsetzung eines Insolvenzverwalters/Treuhänders. Dieser verwertet das pfändbare Vermögen des Schuldners und verteilt die Erlöse an die Gläubiger.

  • 5. Wohlverhaltensphase

    Abtretung des pfändbaren Einkommens (laut Pfändungstabelle) an den Insolvenzverwalter. Dieser zahlt meist einmal jährlich an die Gläubiger aus. Verpflichtung zu angemessener Erwerbstätigkeit und zur Mitteilung wesentlicher Änderungen an Gericht und Insolvenzverwalter. Dauer: bis zu sechs Jahre ab Eröffnung des Insolvenzverfahrens

  • 6. Erteilung der Restschuldbefreiung

    Nach Ablauf der Wohlverhaltenszeit entscheidet das Gericht über die Befreiung des Verbrauchers von seinen restlichen Schulden. Bei "redlichen Schuldnern", die ihre Verpflichtungen erfüllt haben, wird das Gericht dem Antrag stattgeben.

    Ausnahmen: Zum Beispiel gestundete Verfahrenskosten innerhalb von vier Jahren, pflichtwidrig nicht gezahlte Unterhaltsansprüche oder hinterzogene Steuern müssen trotzdem bezahlt werden, wenn der Schuldner später wieder zu Geld gekommen ist.

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Verkürztes Verfahren möglich

Seit 1. Juli 2014 ist bei einer Verbraucherinsolvenz eine "vorzeitige Restschuldbefreiung" möglich - das heißt, unter bestimmten Voraussetzungen ist der Betroffene schneller schuldenfrei. Das Verfahren kann auf Antrag auf fünf Jahre verkürzt werden, wenn bis dahin alle Verfahrenskosten bezahlt sind. Wenn zusätzlich noch 35 Prozent der Gläubigerforderungen binnen drei Jahren beglichen sind, ist eine Restschuldbefreiung schon zu diesem Zeitpunkt möglich. Dies ist der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen zufolge jedoch selten der Fall. Die Restschuldbefreiung wird sofort erteilt, wenn entweder kein Gläubiger Forderungen angemeldet hat oder wenn alle angemeldeten Forderungen getilgt sind. Die Verfahrenskosten müssen in beiden Fällen allerdings beglichen sein.

Alternative Insolvenzplan

Eine andere Möglichkeit, im laufenden Verfahren vorzeitig seine Schulden loszuwerden, ist, einen Insolvenzplan zu vereinbaren. Diese Regelung ist seit dem 1. Juli 2014 neu. Der Schuldner kann den Gläubigern z.B. einen bestimmten Prozentsatz der Schulden als Sofortzahlung anbieten. Nimmt die Mehrheit der Gläubiger das Angebot an und wird der Plan gerichtlich festgestellt, ist der Verbraucher schuldenfrei.

Kosten

Eine Privatinsolvenz gibt es nicht umsonst. Es entstehen Gerichtskosten, und auch der Insolvenzverwalter/Treuhänder muss bezahlt werden. Reicht das Vermögen nicht aus, um die Kosten des Verfahrens zu decken, heißt das aber nicht, dass der Betroffene nicht ins Insolvenzverfahren gehen kann. In diesem Fall kann er beantragen, dass die Verfahrenskosten gestundet werden.

Arbeitgeber erfährt von Insolvenzverfahren

Schuldenexpertin Wellmann weiß: Eine Verbraucherinsolvenz ist nicht für jeden auf Anhieb vorstellbar, viele lehnen sie zunächst aus Scham ab. Da der pfändbare Teil des Gehalts direkt an den Insolvenzverwalter überwiesen wird, erfährt der Arbeitgeber von der finanziellen Not seines Mitarbeiters. Dazu kommt, dass manche Menschen sich moralisch verpflichtet fühlen und unbedingt ihre Schulden zurückzahlen wollen, berichtet Wellmann: "Das ist auch anzuerkennen, keine Frage. Aber es führt zu nichts. Wenn ich feststelle, dass die Perspektiven nicht da sind, wenn ich das Einkommen nicht habe, dann bringt es niemandem etwas, wenn hier und da Raten gezahlt werden." Weder dem Schuldner, noch seinen Gläubigern.

Stand: 12.10.15 12:00 Uhr