29.06.15 | 20:30 Uhr

Zahlen und Fakten zum demografischen Wandel

Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie die Zukunft unserer Altersversorgung. Und wohl kein Politiker würde heute noch wie der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) 1986 behaupten: "Die Rente ist sicher." Denn unsere im Prinzip 120 Jahre alte staatliche Rentenversicherung steht vor einer Härteprobe: Der demografische Wandel untergräbt das Solidaritätsprinzip. Damit Senioren eine ausreichende Rente erhalten, müssen genügend Einzahler das Geld erwirtschaften. Doch die Zahlen zeigen, dass das schwierig wird:

  • Wir leben im Durchschnitt länger.
  • Geburtenstarke Jahrgänge kommen ins Rentenalter.
  • Die Zahl der Kinder nimmt ständig ab und damit die Zahl der späteren Erwerbstätigen.

Die Fakten

Altersverteilung der Bevölkerung Deutschlands für das Jahr 1960 © Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2015

1960 gab es kaum Menschen, die älter als 90 Jahre alt waren.

Steigende Lebenserwartung
Statistisch gesehen werden die Menschen in Deutschland seit Jahrzehnten immer älter. Wer heute geboren wird, hat laut der "13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung" des Statistischen Bundesamts gute Chancen, durchschnittlich 78 Jahre (Männer) beziehungsweise 83 Jahre (Frauen) alt zu werden. Zur steigenden Lebenserwartung tragen vor allem medizinische Fortschritte bei, aber auch Faktoren wie gesündere Ernährung und verbesserte Arbeits- und Wohnbedingungen.

Besonders interessant ist, dass die sogenannte fernere Lebenserwartung steigt. Wer heute 65 ist, kann durchschnittlich noch weitere 17 Jahre (Männer) beziehungsweise 20 Jahre (Frauen) leben. 1986 waren das noch drei Jahre weniger. Die Zeitspanne nach dem Erwerbsleben wird also größer.

Altersverteilung der Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2015 © Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2015

Die Generation der Babyboomer ist deutlich zu erkennen.

Geburtenstarke Jahrgänge
Zwischen 1955 und 1969 stiegen die Geburtenzahlen in Deutschland stark an, jetzt stehen die ersten Babyboomer kurz vor der Rente. In der Altersverteilung der Bevölkerung sind sie als Ausbuchtung zu erkennen, die sich in den kommenden Jahren nach oben verschieben wird.

Niedrige Geburtenraten
Dieser "Kopf" der Babyboomer-Generation steht auf einem im Prinzip immer dünner werdenden Bevölkerungsfundament. Denn in den 1970er-Jahren ist die bis dahin hohe Geburtenrate von 2,5 Kindern pro Frau eingebrochen, mittlerweile liegt sie statistisch bei 1,4 Kindern. Die geringe Geburtenrate wird bis zu einem gewissen Punkt von der Zuwanderung aufgefangen.

Der Generationenvertrag

Prognose der Altersverteilung der Bevölkerung Deutschlands für das Jahr 2030 © Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2015

2030 erwarten Demografen, dass 28 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein wird.

Der demografische Wandel ist eine der größten Herausforderungen für die gesetzliche Rentenversicherung, die auf dem Solidaritätsprinzip beruht: Junge Erwerbstätige erwirtschaften die Rentenbezüge heutiger Ruheständler. Gesetzlich versichert ist der Großteil der abhängig Beschäftigten; Beamte und einige freie Berufe wie Ärzte und Juristen haben traditionell ihre eigene Versorgung. In den ersten Jahrzehnten nach Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung mussten vergleichsweise wenige Ruheständler versorgt werden. 1939 waren acht Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt, 1960 gerade einmal zwölf Prozent.

Doch der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung steigt nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamts von heute 21 Prozent auf 28 Prozent im Jahr 2030, wenn es nicht zu einer starken Zuwanderung kommen wird. Angesichts dieser Entwicklung sehen Experten wie der Sozioökonom Martin Werding das jetzige Versicherungssystem in Gefahr: "Wir haben eine Gegebenheit, wo jede Generation ein Drittel kleiner ist als die letzte, wenn unsere Geburtenzahlen so bleiben. Die Alten leben auch immer länger. Da kriegt man mit einem Umlagesystem es einfach nicht gestemmt, auskömmliche Renten zu zahlen."

Eine Frage der sicheren Rente

Der Umgang mit den Folgen einer älter werdenden Gesellschaft wird seit Jahrzehnten politisch heftig diskutiert. Bereits 1997 wurde beschlossen, das Rentenniveau von 70 auf 64 Prozent abzusenken. 2001 wurde das Ziel aufgegeben, den Lebensstandard im Alter alleine durch die gesetzliche Rente zu sichern, wie die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt. Bis heute ist das Rentenniveau deutlich gesunken und liegt bei der Standardrente netto vor Steuern bei unter 50 Prozent. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung wird geschätzt, dass 2014 eine Standardrente nach 45 Beitragsjahren und einem Durchschnittsverdienst bei 1.277 Euro liegt.

Damit das Rentenversicherungssystem dennoch funktioniert und jüngere Einzahler nicht zu stark mit immer höheren Beiträgen belastet werden, sehen Experten nur eine Lösung: Künftig müssen die Deutschen länger arbeiten. Außerdem appelliert die Politik, zusätzlich zur gesetzlichen Rente privat für das Leben im Alter vorzusorgen. Mit den bisherigen Anpassungen - Rente mit 67, abgesenktes Rentenniveau - sei das System bis 2030 stabil, glaubt Sozioökonom Martin Werding. Allerdings: "Danach schlägt der demografische Wandel dann richtig zu."